Trotz der von Moskau verkündeten Feuerpause Tote und Verletzte in der Ukraine

Die von Russland verkündete Waffenruhe zum orthodoxen Weihnachtsfest hat sich als weitgehend wirkungslos erwiesen. In den umkämpften ukrainischen Regionen wurde keine nennenswerte Beruhigung der Kämpfe verzeichnet. Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Sonntag, bei Angriffen auf zwei Kasernen im ostukrainischen Kramatorsk seien "mehr als 600 ukrainische Soldaten getötet" worden. Es handele sich um "Vergeltung" für den Tod von 89 russischen Soldaten in der Silvesternacht.

Trotz der von Russland einseitig verkündeten Waffenruhe seien in den vergangenen 24 Stunden zwei Menschen getötet worden, teilte der Vizechef des ukrainischen Präsidialamts, Kyrylo Timoschenko, mit. Ein Mensch starb demnach in der östlichen Region Donezk, ein weiterer in der nordöstlichen Region Charkiw. Insgesamt neun Menschen wurden demnach in den beiden Region sowie in der südlichen Region Cherson verletzt.

Das ukrainische Verteidigungsministerium teilte mit, Russland habe trotz der "sogenannten Waffenruhe" am Samstag "neun Raketen- und drei Luftangriffe geflogen und 40 Angriffe aus Mehrfachraketenwerfern abgefeuert". Dabei sei vor allem die zivile Infrastruktur getroffen worden.

Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, der Angriff auf die Kasernen in Kramatorsk sei eine "Antwort auf den kriminellen Angriff des Regimes in Kiew in den ersten Minuten des Januar 2023". Nach dem ukrainischen Raketenangriff auf eine Behelfskaserne in der ostukrainischen Stadt Makijiwka hatte Moskau den Tod von 89 Soldaten eingeräumt. In Russland sorgte der Fall für Kritik an der eigenen Führung.

"Nach Mitternacht hat der Feind sieben Raketenangriffe auf Kramatorsk und zwei auf Kostjantyniwka gestartet", sagte der Gouverneur von Donezk, Pawlo Kirilenko. AFP-Journalisten in Kramatorsk hörten vor Mitternacht mindestens vier Explosionen.

Die einseitige Feuerpause endete am Samstagabend um 22.00 Uhr (MEZ). Kiew warf Russland vor, sich nicht an die Waffenruhe gehalten zu haben. Die Welt sei Zeuge geworden, wie "verlogen" die Bekundungen der russischen Führung seien, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstagabend in einer Videobotschaft. "Sie haben von einer angeblichen Waffenruhe gesprochen (...), aber in Wirklichkeit haben russische Granaten weiterhin Bachmut und andere ukrainische Stellungen getroffen."

Moskau erklärte hingegen, die russischen Streitkräfte seien gezwungen gewesen, auf anhaltenden ukrainischen Artilleriebeschuss und Angriffe auf ihre Stellungen zu reagieren.

Sowohl die orthodoxen Christen in der Ukraine als auch in Russland feiern Weihnachten erst am 7. Januar. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte für das Weihnachtsfest eine einseitige 36-stündige Waffenruhe ab Freitag angeordnet. Kiew hatte von vornherein bezweifelt, dass es Russland mit der Waffenruhe ernst meinte. Selenskyj bezeichnete sie als Vorwand, um Zeit zu gewinnen.

Im Osten sei die Lage "schwierig", "in einigen Regionen" rückten die russischen Truppen vor, sagte die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Ganna Maliar. "Sehr schwierig" sei die Situation in der Stadt Soledar in der Nähe von Bachmut, wo AFP-Journalisten bereits nach dem Inkrafttreten der einseitigen russischen Waffenruhe am Freitag heftige Artilleriegefechte registriert hatten.

Den gesamten Samstagvormittag war die ostukrainische Stadt Tschassiw Jar heftigem Artilleriebeschuss ausgesetzt, wie AFP-Journalisten vor Ort berichteten. Die wenigen noch verbliebenen Bewohner zogen es deshalb vor, die Weihnachtsmesse statt in der Kirche in einem Schutzkeller zu feiern.

Putin wohnte entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten dem Weihnachtsgottesdienst in der Nacht zu Samstag allein in der Mariä-Verkündigungskathedrale im Kreml bei, wie auf von Moskau verbreiteten Aufnahmen zu sehen war. In den vergangenen Jahren hatte er orthodoxe Weihnachtsgottesdienste in russischen Provinzen oder am Stadtrand von Moskau besucht.

Großbritannien kündigte unterdessen ein internationales Justizminister-Treffen zum Ukraine-Krieg an. Mit der für März geplanten Konferenz in London solle die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) unterstützt werden, der zu Kriegsverbrechen in der Ukraine ermittelt, teilte die britische Regierung mit.

ck/lan