"Mein Revier" auf Kabel Eins: Warum noch dieses Format?

"Mein Revier" - insgesamt sechs neue Folgen in Spielfilmlänge zeigt Kabel Eins ab Sonntag. Foto: Kabel Eins

Mit „Mein Revier – Ordnungshüter räumen auf“ ist seit Sonntag die „Mutter aller Polizeidokus“ zur besten Sonntags-Primetime zurück im Kabel-Eins-Programmkalender. Doch warum eigentlich?

Die Sendung ist ein Ableger von „Achtung Kontrolle! – Einsatz für die Ordnungshüter“, die zwischen den Jahren 2008 und 2013 auf stolze 1.052 Folgen kam. Worin nun aber – die namentliche Anlehnung lässt es vermuten – genau die Unterschiede zum Original bestehen, ist unklar. Selbst die vereinzelten Twitter-Fans, die während der Sendung am Second-Screen tippen, konnten kaum Alleinstellungsmerkmale herausdestillieren.

Man muss es aber auch nicht so genau wissen. Hat man als TV-Sender ein Erfolgs-Format produziert und fährt damit gute Quoten ein, schickt man es einfach leicht maskiert erneut ins Rennen. So entstand wohl auch „Achtung Kontrolle! – Airport“ und das Best-of: „Achtung Kontrolle! – Die Topstories der Ordnungshüter“.

Fünf Monate Dreharbeiten für die neue Staffel

Doch egal in welcher Kostümierung, immer begleiten die Fernseh-Zuschauer Beamte mit Lokalkolorit bei der Ausübung ihrer Pflicht. Laut „Prisma“ werden in den sechs neuen Folgen, jeweils in Spielfilmlänge ausgestrahlt, „ausschließlich Bundespolizisten bei ihrer tagtäglichen Arbeit“ gezeigt. Der Branchendienst „DWDL“ schreibt, die Dreharbeiten dauerten fünf Monate, gefilmt wurde in insgesamt acht Dienststellen. Darunter Stuttgart, Offenburg oder Kiel.

Eine der Protagonistinnen ist Polizistin Katharina, 29 Jahre, von der man zunächst erfährt, dass sie Pistole und zwei Magazine zu je 30 Schuss, außerdem Schlagstock und Pfefferspray, bei sich trägt. Nicht erfährt man an dieser Stelle, dass die allermeisten Polizistinnen und Polizisten in ihrer Karriere keinen einzigen Schuss abgeben. Oder besser: glücklicherweise keinen einzigen Schuss abgeben müssen.

Katharina jedenfalls sucht mit ihrem Kollegen Thomas rund um den Stuttgarter Bahnhof nach einem Mann. Beschreibung: 1,80 Meter groß, schwarze Haare, schwarzer Bart, südländischer Typ. So ein Mann soll an einem Dönerstand ein Messer auf den Tisch gelegt haben. Die beiden Polizisten: „Die Gefahr besteht darin, dass der Mann, wenn er mit einem Butterfly-Messer prahlt, vielleicht auch weiter geht.“ Das ist vielleicht etwas viel der Interpretation, dennoch halten sie anhand der Beschreibung zahlreiche Personen an.

Charme-Offensive für einen kritisierten Beruf

Erfolgreicher sind da Ronny und Michael von der sächsischen Polizeiinspektion Ebersbach. Sie halten einen Transporter aus Polen auf der A4 an. Der ist „wegen Unterschlagung“ zur Fahndung ausgeschrieben. Das kann alles bedeuten, sagt Michael. Vermutlich aber nur wegen ausstehender Leasingraten. Der polnische Fahrer spricht kein Wort Deutsch, Michaels Polnisch beschränkt sich auf „Fahrzeugpapiere“ und „Ausweis“. Dennoch muss er dem Fahrer klar machen, dass der Wagen abgeschleppt und verwahrt wird. Also ruft er den Chef des Fahrers an und lässt übersetzen: Wie der Fahrer wieder zurück nach Polen kommen solle, fragt der ihn. „Keine Ahnung”, sagt Michael. Vielleicht einfach einen der ebenfalls auf dem Rastplatz wartenden Lastwagenfahrer ansprechen, die meisten seien eh aus Polen.

Wie dieser Fall sind die gezeigten meist ziemlich harmlos. Wieso aber macht die Polizei bei sowas mit? Vielleicht aus Imagegründen. Denn die Sendung fordert und fördert Verständnis auf Bürgerseite für einen ehemals glorifizierten, mittlerweile öffentlich kontrovers diskutierten, Beruf. „Mein Revier“ kann durchaus als Charme-Offensive verstanden werden, um Polizisten wieder ins rechte Licht zu rücken. Wobei, genau da liegt ja eigentlich der Hund begraben. Häuften sich doch in letzter Zeit Recherchen über Ordnungshüterinnen und Ordnungshüter, die nicht mehr ganz mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes standen.

Milieus in der Polizei mit Affinität zu rechten Parolen

Da gab es die die Drohschreiben gegen die Anwältin Seda Basay-Yildiz, unterzeichnet mit „NSU 2.0“, die einen Skandal bei der Frankfurter Polizei auslösten. Da gab es die „Hannibal“-Artikel der „taz“ um den mutmaßlichen Anführer eines rechten Netzwerks innerhalb der Polizei. Es gab Friedrich Merz, der öffentlich befürchtete, Teile der Polizei an die AfD zu verlieren. Es gab Rafael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften der Akademie der Polizei Hamburg, der im Deutschlandfunk sagte: „Es sind tatsächlich Milieus in der Polizei, die rechtsgerichtet sind, die auch eine Affinität haben gegenüber rechten Parolen. Das sind in der Regel Milieus, die jedoch nicht die ganze Polizei repräsentieren, sondern in bestimmten Brennpunkten agieren und wenig Erfolg in ihrer Arbeit verspüren.“

Umso wichtiger ist es nun, die Polizeiarbeit in der öffentlichen Wahrnehmung wieder zu erden. Und was sollte da besser passen, als die meist ungefährliche und manchmal unterhaltsame, Kabel-Eins-Doku „Mein Revier“? In der die Polizistinnen und Polizisten stets im Recht sind, denn einen Nachklapp zu den Verhaftungen gibt es ja nicht. Jedoch: So ganz funktioniert das nicht immer. Katharinas Partner wird schon bei der ersten Personenüberprüfungen ungehalten, schnauzt seinen Verdächtigen an, jetzt gefälligst still zu stehen. Warum? „Weil ich das sage.“ Sympathisch geht anders.

Die Dokureihe zeigt: Der Beruf bei der Polizei ist oft wenig aufregend, nicht weniger oft ist er auch hart und fordernd, weil den Behörden mitunter respektlos gegenübergetreten wird. Doch das ist keinesfalls neu. Schon 2014 wunderte man sich beim Branchendienst „Quotenmeter“, dass Kabel Eins immer noch auf diese Sendung setze, die kaum Menschen vor dem Fernseher bannen könne. Die Quoten bewegten sich regelmäßig unter dem Senderschnitt. Verständlich ist das allemal bei drögen Fällen und eintönigen Dienststunden. Man könnte genauso gut jemandem bei seiner Bürotätigkeit zuschauen und hätte nahezu ebenso viel Action.