„Können wir bei Aldi halten?”: Kölner Rettungsdienste immer öfter unnötig alarmiert

Ein neues Modellprojekt soll dem überlasteten Rettungsdienst helfen.

Immer mehr Menschen in Köln nehmen Not- und Rettungsdienste in Anspruch: In den Kölner Notdienstpraxen stieg die Zahl der Patienten in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent. „Auch die Schwelle, unter 112 den Notdienst zu alarmieren ist deutlich gesunken. Die Einsatzzahlen steigen kontinuierlich jedes Jahr“, erläuterte Alex Lechleuthner, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Köln. Dabei habe die Untersuchung der Einsatzfälle der Rettungsdienste ergeben, dass die Zahl der wirklich akuten Notfälle – etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle – nicht angestiegen ist. „Es ist die Zahl der Bagatellfälle, die sich deutlich erhöht hat“, konstatierte Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein.

Der Effekt: Übervolle Notfallpraxen und überlastete Rettungsdienste, die im Falle wirklicher Notfälle durch Bagatellfälle blockiert werden. „Es gibt Kölner, die rufen im Krankheitsfall den Krankenwagen, weil das Geld für ein Taxi nicht reicht“, formulierte Jürgen Zastrow, der Vorsitzende der Kreisstelle Köln der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Es sei auch schon vorgekommen, dass der Fahrer gefragt wurde, ob er unterwegs noch bei Aldi anhalte. Auch wenn derartige Vorfälle natürlich die Ausnahme seien: Ein gewisses Anspruchsdenken auf der einen Seite und vor allem auch zunehmende Unsicherheit der Patienten in Gesundheitsfragen auf der anderen Seite führten zu immer mehr „Fehlinanspruchnahmen“.

Mit einem Modellprojekt sollen die Patienten nun in Köln schon im Vorfeld besser gelotst werden. Ziel ist, dass weniger Menschen im Rettungswagen und in den Notfallambulanzen landen, die dort nicht hingehören und die wirklichen Notfälle schneller Hilfe bekommen: Ab sofort kooperiert die unter der 112 erreichbare Rettungsleitstelle der Stadt mit dem unter der 116117 erreichbaren Notdienst der niedergelassenen Ärzte in Nordrhein. Die Arztrufzentrale ist jetzt telefonisch rund um die Uhr erreichbar und nicht mehr nur abends, nachts und am Wochenende.

Egal ob man die 112 oder die 116117 wählt: Künftig wird man dort nach demselben, vereinheitlichten System befragt, kategorisiert und behandelt: Wer ein akuter Notfall ist, wird von Rettungsdienst und Notarzt versorgt und abgeholt. Wird in dem Telefonat dagegen festgestellt, dass der Patient außer Lebensgefahr ist und keine stationäre Behandlung notwendig ist, wird er von der Rettungsleitstelle an die Arztrufzentrale übergeben. Das funktioniert natürlich auch in die umgekehrte Richtung, wenn in der Arztrufzentrale eine Akutsituation festgestellt wird.

Die Arztrufzentrale übernimmt dann eine Lotsenfunktion: Außerhalb der Praxisöffnungszeiten vermittelt sie den Patienten an eine der umliegenden ambulanten Notarztpraxen oder organisiert einen ärztlichen Hausbesuch. Bei Anrufen nachmittags vermittelt sie an eine geeignete Arztpraxis und organisiert im Falle bettlägeriger Patienten den Transport. Für diese Aufgabe konnten in Köln mehr als 30 Partnerpraxen aller Fachrichtungen gewonnen werden. „Sie sind ab jetzt unsere Anlaufstellen, wenn ein Patient während der Praxisöffnungszeiten den Notdienst oder Rettungsdienst beansprucht, ohne ein medizinischer Notfall zu sein“, erklärt Zastrow. Das Ziel: „Nur der Notfall soll Notfall bleiben.“ 60 der täglich 400 vom Kölner Rettungsdienst abgewickelten Notfälle könnten laut Zastrow auch vom Vertragsarzt versorgt werden. Dazu soll auch die Ärztehotline 116117 bekannter gemacht und beworben werden....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta