Kölschkultur: Björn Heuser spielt sein 400. Mitsingkonzert im Gaffel am Dom

Seit acht Jahren gibt er immer freitags Streicheleinheiten für die Seele.

Ahnt der kleine untersetzte Mann in dem schwarzen Schlabber-Shirt, mit der Schiebermütze, dem Drei-Tage-Bart und diesem unwiderstehlichen Kinderlächeln eigentlich, was er seit 400 Wochen auf dieser Tabledance großen Musikinsel mitten im Gaffel am Dom eigentlich anrichtet? Mit seiner Gitarre und den kölschen Liedern. Leedern zom metsinge. Dass er die kölsche Seele wildfremder Menschen berührt, die gar nicht ahnten, dass es eine solche gibt?

Bei Pamela, Denise und Joanne aus der Nähe von Belfast, die an diesem Wochenende zum ersten Mal in ihren Leben den Dom gesehen haben. Beim „Wasser vun Kölle“ glänzen ihre Äuglein und sie strecken wie alle ihr Kölsch und – ja, auch ihre Rotweingläser – in die Höhe. Oder bei Hubsi, dem Autoverkäufer aus dem Schwabenland, der bei der FC-Hymne gesteht, dass er Bayern-Fan sei, aber ihm gerade jetzt eine Gänsehaut den Rücken runterlaufe. Weil auch ein Schwabe ab und zu ein bisschen Heimatliebe und Romantik brauche. „Bei euch ist egal, ob Du Bettler bist oder Millionär. Bei euch singen alle zusammen.“ Na ja. Lassen wir ihn in dem Glauben.

Er würde nie ein Konzert absagen

Steffen aus Zwickau, den seine Freunde den kölschesten aller Sachsen nennen, erzählt immer gern die Geschichte aus DDR-Zeiten, als sie sich alle einen Westverein auserkoren hatten und er zu den großen Littbarski-Zeiten sein Herz an den FC verloren habe. Dann er lauthals „Mir Jecke am Rhing“. Auf sächsisch! Weil ihm das Herz mal wieder überläuft.

Er wird es ahnen, dieser kleine untersetzte Mann auf der Bühne. Dieses Phänomen, dieses Gesamtkunstwerk. Nein. Mehr als eine Woche Urlaub brauche er nicht, sagt Björn Heuser, bevor er an diesem Freitag zum 400. Mal auf seine kleine Musikinsel klettert. „Wir fangen an, wie wir immer anfangen. Loss mer singe.“ Urlaub mache er zu Hause, in Bickendorf, mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Freitags nicht auf seiner Insel? „Mein Herz würde bluten.“ Nur einmal habe er absagen, das war 2014, da lag er im Krankenhaus, Gallensteine. Die Geschichte ist Legende. Wie all die anderen, die an diesem Jubiläumsabend die Runde machen. Die Schlange derer, die vergeblich um Einlass betteln, reicht mal wieder bis zum Hauptbahnhof.

Anfangs ungewiss, ob das Konzept ankommt

Für Stammgäste gibt es Klüngelcards, es sollen unter 50 sein, und wer im Besitz einer solchen ist, darf sich glücklich schätzen. Freitags, halb elf, Gaffel am Dom. Aus dem Heuser sein ohne Schlange zu stehen. Unter den Stammgästen ist man sicher: So manches Fisternöllchen hat sich hier ergeben, so manches Drama abgespielt, so manche Ehe wurde hier begründet. Wie viele BJ-Babys daraus wohl hervorgegangen sind? Man weiß es nicht. Anfangs hat Björn Heuser vor 20 Leuten gespielt. Vor dem ersten Großversuch waren die Brauhaus-Bosse noch skeptisch. „Wir haben gedacht, die verprügeln den gleich, wenn wir die Musik ausmachen“, sagt Gaffels Marketing-Chef Thomas Deloy. Von wegen. Heute prügeln sie sich nur um die besten Plätze.

Längst gibt Heuser-CDs, ein Mitsingbuch, T-Shirts mit der Aufschrift „Mitsänger“ oder „Mitsängerin“ und natürlich auch eine eetste Reih. He stonn de, de immer he stonn.

Lieder einen Kölsche, Touris und Stammgäste

Die ganz Großen sind ihm zu Ehren gekommen, wenn wir mal genullt wurde. Brings, Kasalla. Heute Abend sind es Miljö, die mit „Wolkeplatz“ einen Sessionshit gelandet haben. Björn Heuser strahlt. Björn Heuser schwitzt. Björn Heuser streckt immer wieder die Arme in die Höhe und freut sich wie ein kleines Kind, wenn das ganze Brauhaus singt. So viele Lieder hat er geschrieben, für sich und andere, zuletzt für Hans Süper und den Köln-Marathon. Doch bescheiden wie er ist, streut er sie nur ganz behutsam ein. „Op ne schöne Ovend, en schöne Zick, met üch ze singe, dat es Jlöck.“

„Great, really great“, schreit Pamela aus Belfast, weil ihr Schunkelnachbar schnell den Text übersetzt und ihr damit klammheimlich wieder so ein kölsches Pflänzchen in ihre irische Seele eingesetzt hat. Hubsi, der Schwabe, wird auf einmal ganz melancholisch, künnt Rotz und Wasser kriesche, wenn ihm das bloß mal einer übersetzen würde. Ist aber gar nicht nötig. Weil Kölle doch e Jeföhl is.

Steffen, der kölscheste aller Sachsen, wird gleich den Tisch klar machen, für die nächste Reise an seinen Sehnsuchtsort. Und nächsten Freitag werden alle wieder da sein. Die Touris, die Kölschen, die Stammgäste und jene, die der pure Zufall in diese Kultstätte gespült hat. Op ne schöne Ovend, en schöne Zick....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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