Jedediah Purdy: "Die Benachteiligten werden dem Virus zum Fraß vorgeworfen"

Elisabeth von Thadden
·Lesedauer: 3 Min.

Jedediah Purdy blickt mit Sorge auf die USA. Derzeit zeige sich, dass das Land politisch nicht krisenfest sei, sagt der Verfassungsrechtler von der Columbia University.

Die Wählerschaft von Donald Trump habe sich dessen Haltung, "dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht", sagt Jedediah Purdy. "Das ist eine Form des sozialen Sadismus." © Mandel Ngan/​AFP/​Getty Images
Die Wählerschaft von Donald Trump habe sich dessen Haltung, "dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht", sagt Jedediah Purdy. "Das ist eine Form des sozialen Sadismus." © Mandel Ngan/​AFP/​Getty Images

Wir wollen die Virologen mit der Deutung der Lage nicht allein lassen. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften, was sie in der Krise zu bedenken geben und worüber sie sich nun den Kopf zerbrechen. Die Fragen stellt Elisabeth von Thadden. Der Professor für Rechtswissenschaften Jedediah Purdy, 46, lehrt in New York an der Columbia University. Zuletzt erschien sein Buch "Die Welt und wir: Politik im Anthropozän" (2020).

ZEIT ONLINE: Worüber denken Sie gerade nach, Jedediah Purdy?

Jedediah Purdy: Ich denke darüber nach, wie eine Gesellschaft das Zusammenleben so gestalten kann, dass sie weniger anfällig für eine Krankheit wie Corona wird. Denn was einem von uns schadet, schadet ja allen. Ein Gesellschaftssystem wie das US-amerikanische, das von den Einzelnen fordert, zu individuellen Überlebenskünstlern zu werden und die Pandemie irgendwie allein durchzustehen, verteilt die Ansteckungsgefahr auf sehr ungleiche Weise. Es gefährdet so letztlich jeden. Wir sehen in den USA, was geschieht, wenn eine Gesellschaft, die ja an manche Grausamkeit gewöhnt ist, sich politisch nicht krisenfest macht: Dann ziehen sich die Reichen aus dem Zusammenleben auf ihre Landsitze zurück, die Mittelklasse isoliert sich nach Kräften im Homeoffice und auf dem Rücken der Arbeitenden, die sich den physischen Begegnungen nicht entziehen können, wird die Last abgeladen. Insofern gleicht die Pandemie der Klimakrise: Sie hebt unsere wechselseitige Abhängigkeit und ungleiche Vulnerabilität hervor und dabei sind jene im Vorteil, die ohnehin die Hebel der Macht in den Händen halten. Die Benachteiligten werden dem Virus sozusagen zum Fraß vorgeworfen. Je nachdem, wie die Pandemie politisch gestaltet wird, sind Menschen dann füreinander Feinde oder aber miteinander Problemlösende.

ZEIT ONLINE: Wenn das so ist, rätselt Europa, warum haben dann so viele der Benachteiligten Donald Trump und damit die gesteigerte Lebensgefahr gewählt?

Jedediah Purdy © privat
Jedediah Purdy © privat

Purdy: Ich möchte mit der Antwort zuerst anders ansetzen: Ich denke viel darüber nach, ob das politische System der USA überhaupt in der Lage ist, wirklich demokratisch zu sein. Denn aufgrund der US-Verfassung humpeln oder hinken die Institutionen: Sie verhelfen immer wieder, zuletzt während der Präsidentschaft Donald Trumps, der Minderheit zur Macht, die dann den Präsidenten, den Senat und den Supreme Court bestimmt, während die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler mit ihren Repräsentanten nicht die Regierung stellt, was nun aber Biden und Harris gelingt. Auf diese Weise können sich beide Gruppen, die Republikaner ebenso wie die Demokraten, als legitime Mehrheit verstehen. Das muss keine Katastrophe bedeuten, solange beide Gruppen einander nicht so stark polarisiert gegenüberstehen wie heute. Doch unter den gegenwärtigen Bedingungen sind hier zwei Welten kaum in der Lage, auch nur die Legitimität der anderen anzuerkennen. Die Republikaner gehen in ihrer Intoleranz und mit ihrer institutionellen Macht noch einen Schritt weiter, sie sprechen den Demokraten geradezu jegliches Recht zu regieren ab. Ohne ein allseits geteiltes Verständnis von legitimer Macht und ohne die Anerkennung von bindenden Wahlergebnissen kann aber keine Partei wirklich regieren. Das ist die Gefahr, in der wir leben.

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