Julia Ducournau über ihren Film «Titane»

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Berlin (dpa) - Mit ihrem Triumph beim Filmfest Cannes schrieb die Französin Julia Ducournau Festivalgeschichte: Sie war die erst zweite Frau, die die Goldene Palme für den besten Film gewann - und sogar die erste Frau, die den begehrten Hauptpreis alleine bekam, ohne ihn sich mit einem Regisseur teilen zu müssen.

Das war im Juli, als «Titane» von Julia Ducournau mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Nun kommt das Werk auch bei uns in die Kinos.

«Titane» ist einer der ungewöhnlichsten Filme der vergangenen Jahre. Vieles von dem, was hier auf der Leinwand passiert, hat man so noch nie gesehen: Alexia (Agathe Rousselle) ist eine junge, selbstbewusste Frau, die sich nichts vorschreiben lässt. Sie ist aber auch eine Serienkillerin, die alle Menschen aus dem Weg räumt, die ihr in irgendeiner Weise im Weg stehen. Und sie hat Sex mit einem Cadillac und wird schwanger. Doch das ist noch nicht alles: Auf der Flucht vor der Polizei gibt sich Alexia als vor Jahren verschwundener Sohn Adrien des Feuerwehrkommandanten Vincent (Vincent Lindon) aus und zieht bei ihm ein.

Herausforderung und Provokation

Mit dieser wilden Mischung aus Horror und Fantasien, den einprägsamen und bizarren Bildern, dem Aufsprengen von Geschlechterrollen und der pulsierenden Musik ist «Titane» durchaus eine Herausforderung und Provokation - im besten Sinn. Wer aber ist diese Regisseurin? Was treibt sie an? Das wollen wir im Interview mit ihr herausfinden.

Frage: In einer der ersten Szenen Ihres Films hat Alexia Sex mit einem Auto und wird schwanger. Wie sind Sie bloß auf diese Idee gekommen? Kam Ihnen dabei auch der Film «Crash» von David Cronenberg in den Sinn?

Antwort: Cronenbergs Arbeit hat mich sehr beeinflusst, weil ich sie in einem Alter entdeckte, als ich aufwuchs. Ich war ein Teenager und das war tatsächlich eine meiner ersten freien Entscheidungen als Zuschauerin. Ich wollte seine Arbeit entdecken. Es hat mich intellektuell und künstlerisch erwachsen werden lassen. Grundsätzlich könnte ich sagen, dass seine Arbeit heute in meiner DNA steckt. Aber das bedeutet nicht, dass alles, was ich tue, eine Hommage an ihn ist.

Und Sie haben mich gefragt, wie ich auf die Idee gekommen bin. Grundsätzlich fange ich oft mit dem Ende an. Das Ende habe ich oft zuerst im Kopf. Und da das Ende so ist, wie es ist - und ich werde nichts dazu sagen - können Sie verstehen, wie ich dahingekommen bin.

Frage: Auch sonst hat mich «Titane» immer wieder überrascht: Eine Serienmörderin, die sich auf der Flucht vor der Polizei als junger Mann ausgibt. So eine Geschichte gab es wahrscheinlich noch nie. Was war Ihre Initialzündung für den Film?

Antwort: Mein erster Input war, dass ich über Liebe sprechen wollte. (...) Das war eine große Herausforderung für mich, denn ich möchte dieses Gefühl, das alles transzendiert, nicht in Worte fassen. Deshalb gibt es in meinen Filmen auch so wenige Worte. Deshalb konzentriere ich mich auch sehr auf die Körper meiner Charaktere und meine Schauspieler.

In dem Film steckt eine Menge Wut

Die zweite Sache ist, dass ich jahrelang diesen wiederkehrenden Alptraum hatte, dass ich Teile eines Automotors zur Welt bringe. Dieser Alptraum hat mich traumatisiert, aber gleichzeitig dachte ich «Wow, was für ein verrücktes Bild, da muss ich wirklich was draus machen». Die Koexistenz von etwas Lebendigem, dem Akt der Geburt, und diesem Material Metall, das so tot ist und sich so kalt anfühlt.

Es gab auch eine Art Wut meinerseits, die ich in Alexas Charakter gesteckt habe (...). Die Erfahrung des öffentlichen Raums ist für Männer und Frauen so unterschiedlich. In dem Moment, in dem wir als Frauen unseren privaten Raum verlassen, haben wir plötzlich Strategien, die Männer nicht haben. Wissen Sie, Strategien, um uns zu schützen. Diese Vorstellung ekelt mich wirklich an und macht mich wütend und ich denke, dass ein Teil dieser Wut in Alexa steckt.

Frage: Welche weiteren Filme oder Regisseure haben Sie in Ihrer Jugend und bisher inspiriert und warum?

Antwort: Ach, da gibt es so viele. (Pier Paolo) Pasolini muss der Erste sein. Als ich zum ersten Mal einen seiner Filme sah - das kann «Das 1. Evangelium – Matthäus» von 1964 gewesen sein -, war das ein echter ästhetischer Schock für mich. Er hat wirklich einen Raum für das eröffnet, was mit dem Medium Kino möglich ist. Ich hatte dieses Gefühl von unglaublicher Freiheit, eine Freiheit, die ihn tatsächlich viel gekostet hat. (...) Es hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert, dass man beim Filmemachen so frei sein kann.

Frage: Später im Film gibt es auch eine magnetische Szene, in der Feuerwehrmänner zu «Light House» von Future Islands tanzen und die Musik wie im gesamten Film viel zur Atmosphäre beiträgt. Wie wichtig war Ihnen die Musikauswahl?

Antwort: Alle Songs, die Sie in meinen Filmen hören können, sind Songs, für die ich mich in den frühen Phasen des Drehbuchschreibens entschieden habe. Sie waren schon im Drehbuch, weil sie mir alle etwas bedeuten. Und sie bedeuten mir etwas in den Szenen, in denen ich sie erzähle. (...) Meine Charaktere können ihre Gefühle noch nicht ausdrücken, aber die Musik kann es. Für diese spezielle Szene mit Future Islands' «Light House»: Ich bin großer Fan von Future Islands. (...). Ich habe diesen Song wegen seines besonderen Textes ausgewählt, wenn er sagt «It's not you» (Du bist es nicht) und es immer wieder wiederholt. Ich glaube, in diesem Moment passiert genau das in Vincents Kopf, wenn er Adrien ansieht. Er weiß, dass es nicht Adrien ist und doch will er weitermachen. Er will mit dieser Person zusammen sein, egal was passiert.

Frage: Jane Campion gewann beim Filmfest Cannes 1993 eine der beiden Goldenen Palmen des Festivaljahrgangs. Sie aber haben nun als erste Frau in der Geschichte des Filmfestivals die Goldene Palme alleine gewonnen. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie so einen Superlativ über sich selbst hören?

Antwort: Es ist immer noch schwer, es in Worte zu fassen, das muss ich zugeben. Ich kann Ihnen sagen, dass ich in dem Moment, als ich auf der Bühne stand, das Gefühl hatte, dass es über mich und meinen Film hinausging. Ich hatte das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, die vorwärts geht, in die Zukunft. Ich dachte viel an Jane Campion, weil sie die erste war, und auf der Bühne dachte ich «Was hat sie gefühlt?», weil es mir im Moment so schwer fiel, meine Gefühle in Worte zu fassen. (...) Ich dachte, die Chance, die ich als Zweite bekam, war, dass ich die Dritte und die Vierte und die Fünfte deutlich sehen konnte, und irgendwie fühlte ich mich damit nicht allein. Als wäre man in einem Zug, der gerade unterwegs ist. Das fühlte sich sehr, sehr beruhigend an.

Frage: Was bedeutet dieser Preis für Sie persönlich?

Antwort: Es war offensichtlich eine Mischung aus so vielen verschiedenen Gefühlen. Es ist ja der Heilige Gral für jeden Filmemacher. Mit 37 ist es ziemlich verwirrend, ihn in so jungen Jahren zu bekommen. Ich glaube, ich habe es immer noch nicht verarbeitet.

ZUR PERSON: Julia Ducournau, 37, ist eine in Paris geborene Regisseurin und Drehbuchautorin. Die Französin drehte 2016 ihren ersten langen Film: das Horrorwerk «Raw». Im vergangenen Juli stellte sie dann beim Internationalen Filmfestival Cannes «Titane» im Wettbewerb vor - und gewann damit die Goldene Palme.

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