Jeder Flirt hat Grenzen

Anzügliche Bemerkungen, Anmachversuche und ungefragte Berührungen - jede zweite Frau in Deutschland gibt an, mindestens ein Mal Opfer sexueller Belästigung gewesen zu sein. Auch am Arbeitsplatz kommt es zu diesen Grenzüberschreitungen. Doch das muss sich keine Frau gefallen lassen.

Deutschland streitet über Sexismus. Ein Artikel im "Stern" über die Zudringlichkeit eines Spitzenpolitikers hat die Debatte entfesselt. Längst geht es dabei aber nicht mehr nur um den FDP-Politiker Rainer Brüderle, der eine Journalistin sexuell belästigt haben soll. Sondern auch um die vielen kleinen und großen Anzüglichkeiten denen hauptsächlich Frauen im Alltag ausgesetzt sind.

Doch ab wann überschreitet ein harmloser Flirt die Grenze hin zur Belästigung? Genau diese Frage beschäftigt viele Frauen, besonders in ihrem Arbeitsumfeld. Genau wegen dieser Frage schweigen viele, auch wenn sie sich bedrängt fühlen. Weil sie nicht als Zicke dastehen möchten, weil der Übeltäter ein Vorgesetzter ist und die Betroffenen fürchten, einen Nachteil zu erleiden, falls sie sich wehren oder weil sie sich selbst die Schuld für die Grenzüberschreitung geben.

In einer repräsentativen Untersuchung des Bundesfamilienministeriums gaben fast 60 Prozent der befragten Frauen an, bereits Opfer sexueller Belästigung gewesen zu sein. Bei  22 Prozent der Befragten fand der Übergriff am Arbeitsplatz statt. Manche waren von der Erfahrung so traumatisiert, dass sie panische Angst davor hatten, wieder ins Büro zu gehen.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) definiert sexuelle Belästigung als "unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das die Würde der betreffenden Person verletzt". Ausdrücklich inbegriffen sind auch "sexuell bestimmte körperliche Berührungen" und "Bemerkungen sexuellen Inhalts".

Der klassische Busengrapscher ist demnach ganz klar eine Belästigung, die sich keine Frau gefallen lassen muss. Aber auch anzügliche Bemerkungen über Kleidung und Körper gehen zu weit. Auch das aufdringliche Werben eines Kollegen muss keine Frau ertragen. Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer bloggte dazu: "Genug runtergeschluckt. Genug gelächelt. Jetzt wird es wieder ernst." Doch wie können sich die Betroffenen gegen das Verhalten wehren?

Welche rechtlichen Möglichkeiten haben Betroffene?

Manchmal kann ein Gespräch die Situation klären und dafür sorgen, dass es zu keiner weiteren Belästigung mehr kommt. Falls die Betroffene aber nicht den Mut hat, sich direkt gegen die Übergriffe zur Wehr zu setzen, stellt das AGG vier Möglichkeiten zur Verfügung:

1. Ein Beschwerderecht: Die Betroffenen können sich bei der zuständigen Stelle im Betrieb über die Belästigung und den Täter beschweren.

2. Ein Leistungsverweigerungsrecht: Ergreift der Arbeitgeber keine oder unwirksame Maßnahmen, können die betroffenen Beschäftigten ohne Nachteile die Arbeit verweigern.

3. Anspruch auf finanzielle Entschädigung: Der Benachteiligte hat gegen seinen Arbeitgeber einen Anspruch auf Schadensersatz wegen der materiellen sowie der immateriellen Schäden.

4. Klage einreichen: Die Betroffenen können sich auch an ein Gericht wenden, wenn beispielsweise der Arbeitgeber sich nicht ausreichend um den Schutz für die Angestellten kümmert.


Wie  muss der Arbeitgeber reagieren?

Das Gesetz verpflichtet den Arbeitgeber, die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Angestellten zu treffen. Zu den vorbeugenden Maßnahmen gehört, das Gleichbehandlungsgesetz im Betrieb bekannt zu machen. Zudem muss der Arbeitgeber auch angeben, an wen sich Betroffene wenden können.

Sollte es zu einer Belästigung kommen, muss sich der Arbeitgeber darum kümmern, dass die Betroffenen geschützt werden. Dazu muss er alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, die notwendig sind. Das reicht von einer Versetzung oder Abmahnung bis hin zur Kündigung. Das Opfer darf dabei keine Nachteile erleiden.

Damit der Arbeitgeber einschreiten kann, muss der Vorwurf plausibel und belegt sein - er kann nicht allein auf Verdacht Mitarbeiter abmahnen. Wenn es für die Belästigung keinen Zeugen gibt, steht Aussage gegen Aussage. Deshalb ist es wichtig, andere Kollegen ins Vertrauen zu ziehen. Wenn sie ähnliche Erlebnisse gemacht haben, ist der eigene Fall glaubwürdiger.

Falls die Belästigung nicht von einem Kollegen oder Vorgesetzten ausgeht, sondern durch Dritte, steht der Arbeitgeber trotzdem in der Pflicht, seine Angestellten zu schützen. Ein solcher Fall kann beispielsweise eintreten, wenn eine Verkäuferin oder eine im Außendienst beschäftigte Arbeitnehmerin sexuell belästigt wird. Dann hat der Arbeitgeber einzuschreiten.

 Was haben Gericht in der Vergangenheit als sexuelle Belästigung anerkannt?

Die Gerichte in Deutschland haben bereits diverse Entscheidungen bezüglich sexueller Belästigung gefällt. In folgenden Fällen sprachen Richter von grober sexueller Belästigung:

Berührung der weiblichen Brust

Kneifen und Klapsen des Gesäß

Vulgäre und obszöne Äußerungen

Erzwungene sexuelle Handlungen

Aufgedrängte körperliche Berührungen

Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung einer Vorgesetztenposition

Aufforderung zu  sexuellen Handlungen

  

Aber auch diese Handlungen gelten als sexuelle Belästigung:

Unerwünschte Einladungen oder Briefe mit eindeutiger Absicht

Bemerkungen mit sexuellem Inhalt

Wiederholtes dichtes Herantreten an Kolleginnen


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