Jahresrückblick: Der krasseste Präsident einer Demokratie

·Reporter
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Brasiliens Staatsoberhaupt Jair Bolsonaro jagt seit seiner Wahl vor eineinhalb Jahren von einem Skandal zum anderen. Für das Land ist er ein Fluch.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro im Dezember in Brasilia (Bild: REUTERS/Adriano Machado)
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro im Dezember in Brasilia. (Bild: REUTERS/Adriano Machado)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Jair ist ein häufiger Name. Wer indes damit Suchmaschinen füttert, landet sofort bei Jair Bolsonaro. Berühmt ist er, der 66-jährige Präsident Brasiliens. Allgemeines Erregen von Aufsehen ist die Währung, mit der er seit Jahren bezahlt – seit er im Jahr 1991 in das brasilianische Parlament einzog, mit wechselnden Parteien, und dann 2019 überraschend zum Präsidentenamt kam.

Bolsonaro ist, gelinde formuliert, ein Phänomen. In der Politik behauptete er sich in den vergangenen Jahrzehnten als kleines Licht, das nur auffiel, weil es gegen andere Menschen hetzte – vornehmlich gegen machtpolitisch gesehen Schwächere und Minderheiten, also gegen Frauen, Schwarze, homosexuell orientierte Menschen, halt das ganze Programm. Sich selber findet er natürlich stark und unwiderstehlich. Nicht überraschend, dass er in dritter Ehe mit einer 27 Jahre jüngeren Frau verheiratet ist. Bolsonaro ist ein klassischer Faschist. Für die Macht tut er einiges.

Und so haben ihn die Leser des Magazins "Time" zur aktuellen "Person des Jahres" gewählt – wegen des Einflusses, den er ausgeübt hat. Nicht, dass sie diesen als besonders toll einschätzen würden, aber eben als effektiv. In Falle Bolsonaros leider sehr wirksam negativ.

Eine Liste lauter Scheiterns

Da sind die 600.000 an Corona gestorbenen Brasilianer*innen. Bolsonaro leugnete die Gefahr des Virus, als die Pandemie schon wütete. Er log, dass sich die Balken bogen, als wollte er ins Guinnessbuch der Rekorde für den größten Schwachsinn: Mal sagte er, das Virus könne dem starken brasilianischen Mann nichts anhaben, dann behauptete er, Geimpfte würden sich in Kaimane verwandeln – und schließlich, sie würden schneller an Aids erkranken. Ob er selbst so dumm ist und glaubt, was er sagt, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Aber auf jeden Fall setzt er auf die Dummheit jener, die ihn wählen sollen.

Wie es sich für rechte Autokraten gehört, denkt er nur an Macht.

Demokratie ist nichts für ganze Kerle

Gefolgsleute beschenkt er, um sie zu halten. Korruptionsvorwürfe gegen politische Freunde und Familienmitglieder ebben nicht ab. Den Regenwald ließ er in den vergangenen Monaten berserkerartig abholzen – es geht darum, Pfründe zu verteilen; die Natur hat keine Wählerstimme. Da er im Pandemiemanagement versagt, leidet die Wirtschaft und wendet sich von ihm ab. Nach aktuellen Umfragen spricht sich nur noch ein Fünftel der Bevölkerung für ihn aus. Sein Kontrahent von den Sozialdemokraten liegt derzeit mit 20 Prozentpunkten vorn. Im kommenden Oktober wird gewählt, und so legt sich Bolsonaro jetzt schon ins Zeug: Zum einen verteilt er Hilfsgelder an arme Familien, was er früher immer kritisiert hatte. Und zum anderen streut er Zweifel am Wahlsystem, wittert Manipulationen, eben ganz auf der billigen Verschwörungsebene, wo nichts bewiesen, sondern nur behauptet werden muss. Er macht auf Donald Trump, der ebenfalls mit dieser Nummer im Amt bleiben wollte, aber letztlich nicht durchkam.

Bolsonaro hat noch ein anderes Vorbild. Der ehemalige Hauptmann der Streitkräfte sehnt sich nach einer Rückkehr der Militärdiktatur, die bis 1985 andauerte und für ihn eine "glorreiche Epoche" war. Demokratie erscheint ihm nur als Mittel zum Zweck, und der ist kein guter. Es wäre allen geholfen, wenn Bolsonaro nicht ein weiteres Mal zur "Person des Jahres" gewählt werden würde und die Welt ihn rasch vergisst.

Im Video: Nur noch Geimpfte dürfen nach Brasilien reisen

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