Kölner Dom: „Jesus-Sirach-Fenster“ nach drei Jahren Restauration zurück im Dom

Das Sirach-Fenster wurde am Mittwoch feierlich eingesegnet.

Die besten Tipps für einen Besuch im Dom? Da sind Kölner und auswärtige Gäste bei Peter Füssenich immer an der richtigen Adresse. Seit ein paar Tagen kann der Dombaumeister mit einer neuen Empfehlung aufwarten: einem Blick auf die Glasfenster im Chor und im Südquerhaus, wo das „Richter-Fenster“ mit seinen 11000 farbigen Quadraten zu einem spektakulären Höhepunkt jedes Domrundgangs geworden ist.

Direkt am Übergang vom Lang- zum Querhaus, einem privilegierten Platz, ist jetzt ein Schmuckstück in den Dom zurückgekehrt, das lange im Depot der Dombauhütte verschwunden war: das „Jesus-Sirach-Fenster“ aus dem „Welter-Zyklus“ des 19. Jahrhunderts. Die optimale Sicht, sagt Füssenich, hat der Besucher links im Mittelschiff vor den Stufen der Altarinsel. „Hier sieht man, wie wunderbar die mittelalterlichen Fenster, Welters neugotische Malereien und Richters Kunst harmonieren.“

Kompositorisch wirkt die Reihe der Könige in den Fenstern aus dem 13. Jahrhundert und der biblischen Gestalten aus  der Neugotik sowie den Teppich- oder Flechtbandmustern darüber „wie aus einem Guss“, schwärmt auch Ulrike Brinkmann, Leiterin der Glaswerkstatt. Das sei im Übrigen auch oberstes Ziel der neugotischen Ästhetik gewesen: „Weder in der Architektur noch in der Ausstattung des Doms sollte ein Bruch zwischen Mittelalter und Neuzeit sichtbar werden.“

Dem Dom Stück für Stück seine Farben zurückgeben

Beim Richter-Fenster ist das etwas anderes. Es will und kann seine Entstehungszeit nicht kaschieren. Aber im Zusammenspiel der Farben – und das sei „das Großartige“ an Richters Werk – passe es perfekt zur vorhandenen Verglasung. Davon habe sich der Künstler selbst unlängst im Dom auch noch einmal persönlich überzeugt, erzählt Brinkmann.  Am Jesus-Sirach-Fenster wird das Ergebnis für jedermann deutlich. „Einen so glücklichen Moment  erleben auch wir nur selten“, sagt Füssenich. Gotische Kirchen seien nun einmal „aus Licht gebaut“, und mit jedem Fenster aus dem Welter-Zyklus, das die anspruchslose, stark lichtdurchlässigen Grisaille-Verglasung der Nachkriegszeit ersetzt, „geben wir dem Dom Stück für Stück seine Farben zurück“.

In einem Gottesdienst am Mittwoch um 10 Uhr wurde das Sirach-Fenster feierlich eingesegnet. Etwa drei Jahre hat es gedauert, bis es restauriert und im Obergaden, beginnend in einer Höhe von 27 Metern, eingebaut war. Die Dombauhütte nutzte die Gelegenheit für eine parallele Aufarbeitung des Steinmaßwerks. Finanziert wurden die Arbeiten durch den verstorbenen Verleger und Kölner Ehrenbürger Alfred Neven DuMont (1927 bis 2015). Sein Einsatz schließe nahtlos an die Stifter-Tradition des 19. Jahrhunderts an, erklärt Füssenich. Damals spendeten wohlhabende Mäzene aus  unterschiedlichen Kreisen – preußische Beamte und rheinischer Landadel, Bankiers und Kleriker, Katholiken, Protestanten und Juden – für die Ausstattung des Doms und ermöglichten so auch den „Welter-Zyklus“.

Der Restaurator muss den Michelangelo-Effekt mitberechnen

Dessen ursprünglich im Langhaus platzierte Scheiben ersetzen nun die im Krieg zerstörten Partien im Querhaus des Doms. Im Fall des Jesus-Sirach-Fensters hatte Restauratorin Ruth Weiler mit einem schweren keilförmigen Glasschaden mitten im Gesicht des Namensgebers zu kämpfen. Eine „tiefe Wunde“, die die Glasmalerin ähnlich sorgsam behandelt habe wie eine plastische Chirurgin die Kopfverletzung eines Patienten.

Gerade die Fleischfarbe, sagt Ulrike Brinkmann bringe Glasmaler gern an den Rand der Verzweiflung, weil sie besonders empfindlich auf den Lichteinfall reagiert. Außerdem müsse ein Restaurator, der ganz nah an einem Kunstwerk arbeitet, immer die spätere Fernwirkung mitberechnen – den Michelangelo-Effekt, wenn man die Fresken aus der Sixtinischen Kapelle in Rom als Vergleich heranzieht. Im Ergebnis jedenfalls erscheint Jesus Sirach  heute  völlig unversehrt. Auch das freut den Dombaumeister und seine Mitarbeiter.

Nun warten noch sechs Fenster auf den Wiedereinbau – und auf kunstsinnige Stifter. „Sechsmal Gelegenheit, zuzuschlagen“, sagt Füssenich in Auktionatoren-Manier. Am Ende wäre das Gesamtensemble der Farbverglasung dann komplett. „Vielleicht darf ich ja noch ernten, was meine Vorgänger Arnold Wolff und Barbara Schock-Werner gesät haben.“ 19 Jahre bleiben Füssenich noch. 2036 wird der 46-Jährige pensioniert.

Interview mit Hedwig Neven DuMont zur Stiftungsidee

Frau Neven DuMont, das mit Ihrer finanziellen Hilfe restaurierte Jesus-Sirach-Fenster wird am 90. Geburtstag Ihres verstorbenen Mannes eingesegnet. Für Sie ist das bestimmt ein symbolträchtiges Zusammentreffen?

Für mich geht damit ein Herzenswunsch in Erfüllung. Ich weiß aus vielen Gesprächen, wie gern auch mein Mann die Rückkehr des Fensters in den Dom miterlebt hätte. So denken wir zu dieser Gelegenheit und an diesem besonderen Tag gleich doppelt an ihn. Ich wohne inzwischen in unmittelbarer Nachbarschaft des Doms und gehe so gut wie jeden Tag hin – natürlich nicht ohne vor der Muttergottes ein Kerzchen anzuzünden für alle meine Lieben und für die Kinder, die mir so sehr am Herzen liegen.

Was hat Ihrem Mann die Stiftung bedeutet? 

Wer meinen Mann kannte, weiß, wie sehr er seiner Heimatstadt Köln verbunden war – und damit auch ihrem Wahrzeichen, dem Dom. Trotzdem darf ich verraten: Für die Stiftung des Fensters war anfänglich ich die treibende Kraft. Ich habe zu meinem Mann gesagt: „Wenn unser Dom Hilfe braucht, dann können wir doch nicht abseits stehen!“ Er nicht als Kölner Ehrenbürger und ich nicht als die allererste Frau, die im Vorstand des altehrwürdigen Zentralen Dombauvereins mitmachen durfte. Das hat ihn überzeugt, und er hat sich einen Ruck gegeben.

Wie gut kannten Sie das Ihnen von der Dombauhütte angebotene Fenster vorher?

Wir konnten uns kein genaues Bild davon machen. Es war ja in viele Einzelteile verpackt und, wie wir dann erfuhren, auch teils beschädigt. Erst recht hatten wir keine Vorstellung, wie es sich später einmal an Ort und Stelle ausnehmen würde. Ich meine mich zu entsinnen, dass man uns vom Originalzustand lediglich einige alte, verschwommene Fotografien zeigen konnte. Aber wir fanden wir es wichtig, dass das Richter-Fenster durch die Rückkehr der Glasmalereien aus dem 19. Jahrhundert künstlerisch jene Umgebung bekommen würde, die Gerhard Richter bei der Gestaltung im Sinn hatte. 

Und wie gefällt Ihnen nun das Ergebnis?

Ich finde, in der Reihe der Prophetenfenster passt das Jesus-Sirach-Fenster besonders gut zu seinem Stifter. Ich durfte mir die Scheiben mit der Figur des Namensgebers aus der Nähe anschauen, bevor sie hoch oben im Dom eingebaut wurden. Dieses kantige, markante Profil, das hat mich irgendwie an meinen Mann erinnert. Aber noch wichtiger finde ich den Gedanken, dass er mit dieser Stiftung etwas hinterlassen hat, woran sich die Besucher unseres Doms noch in 50 oder 100 Jahren erfreuen werden. Das ist etwas, was bleibt. Und auch er bleibt so in Erinnerung. Das macht mich  an einem Tag, der für mich – zwei Jahre nach dem Tod meines Mannes – ja doch auch ein trauriger Tag ist, besonders glücklich.

Historischer Hintergrund: Der Welter-Zyklus

In den 1870er und 1880er Jahren erhielten 28 vierbahnige Fenster im Quer- und Langhaus des Doms eine farbige Verglasung. Die Entwürfe für die Figuren von Propheten, alttestamentlichen Patriarchen sowie Evangelisten, Aposteln und Heiligen stammen vom Kölner Maler Michael Welter (1808 bis 1892).

Im Zweiten Weltkrieg wurden 15 Fenster komplett zerstört.  Von den anderen 13 blieben die Figuren erhalten. Sie kamen zum Teil nach dem Krieg an ihren ursprünglichen Platz auf der Westseite der Querhausarme zurück. 2004 begannen die Rekonstruktion der Architektur- und Ornamentpartien anhand der Originalentwürfe im Dombauarchiv sowie die Restaurierung der figürlichen Scheiben.

Das Jesus-Sirach-Fenster zeigt vier Figuren aus dem Alten Testament. Ganz links ist Jesus Sirach zu sehen, Verfasser einer nach ihm benannten Schrift aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, die Eingang in die christliche Bibel gefunden hat. Das Fenster war eine Stiftung der Kölner Industriellenfamilie von Mevissen und des Geheimrats Johann Nepomuk Heidemann, Generaldirektor der Köln-Rottweiler Pulverfabriken, anlässlich der Domvollendung 1880....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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