Journalisten-Wanderung: Warum wechseln so viele ARD-Moderatoren zu Privatsendern?

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Zuletzt haben mehrere Moderatoren die ARD in Richtung Privatsender verlassen, neuerdings auch die "Tagesthemen"-Sprecherin Pinar Atalay. Was hat diese Entwicklung zu bedeuten?

BERLIN, GERMANY - SEPTEMBER 02:  Pinar Atalay visits the ARD stand at 2016 IFA tech fair on September 2, 2016 in Berlin, Germany.  (Photo by Matthias Nareyek/Getty Images)
"Tagesthemen"-Moderatorin Pinar Atalay wechselt von der ARD zum Privatsender RTL (Bild: Matthias Nareyek/Getty Images)

Auch Pinar Atalay tut es. Die "Tagesthemen"-Moderatorin verlässt die ARD in Richtung RTL. Sie ist bekanntermaßen kein Einzelfall. Der öffentlich-rechtliche Rundfunkverbund zählt schon so manche Journalisten, Moderatoren und Sprecher, die zu einem Privatsender abgewandert sind – so wie die ehemaligen "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer und Linda Zervakis, die bei RTL bzw. Pro Sieben neue Arbeitsplätze gefunden haben. Wieso, weshalb, warum? Wie ist diese Journalisten-Wanderung einzuordnen?

Aus Sicht der ARD-Abtrünnigen dürften die beruflichen Chancen interessant sein, die ihnen die kommerziellen Fernsehsender bieten. Weder Hofer noch Zervakis und Atalay landen bei RTL oder Pro Sieben hinter den Kulissen. Im Gegenteil, ihre neuen Arbeitgeber rücken sie ins Rampenlicht. Hofer bekommt bei RTL ab Spätsommer eine wochentägliche Nachrichtensendung, in der er Anchorman ist. Zervakis moderiert künftig zusammen mit Matthias Opdenhövel – der übrigens seine Moderation der ARD-Sendung "Sportschau" gekündigt hat – ein journalistisches Magazin. Atalay wird bei RTL nicht nur durch so manches Format führen, sondern auch die Verantwortung haben, wie es hieß, die "Informations- und Nachrichtenangebote" des Senders "in zentraler Rolle" mitzugestalten.

War Jan Hofers Teilnahme an der Tanzsendung
War Jan Hofers Teilnahme an der Tanzsendung "Let's Dance" ein Vorgeschmack auf seine Zeit als Moderator bei RTL? Wird er es beim Privatsender lockerer angehen lassen? (Bild: Andreas Rentz/Getty Images)

Neuer Job, neue Chancen, mehr Geld?

Die Job-Angebote haben die Journalisten dankend angenommen. Aus gutem Grund, geht für sie der Wechsel doch auch mit einem beruflichen Aufstieg einher. "Jetzt steht der Name drauf, das hatte ich vorher noch nicht", sagte der neue ProSieben-Star Zervakis in einer Stellungnahme. Atalay, die bald also nicht nur eine moderierende, sondern auch eine gestaltende Rolle haben wird, findet: Ihr neuer Arbeitgeber meine "es gut mit ernstem Journalismus". Sie freue sich darauf, am Prozess teilzuhaben, das "journalistische Profil von RTL in diesen spannenden Zeiten" zu stärken. Und auch Hofer "freut sich" – über eine Aufgabe, die er als "mein Projekt" bezeichnet.

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Die Freude der Journalisten werden auch die höheren Gehälter nicht gedämpft haben, mit denen die Privatsender sie vermutlich angelockt haben. Dass die Gagen zumindest der "Tageschschau"-Moderatoren Hofer und Zervakis nicht besonders hoch waren, zeigt eine Offenlegung ihres ehemaligen Arbeitgebers. Die Sprecherinnen und Sprecher bekommen demnach für die Hauptausgabe der Nachrichtensendung 259,89 Euro. Aber auch die Gehälter der anderen Mitarbeiter von ARD und ZDF dürften gedeckelt sein, immerhin gibt es die Behörde Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, die über die Verteilung der Einnahmen aus den Rundfunkgebühren wacht. Anders dürfte es bei den werbefinanzierten Medienkonzernen RTL Group und ProSiebenSat.1 ablaufen, die werden bei der Entlohnung ihrer TV-Stars aus einem deutlich Volleren schöpfen.

BADEN-BADEN, GERMANY - NOVEMBER 21:  Linda Zervakis speaks on stage during the 71st Bambi Awards show at Festspielhaus Baden-Baden on November 21, 2019 in Baden-Baden, Germany. (Photo by Andreas Rentz/Getty Images)
Linda Zervakis moderiert künftig bei ProSieben eine Info-Sendung (Bild: Andreas Rentz/Getty Images)

Das Kalkül der Privatsender

Die Journalisten-Transfers sind ein Geben und gleichzeitig ein Nehmen. Auch die Privatsender werden von den ehemaligen ARD-Profis profitieren. Immerhin bringen Atalay und Co. nicht nur Knowhow und Erfahrung mit, sie haben auch jeweils eine Portion Seriosität im Gepäck. Und damit werden die Privatsender endlich ihr Trash-Image loswerden wollen. Es ist kein Zufall, dass die Verpflichtung von Hofer und Atalay einhergeht mit dem Rauswurf von Dieter Bohlen aus "Deutschland sucht den Superstar" und der Absetzung der Sendung "Pocher – Gefährlich ehrlich" mit Oliver Pocher.

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Die offenkundige Neuausrichtung von RTL und ProSieben hat auch einen finanziellen Beweggrund. Die Quoten und die Werbeeinnahmen sind bei den Privatsendern "leicht rückgängig", wie das Nachrichtenmagazin Spiegel schreibt. Gleichzeitig erfreuen sich informative Formate sowie Diskussions- und Spezialsendungen in Zeiten von Corona, aufstrebendem Populismus sowie Klima- und Technologiewandel eines großen Publikumsinteresses. Atalay hat es in ihrer Stellungnahme schon angedeutet: In "spannenden Zeiten" ist "ernster Journalismus" gefragt. Und was gefragt ist, sorgt für Quote, und Quote sorgt für Geld.

Fragt sich nur, ob das Kalkül der Privatsender aufgeht. Während das die Zukunft zeigen wird, ist eines heute schon gewiss: Die Last, die die ARD-Journalisten zu schultern haben, ist groß. Denn sie wiegt schwer, die doppelte Verantwortung, das Image von RTL, ProSieben und Konsorten aufzupolieren und gleichzeitig die Sender wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Es ist zumal auch aus ihrer Sicht ein riskantes Unterfangen: Sie mögen Qualität zu ihren neue Arbeitsplätzen mitbringen, es wäre aber nicht das erste Mal, würde Qualität zerrieben werden unter dem Druck eines Unternehmens, wirtschaftlich zu sein.

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