Kölner Seilbahn: Das schwebende Denkmal über dem Rhein wird 60

Seit April 1957 wurden 20 Millionen Menschen zwischen Zoo und Rheinpark befördert.

Seit mehr als 20 Jahren begleiten Sinan Topbas dieselben vier Arbeitsschritte. Meistens steht er in der Seilbahn-Station in Riehl und empfängt die Fahrgäste. Erstens: Aufschließen der Gondel. Zweitens: Tür aufhalten und Leute mit den Worten „Hallo, bitteschön“ aussteigen lassen. Drittens: Gondelbremse per Seil lösen.

Viertens: Gondel per Hand um die Ecke schieben, wo die nächsten Fahrgäste nach Deutz einsteigen. So geht das vielleicht 400 bis 500 Mal am Tag binnen acht Stunden, Sinan Topbas hat nicht genau nachgezählt. Von Langeweile oder Routine ist bei ihm dennoch nichts zu spüren.

Der 39-Jährige wirkt engagiert wie am ersten Tag. „Mich begeistert die Arbeit und die Seilbahn“, sagt Topbas: „Ich kann nicht ohne Seilbahn.“

Beschaulich wie zu Wirtschaftswunder-Zeiten

Vor 60 Jahren, als Bundeskanzler Konrad Adenauer in eine der kleinen Kabinen stieg, um die damals einzige Seilbahn Europas über einen Fluss zu eröffnen, liefen die Arbeitsschritte der „Türöffner“ nicht viel anders ab. Technisch wurde die Seilbahn von Riehl nach Deutz (und umgekehrt) in Details immer wieder modernisiert.

Aber die Grundkonstruktion und die Gondeln mit ihrem leisen Surren und Rumpeln und dem behäbigen Rhythmus des Kommens und Gehens sind bis heute unverändert geblieben. Es geht beschaulich und persönlich zu an der mittlerweile denkmalgeschützten Seilbahn – so wie einst zu Wirtschaftswunder-Zeiten.

Rund 20 Millionen Fahrgäste hat die „Rheinseilbahn“, wie sie einst genannt wurde, bisher befördert. Chinesen gehören zu den Touristen, die besonders gern einsteigen. Kurz nachdem Adenauer am 17. April 1957 den Betrieb offiziell startete, öffnete auf dem Gelände des Deutzer Rheinparks die Bundesgartenschau ihre Pforten. Die Seilbahn sollte eine Brücke schlagen vom blumigen Groß-Event zu den linksrheinischen Attraktionen wie Zoo, Flora und Grüngürtel.

„Man hatte festgestellt, dass die Anbindung an das Buga-Gelände nicht optimal war“, sagt Stephan Anemüller, Sprecher der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), die die Seilbahn über eine Tochtergesellschaft betreiben. „Und für eine Brücke reichte damals weder das Geld noch die Zeit.“

Das gemächliche Fortbewegungsmittel wurde zum Publikumsrenner: Während der siebenmonatigen Bundesgartenschau stiegen rund 1,3 Millionen Menschen in eine der 48 Gondeln ein.

Seilbahn könnte Verkehrsinfarkt verhindern

Als Ersatz für Bus und Bahn eignet sich die Kölner Seilbahn nicht, dazu sind die Gondeln zu klein. Aber das Prinzip der schwebenden Fortbewegung könnte vielleicht sogar den drohenden Verkehrsinfarkt in Köln verhindern.

Der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim brachte jedenfalls im „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine Seilbahn mit 35-Personen-Gondeln ins Gespräch, die zwischen dem Hauptbahnhof und dem Deutzer Bahnhof pendeln könnten: „Das Potenzial von Seilbahnen in der Stadt ist immens.“

Anfang der 1960er Jahre war das neue Verkehrsmittel erst einmal wieder verschwunden. Schuld war die neue Brücke, die schließlich doch gebaut wurde. „Da noch nicht feststand, ob die Seilbahn dauerhaft fortbestehen sollte, nahm man bei der Planung der Zoobrücke keine Rücksicht auf die Seilbahn“, heißt es in der Chronik der KVB. Die Folge: Der rechtsrheinische Stützpfeiler der Seilbahn stand dem Bau der Zoobrücke im Weg. Im Herbst 1963 mussten die Deutzer Bauwerke demontiert werden.

Doch die Kölner gaben sich damit nicht zufrieden und forderten die Rückkehr ihrer Seilbahn. Im Sommer 1964 beschloss der Rat den Wiederaufbau – nun mit schräger Überführung über die Zoobrücke und deutlich längerer Strecke.

Dafür wurde die Deutzer Station nach hinten verlegt und ein dritter Stützpfeiler aufgestellt. Im August 1966, nach dreijähriger Pause, drehten die Gondeln wieder ihre Runden. Die einfache Strecke ist seitdem 935 Meter lang anstatt wie zuvor 685 Meter.

Gondeln werden regelmäßig gewartet

Das technische Herz von Kölns Touristen-Magnet schlägt in der Deutzer Station neben der Zoobrücke. Hier arbeiten die beiden 50-PS-Elektromotoren, die die Kabinen über ein rotierendes Zugseil mit etwa zehn Stundenkilometern voranbringen. Die Laufwerke der Gondeln gleiten gleichzeitig über statische Tragseile, deren Enden in den Kellerräumen der Station auf riesigen Rollen aufgewickelt sind.

„Die Spannung der Tragseile wird wöchentlich geprüft“, sagt Klaus Achenbach, stellvertretender Betriebsleiter der Seilbahn: „Über Hydraulikzylinder können sie gestrafft werden.“

Wöchentlich gecheckt werden auch die Seile und sonstigen Konstruktionen, die sich in luftiger Höhe befinden.

Dazu steigt Achenbach an diesem Morgen zusammen mit seinem Kollegen Hans Heuft in den so genannten Prüfwagen. Die offene Gondel hat ein Podest, von dem aus Achenbach die Rollen an den drei Seilbahn-Pylonen in etwa 50 Metern Höhe kontrolliert. Beide sind angegurtet, für zarte Gemüter sind solche Einsätze aber nichts.

Die beiden Männer wirft so leicht nichts aus der Bahn: „Da oben pfeift der Wind, aber das ist egal“, sagt Achenbach. Manchmal regnet es auch oder es ist bitterkalt. Heute zum Glück nicht. „Die Aussicht ist der Wahnsinn“, sagt Heuft nach einstündiger Kontrollfahrt oberhalb von Rhein und Zoobrücke.

57 Jahre ohne Zwischenfall

Seit ihrer Eröffnungsfahrt im April 1957 war die Kölner Seilbahn ohne Zwischenfall im Einsatz. Die KVB konnte mit Fug und Recht von Kölns sicherstem Verkehrsmittel reden. Dann kam der 21. Oktober 2014. Wegen einer starken Windböe hatte sich eine Gondel, in der zwei Amerikaner gerade auf einen Stützpfeiler zufuhren, stark zur Seite geneigt. Beim Zurückschleudern rutschte eines der Räder vom Tragseil und wurde zwischen dem Seil und einer Metallschiene eingeklemmt.

In einer spektakulären Aktion mussten Höhenretter der Feuerwehr die beiden jungen Männer und eine junge Familie in einer anderen Gondel an einem Seil herablassen – samt ihrem zweijährigem Sohn und dem drei Monate alten Säugling. Während der vierstündigen Wartezeit vertrieben die Eltern sich und den Kindern mit Liedern die Todesangst.

Es sollte bis heute der einzige Vorfall in der Geschichte der Seilbahn bleiben. Doch das Image hat gelitten. Dass sich eine Gondel noch einmal verkantet, hält Stephan Anemüller jedoch für ausgeschlossen: „Wir haben die Rollen auf den Pylonen verstärkt, ein Verhaken ist nicht mehr möglich.“

Die Fahrgast-Zahlen haben 2016 nach kurzer Talfahrt in Folge des Unglücks fast den Rekordwert von 2014 erreicht. Rund 500.000 Kunden befördern die Gondeln pro Jahr. Viele davon werden in Riehl mit einem freundlichen „Hallo, bitte schön“ begrüßt.

Die Seilbahn in Zahlen

1,70 D-Mark kostete 1957 die Hin-und Rückfahrt, heute sind es sieben Euro.

6 Minuten dauert die einfache Fahrt über den Rhein.

2,8 Meter pro Sekunde kommen die Gondeln voran.

57 Paare haben im vergangenen Jahr in den Gondeln der Seilbahn geheiratet.

100 Prozent der Betreibergesellschaft Kölner Seilbahn GmbH gehören der KVB.

10 Jahre lang war die Seilbahn kein Verlustgeschäft mehr, laut KVB wirft sie pro Jahr einen „geringen sechsstelligen Betrag“ ab.

2011 wurde die Seilbahn in Koblenz eröffnet. Sie ist neben der Kölner die einzige über den Rhein. ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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