Küchenhilfe sagt - „Es kommt mehr und mehr in Mode, mit Bürgergeld zu prahlen“

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Doreen (42) arbeitet als Küchenhilfe und sagt: „Wenn ich Bürgergeld bekäme, hätte ich weniger Stress und vielleicht am Ende sogar mehr in der Tasche.“ Warum sie trotzdem nicht tauschen will, erzählt sie FOCUS online.

FOCUS online: Sie arbeiten in Teilzeit als Küchenhilfe in einem Kindergarten. Sie bekommen dafür unter 1000 Euro brutto im Monat. Lohnt arbeiten noch?

Doreen: Auf jeden Fall, das habe ich immer so gesehen. Auch damals, als ich mit zwei Kindern alleinerziehend war. Meine Tochter ging in die Grundschule, mein Sohn noch in den Kindergarten, andere hätten wohl gesagt: Zwei kleine Kinder großziehen und nebenbei arbeiten, das ist zu viel. Aber ich musste raus, musste unter Leute, wollte was tun. Vom ersten Tag an habe ich meinen Job geliebt. Nur finanziell war es am Anfang ein Schock.

Warum?

Doreen: Vorher hatte ich Hartz IV - und jetzt mit einem Mal deutlich weniger Geld auf dem Konto.

Wie kann das sein?

Doreen: Angefangen habe ich mit nur wenigen Stunden pro Woche, zuerst sogar nur eine täglich. Wie gesagt: Hauptsache raus, endlich wieder eine Struktur im Leben. Ich hatte mich tatsächlich dabei ertappt, dass ich mittags manchmal noch im Schlafanzug war. Wer nicht arbeitet, lebt in einem anderen Tempo und dann ist da die berühmte Decke, die dir droht, auf den Kopf zu fallen. Schon die eine Stunde im Kindergarten pro Tag hat was verändert. Allerdings hatte ich jetzt monatlich plötzlich nur noch rund 300 Euro. Vorher waren es 600 gewesen. Viele haben mir das damals nicht geglaubt, wenn ich gesagt habe: Aus wirtschaftlicher Sicht war Hartz IV besser.

Moment, haben Sie denn dazu gesagt, in welchem Umfang Sie arbeiten? Außerdem: Sie hätten doch zum Amt gehen und aufstocken können?

Doreen: Das wollte ich nicht. Genau davon wollte ich ja weg. Davon, mich ständig erklären und nachweisen zu müssen. Bloß nicht schon wieder Anträge ausfüllen. Nein, ich wollte nicht mehr die Hilfsbedürftige, das Opfer sein. Es stimmt, manches in meinem Leben war nicht optimal gelaufen. Ich bin damals während der Ausbildung zur Altenpflegerin schwanger geworden. Also brach ich die Ausbildung ab. Altenpfleger sind gesucht, damit wäre ich heute in einer komfortablen Situation. Ja, ich bin, wenn man so will, ungelernt. Aber ich stehe auf eigenen Füßen. Das ist das Wichtigste.

Von 300 Euro kann man allerdings nicht leben, schon gar nicht mit zwei Kindern.

Doreen: Stimmt, deshalb bin ich direkt im zweiten Monat zu meinem Chef und habe gesagt: Ich will mehr machen. Ich war dann ziemlich schnell bei 15 Stunden.

Können Sie Ihre Tätigkeit beschreiben?

Doreen: Mein Job ist es, bis zu 50 Münder satt zu kriegen. Das Essen kommt vorgegart, zum Erhitzen gebe ich es in einen so genannten Konvektomaten. Und dann: Die Tische decken, später wieder abräumen, die Küche sauber machen. Wenn hier alles blitzt und blinkt, mache ich im Garderobenbereich weiter: kehren, räumen, wischen. Ich mag diese Tätigkeit auch deswegen, weil man viele kleine Erfolgserlebnisse hat. Es tut gut, den Kindergarten zu verlassen und alles ist in Ordnung. Das Team bei der Arbeit ist toll. Ich liebe es, unter Menschen zu sein, mit den anderen zwischendurch Päuschen zu machen. Ich bleibe dabei: Bürgergeld beziehungsweise damals Hartz IV, das wäre keine Alternative. Schon allein wegen meiner Kinder.

Was meinen Sie?

Doreen: Ich möchte ein Vorbild sein. Sie sollen einen strukturierten Alltag erleben und eine Mutter, die zufrieden ist. Das ist bei vielen Bürgergeldempfängern nicht der Fall.

Woher wissen Sie das?

Doreen: Unter anderem vom Job im Kindergarten. Wenn ein Kind krank ist, rufen wir die Eltern an, damit sie zum Abholen kommen. Geht nicht, hört man dann nicht selten. Und im Hintergrund hört man den Fernseher. Wir rufen dann sämtliche hinterlegte Notfallnummern an, bis jemand kommt und das Kind holt. Eine Oma, eine Tante… ich finde das schlimm.

Nun ist es allerdings nicht so, dass man als Alleinerziehende oder auch sonst die Wahl hat: Bürgergeldbezug oder arbeiten gehen? Der Bezug von Sozialleistungen muss gut begründet sein.

Doreen: Das kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Ich habe Asthma und seit einigen Jahren COPD. Ich bin fast sicher, wenn ich wollte, könnte ich Leistungen bekommen. Nochmal, für mich ist das keine Option, ich würde mich schämen. Andere ticken da ganz anders. Mein Eindruck: Es kommt mehr und mehr in Mode, mit Bürgergeld zu prahlen.

Wer prahlt denn?

Doreen: Teils Menschen aus meinem direkten Umfeld. Du bist ja blöd, dass du für so wenig Geld arbeiten gehst – mal sagen sie das direkt, mal kommt das unterschwellig durch. Tatsächlich kenne ich Bürgergeldbezieher, die in diesem Sommer in den Urlaub fliegen. Wir haben noch nie Urlaub gemacht. Wirklich, noch nie.

Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) erhält eine Familie mit zwei Kindern (8 und 12 Jahre) und einem Alleinverdiener mit Mindestlohn im Monat ein verfügbares Einkommen von 3319 Euro. Im Bürgergeldbezug käme dieselbe Familie bei einem Regelsatz von 1292 Euro und einer Warmmiete von 832 Euro auf 2624 Euro. Die „arbeitende Familie“ hat also einen Vorsprung von rund 700 Euro.

Doreen: Ganz ehrlich, mit Schwarzarbeit lässt sich das im Handumdrehen ausgleichen. Putzen, einkaufen gehen, mit älteren Leuten rausgehen, sowas. Und wer dann noch nicht genug hat, der stellt einen Antrag bei einem Verein oder einer Stiftung wie „Lichtblick“ oder “Klartext für Kinder“. Ich kenne einige, die das tun.

Die was tun?

Doreen: Die hier Spendengelder abgreifen. Man muss nachweisen, dass man Bürgergeld bezieht und dann sagen, dass man in Not ist. Alle Geräte im Haushalt sind auf einmal kaputt gegangen, so etwa. Die Jammer-Nummer lohnt sich. Unterm Strich dürften die Bekannten, die das machen, deutlich mehr Geld haben als ich, die ich bei Lichtblick oder Klartext natürlich abgewiesen würde – ich bin ja keine Leistungsbezieherin. Klar ärgert mich das, wenn andere das Geld einfach so kriegen, während wir hart dafür arbeiten.

Wer ist wir?

Doreen: Ich bin inzwischen verheiratet, das dritte Kind ist unser gemeinsames. Mein Mann ist Lagerarbeiter, eine oft schwere und nicht gerade gut bezahlte Tätigkeit. Aber auch er geht jeden Morgen gerne zur Arbeit. In dieser Sache ticken wir sehr ähnlich. Ja, wir müssen jeden Euro zweimal umdrehen. Und trotzdem: Wir schauen lieber auf das, was wir haben, als uns ständig zu beklagen. Es gibt schon genug schlechte Stimmung in der Gesellschaft. Das darf nicht noch mehr werden.

Was fordern Sie?

Doreen: Ich glaube nicht, dass ich diejenige bin, die irgendwas fordern sollte oder die etwas lösen kann. Das ist Aufgabe der Politik. Aber wenn Sie mich so fragen: Es sollte auf jeden Fall mehr Kontrollen geben. Viel mehr! Und wir brauchen insgesamt eine anders Verständnis von Arbeit. Die Stimmung im Land wird erst dann besser werden, wenn wieder mehr angepackt wird und wir auch bereit sind, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, diesen Gedanken an die Kinder weiterzugeben. Meine 21-jährige Tochter zum Beispiel ist entsetzt, wenn Freundinnen schwanger werden und durchblicken lassen, dass sie das Kind vor allem deswegen bekommen, weil sie keine Lust haben zu arbeiten. Und mein 16-jähriger Sohn ist beim DLRG und jobbt im dritten Jahr im Freibad – ehrenamtlich. Klar, mit einem Bezahl-Job könnte er sich was leisten, ein tolles Handy oder so. Die DLRG-Clique ist ihm aber wichtiger, ist sowas wie sein zweites Zuhause. Ich kann ihn da sehr gut verstehen.