Kölner Integrationsrats-Chef Tayfun Keltek: „Erdogan übertritt seine eigenen Gesetze“

Interview mit dem Vorsitzenden des Kölner Integrationsrats.

Tayfun Keltek ist Vorsitzender des Integrationsrat. Im Interview fordert der Politiker mehr Fingerspitzengefühl im Umgang miteinander und erklärt, warum Erdogan auch in Deutschland Anhänger findet.

Herr Keltek, was halten Sie davon, dass türkische Minister hier Wahlkampf machen?

Das lehne ich absolut ab, zumal es in der Türkei gesetzlich verboten ist, im Ausland Wahlkampf zu machen. Erdogan übertritt die von ihm selbst erlassenen Gesetze. Verbote halte ich aber für kontraproduktiv. Bilder wie in den Niederlanden, wo eine Ministerin am Betreten des türkischen Konsulats gehindert wird, treiben Menschen in Erdogans Hände.

Wie erklären Sie es sich, dass viele Menschen Erdogan-Anhänger sind?

Der Umgang der Deutschen mit den Minister-Auftritten hat die türkische Community emotionalisiert. Die Erdogan-Anhänger haben dadurch erheblichen Zulauf. Richtig ist aber auch: Das ist eine lautstarke Minderheit, die über die Moschee-Gemeinden hervorragend organisiert ist. Ich schätze ihren Anteil auf 20 bis 25 Prozent.

Also alles halb so schlimm?

Nein. Mir tut es in der Seele weh, wenn in Deutschland geborene Migranten, die hier aufgewachsen sind und das Schulsystem durchlaufen haben, trotzdem für Erdogan sind. Der Grund dafür ist die permanente Erfahrung von Ungleichbehandlung und mangelnder Chancengleichheit. Und damit meine ich nicht, dass Migranten ab und zu mal eine abschätzige Bemerkung wegstecken müssen, sondern ein nahezu tägliches Erleben von Diskriminierung.

Ob in der Bahn, wenn Deutsche sich wegsetzen, oder in der Schule, wenn Kinder von Migranten keine Gymnasialempfehlung bekommen, weil angenommen wird, dass die Eltern sie nicht genügend unterstützen können. Das hat dazu geführt, dass sich selbst Migranten der zweiten und dritten Generation von der deutschen Gesellschaft abwenden und sich mit dem Herkunftsland solidarisieren.

Viele Menschen haben angesichts der bejubelten Auftritte türkischer Regierungsmitglieder eher das Gefühl, dass sich ein Teil der Migranten gar nicht integrieren will.

Ich sage es klipp und klar: Wer hier lebt, muss die Werte des Grundgesetzes verinnerlichen und sich mit Deutschland identifizieren, ohne Wenn und Aber. Genauso gilt aber auch: Menschen mit Migrationshintergrund haben zwei Identitäten, die deutsche und die des Herkunftslandes.

Die hiesige Mehrheitsgesellschaft muss lernen, diese Lebenswerte anzuerkennen und zu würdigen, anstatt sie zu bekämpfen. Wenn das nicht passiert, werden sich die Menschen nie als gleichwertig akzeptiert fühlen.

Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Was tun, wenn muslimische Schüler plötzlich auf dem Schulflur ihre Gebetsteppiche ausrollen? Eine Wuppertaler Schule hat darauf mit einem Verbot reagiert.

Man sollte mit Fingerspitzengefühl reagieren und das Gespräch suchen. Man könnte zum Beispiel einen Hodscha hinzuziehen, der erklärt, dass man das Gebet auch nachholen kann, wenn es keine Räumlichkeiten dafür gibt. Ich war viele Jahre selbst als Lehrer tätig und ich erinnere mich an einen Fall, als plötzlich eine Gruppe türkischer Jugendlicher auf dem Schulgelände auftauchte. Sofort herrschte Panik, weil man befürchtete, sie wollten Ärger machen. Hinterher stellte sich heraus, dass einer der Jungs nur seinen Hausschlüssel vergessen hatte und seinen Bruder suchte. Es gibt zu viel Misstrauen. Es wäre besser, das Gemeinsame zu betonen als ständig die Unterschiede hervorzuheben....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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