Kölns neuer Polizeipräsident Jacob: „Ich habe früher eine Schimanski-Jacke getragen“

Der neue Polizeipräsident Uwe Jacob im Interview über seine Pläne für Köln.

Herr Jacob, als die Anfrage aus dem Innenministerium kam, ob Sie Polizeipräsident in Köln werden möchten – wie lange haben Sie überlegt?

Staatssekretär Jürgen Mathies rief mich morgens an und fragte, ob ich sein Nachfolger in Köln werden will. Da war ich gerade mit meiner Frau in Rotterdam, um einen runden Geburtstag zu feiern. Ich habe mir eine Nacht Bedenkzeit erbeten.

Hätten Sie auch ablehnen können?

Für einen Polizisten in Nordrhein-Westfalen gibt es keine ehrenvollere Aufgabe, als Polizeipräsident von Köln zu werden. Aber ich habe natürlich die Erlaubnis meiner Frau eingeholt. Denn es ist ja so, dass ich schon bisher nicht oft zu Hause war, und das wird in Zukunft sicher nicht besser. Ich wohne in Moers, das sind 80 Kilometer bis Köln, und ich muss hier in der Stadt Präsenz zeigen. Aber meine Frau ist einverstanden. Und meine vier Kinder sind alle schon aus dem Haus.

Wie gut kennen Sie Köln?

Ich kenne die Stadt bislang nur als Kulturstadt, als Einkaufsstadt und weil Freunde hier wohnen. Das Navi meines Autos kennt sich hier gut aus, aber ich selbst muss mir Köln jetzt erst einmal erschließen – aus touristischer wie aus polizeilicher Sicht. Ich bin ein alter Tatort-Mann: Ich muss den Tatort sehen, erst dann kann ich mir etwas darunter vorstellen.

Sie hatten am Mittwoch Ihren ersten Arbeitstag. Wie war der erste Kontakt mit Ihren neuen Kollegen?

Dienstlich hatte ich ja schon immer Berührungspunkte mit Köln. Viele Führungskräfte im Präsidium kenne ich seit Jahren, habe mit einigen auch schon zusammengearbeitet. Von den übrigen mehr als 5000 Mitarbeitern möchte ich nun so viele wie möglich schnell kennenlernen.

Das nächste Großereignis sind die Kölner Lichter am Samstag. Werden Sie sich die anschauen?

Das hätte ich sehr gerne gemacht. Aber trotz der neuen Aufgabe erlaube ich mir, am Samstagmorgen um sechs Uhr mit meiner Frau ins Auto zu steigen und Richtung Südfrankreich zu fahren, der Urlaub ist lange geplant. Wir waren schon sehr häufig dort. Ich mag das Licht da, die Luft, das Leben. Da kann man wirklich Entspannung finden. Wobei ich auch im Urlaub für meine Mitarbeiter immer erreichbar bin.

Das wiederum klingt nicht sehr entspannend.

Egal wo ich auf der Welt bin, meine Mitarbeiter können mich immer erreichen. In den Osterferien war ich mit meiner Frau in Shanghai, unseren ältesten Sohn besuchen, der dort studiert. Wir waren gerade gelandet, hatten uns zur Ruhe gelegt, es war zwei Uhr nachts, da ging das Telefon: Anschlag auf den BVB-Bus in Dortmund. Aber man kann ja heute auch aus Shanghai an einer Telefonkonferenz teilnehmen und die ersten Dinge besprechen.

Können Sie schon absehen, wo Sie in Köln Schwerpunkte setzen wollen?

Ich gucke mir meinen neuen Wirkungsbereich erst einmal genau an. Ich weiß, dass ich in Köln auf ein hochkompetentes Team gestoßen bin. Und ich gehe davon aus, vieles, was hier in Köln läuft, hätte ich nicht anders gemacht als Herr Mathies. Die Themensetzung, die in Köln getroffen wurde, werde ich weiterführen. Da geht es um die Bekämpfung von Wohnungseinbruch, obwohl die Zahlen sich da gerade sehr gut entwickeln, natürlich auch um Raubüberfälle und Taschendiebstähle.

Was hat denn für Sie oberste Priorität?

Thema Nummer Eins in ganz Europa ist die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus. Die Sprachregelung „hohe abstrakte Gefahr“ ist mir schon fast zu wenig, wenn wir sehen, in welcher Schlagzahl europaweit die Anschläge verübt werden. Ich habe zuletzt einige Vorträge zu dem Thema gehalten und musste ja fast im Zwei-Tage-Rhythmus meine Folien aktualisieren – wenn sie an London denken, Brüssel, Paris, Berlin. Wir müssen uns um dieses Phänomen kümmern. Das bindet sehr viele Ressourcen in Köln und in vielen anderen Behörden. Aber das muss es uns wert sein.

Welche Rolle spielt Köln denn konkret bei diesem Thema? Gibt es eine islamistische Gefährderszene in der Stadt?

Wir gehen von rund einem Dutzend Gefährdern aus, die sich entweder direkt in der Stadt oder im Ausland aufhalten. Um die Überwachung kümmert sich unsere Abteilung Staatsschutz. Es gibt da eine ganze Palette verschiedener Maßnahmen, die ich an dieser Stelle aber nicht genauer benennen möchte.

Unter Jürgen Mathies hat im Vergleich zu dessen Vorgänger Wolfgang Albers ein Paradigmenwechsel stattgefunden, sichtbar vor allem an der deutlich höheren Zahl von Polizisten in der Stadt. Bleibt das so, oder kommt man von diesem Niveau irgendwann noch einmal herunter?

Ich werde die Präsenz auf keinen Fall heruntersetzen. Das war ja auch ein wesentliches Element des Erfolgs von Jürgen Mathies. Dass wir Präsenz zeigen, erwartet die Bevölkerung auch von uns. Silvester 2015 gab es viele Straftaten und viele Opfer. Das darf nicht noch einmal passieren. Wir und die Stadt haben ja letztes Jahr schon ganz andere Einsatzmaßnahmen zu Silvester gefahren. Ich kann mir auch im Moment nicht vorstellen, dass wir kommendes Silvester wesentlich weniger Beamte einsetzen werden. Auch die Linie des konsequenten Einschreitens werden wir fortsetzen.

Wir erleben zurzeit viele Fälle, in denen die Unversehrtheit des Einzelnen gefährdet ist – vom U-Bahn-Schubser in Berlin bis zu Gewaltorgien, wie es sie auch in Köln gab. Wie kann die Polizei gewährleisten, dass diese Unversehrtheit auch in Zeiten wie diesen geschützt wird?

Die Polizei ist nur ein Teil der Lösung. Ein Bundespräsident sagte einmal, es müsse ein Ruck durch Deutschland gehen. Ich finde, da müssen alle gesellschaftlichen Gruppen dran arbeiten, alle Demokraten. Wir müssen mehr Respekt füreinander entwickeln. Das sind große Worte. Aber wir können nicht neben jeden Bürger einen Polizeibeamten stellen. Selbst wenn wir sehr viel Präsenz zeigen. Wie schnell ist so eine Tat in einer U-Bahn verübt? Das zu verhindern geht nur, wenn wir uns gegenseitig wieder achten. Wenn wir die anderen ernst nehmen. Und zwar unter allen gesellschaftlichen Gruppen. Ich beziehe ausdrücklich alle Flüchtlinge mit ein und alle Nichtdeutschen. Alle sind vor dem Gesetz gleich. Und alle haben die gleiche Menschenwürde. Wenn wir das nicht wieder von Klein an in die Köpfe kriegen, werden wir zunehmend ein Problem bekommen. Dann ist unser Leben auch nicht mehr so lebenswert.

Sind Sie eigentlich zufrieden mit den derzeitigen Aufklärungsquoten?

Man kann nicht damit zufrieden sein, dass es so viele Gewaltverbrechen gibt und man kann in Teilbereichen auch nicht mit den Aufklärungsquoten zufrieden sein, zum Beispiel beim Wohnungseinbruch – ein Delikt, das aber eben auch sehr schwer aufzuklären ist. Wir versuchen viel, man muss uns aber auch die Mittel dafür geben.

Welche Mittel meinen Sie?

Zum Beispiel Vorratsdatenspeicherung, gefahrenabwehrende Telekommunikations-Überwachung, Gesichtserkennungs- und Kennzeichen-Lesesysteme. Die Polizei kann nur so gut sein wie die ihr zur Verfügung stehenden Ermächtigungen.

Wie ist in diesem Punkt Ihre Erwartungshaltung an die neue schwarz-gelbe Landesregierung?

Der Fall Anis Amri hat nach Jahren mal wieder eine Diskussion angestoßen, die jetzt bundesweit geführt wird. Da geht es um ein bundeseinheitliches Polizeigesetz. Viele Dinge, die ich gerade genannt habe, sind in anderen Bundesländern schon möglich. Ich glaube, NRW muss da nachziehen, und man kann im Koalitionsvertrag sehen, dass die neue Landesregierung das auch tun will.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Offen und transparent. Ich gehe auf die Menschen zu. Ich möchte jedem einzelnen möglichst viel Verantwortung überlassen. Moderne Führung bedeutet auch, viel für die Mitarbeiter zu tun: Tele-Arbeitsmöglichkeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, behördliches Gesundheitswesen. Im LKA und auch bei der Polizei Köln gibt es ein Mutter-Kind-Büro: Da steht ein Schreibtisch mit einem PC und daneben in der Ecke liegen die Legobausteine und Teddybären. Ich gebe meinen Mitarbeitern viel Freiraum. Im Gegenzug erwarte ich aber auch, dass alle ins Präsidium kommen, wenn ich Heiligabend um 19 Uhr auf den Knopf drücke.

Sie sind Duisburger und „Tatort“-Fan. Haben Sie Schimanski mal persönlich getroffen?

Nein, aber mein Kollege und ich haben damals Schimanski-Jacken getragen. Da hatte ich aber auch noch wesentlich längere Haare.

Welcher ist Ihr Lieblings-„Tatort“?

Das kann ja nur der Kölner sein. Einer meiner letzten Besucher, als ich noch Direktor des Landeskriminalamts in Düsseldorf war, war Joe Bausch (spielt den kahlköpfigen Rechtsmediziner im „Tatort“ aus Köln, d. Red.). Er hatte gerade die Schirmherrschaft über die Polizeiseelsorge übernommen. Und ich muss wirklich sagen: Das ist ein Pfundstyp. Mit einer super Frisur.

Das Gespräch führten Carsten Fiedler und Tim Stinauer....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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