(K)eine Pinkelpause in Berlin?

Ein «Café Achteck» am Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: Britta Pedersen

Im «Café Achteck» in Berlin wird weder Milchkaffee noch Käsekuchen serviert. Es gibt auch nur Stehplätze. Die können aber durchaus begehrt sein. Denn bei den grünen, achteckigen Metallhäuschen aus der Gründerzeit handelt es sich um die ältesten öffentlichen Toiletten in der Hauptstadt.

Der Volksmund hat den Pissoirs ihren Namen verpasst, in denen Männer - und nur die - zumindest ihr kleines Geschäft erledigen können. Für weitergehende Bedürfnisse stehen geschlechterübergreifend sogenannte City-Toiletten bereit. Barrierefreie, selbstreinigende Pavillons also, bei denen quasi alles automatisch geht - bis auf die Notdurft selbst natürlich.

Rund 260 öffentliche WCs gibt es in Berlin, darunter 170 City-Klos und rund ein Dutzend Achtecke. Für eine Metropole mit inzwischen 3,7 Millionen Einwohnern und 12,7 Millionen Besuchern (2016) sind das zu wenig. Folge: «Wildpinkler» in Parks, auf Straßen oder U-Bahnhöfen sind keine Seltenheit - nicht nur in den Szenestadtteilen, durch die sich abends kaum jemand ohne Bierflasche in der Hand bewegt.

«Es ist ein Ärgernis, wenn nirgends eine Toilette in Sicht ist», schimpft Johanna Hambach, Vorsitzende der Landesseniorenvertretung. Eine «flächendeckende Versorgung mit barrierefreien Bedürfnisanstalten» fordert sie. Touristiker springen ihr bei. «Wir plädieren für mehr Toiletten bei steigenden Touristenzahlen», sagt Christian Tänzler vom Tourismusportal Visit Berlin.

Doch noch eine andere Entwicklung treibt viele um und macht aus den stillen Örtchen ein Politikum. Denn nach dem Willen der neuen rot-rot-grünen Koalition soll Berlin öffentliche Toiletten künftig in Eigenregie betreiben. Ein so wichtiger Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge müsse in städtische Hand, heißt es. Kritikern schwant da nichts Gutes: Sie denken an Zeiten zurück, als die Klos von der Stadtreinigung BSR verantwortet wurden und viele wegen ihres schlimmen Zustandes als «No-Go-Zonen» galten.

Dann kam vor 25 Jahren der Außenwerber Wall zum Zug. Die Firma erfand in Berlin die City-Toiletten und darf im Gegenzug für Aufbau sowie Unterhalt dieser und auch der anderen öffentlichen WCs städtische Werbeflächen vermarkten. Das Kopplungsgeschäft funktioniere mittlerweile in zahlreichen Städten bundesweit und auch im Ausland, etwa in Paris oder Mailand, berichtet die Unternehmenssprecherin Frauke Bank. «Wir hatten gehofft, dass wir uns mit unserem Modell an einer neuen Ausschreibung in Berlin beteiligen können.»

Doch hier steht das Modell vor dem Aus. Rot-Rot-Grün will ab 2019 eine Trennung von WC-Betrieb und Werbung. «Wir streben ein besseres Konzept und mehr Toiletten an», sagt die Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos/für die Grünen). Derzeit werde ein «Toilettenkonzept» entwickelt, bis Juli solle es vorliegen. Hintergrund ist ein Trend zur Rekommunalisierung, den Rot-Rot-Grün in Berlin etwa auch bei der Energieversorgung oder bei Wohnungsunternehmen verfolgt. Außerdem wollen SPD, Linke und Grüne weniger Werbung in der Stadt.

Der bisherige Berliner «Klo-Vertrag» läuft also aus, das neue Konzept existiert noch nicht. Da befürchten viele, dass im kommenden Jahr viele City-Toiletten verschwinden und bis dahin kein Ersatz da ist. «Uns verbittert, dass hier nach 25 Jahren ein bewährtes System mutwillig aufs Spiel gesetzt wird», sagt der Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, Jürgen Schneider.

Für viele der rund 600 000 Berliner mit einer amtlich festgestellten Behinderung sei ein verlässliches Angebot öffentlicher WCs zur Bewältigung ihres Alltages essenziell. Auch die Seniorenvertreterin Hambach sieht das so, denn: «Die Berliner Grünanlagen sind kein Ausweg, auch wenn dies aus der Not von manchem so angenommen wird.»

Standorte Wall-Toiletten

Mitteilung Landesseniorenvertretung

Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung

PM Wall zu 25 Jahren City-Toiletten in Berlin

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