Wissenschaftler übertragen Erinnerungen von Schnecken

Ein Experiment mit Meeresschnecken liefert unglaubliche Erkenntnisse. Aber sind diese auch auf den Menschen übertragbar? (Bild: Charlotte Sams/REX/Shutterstock)

Forscher an der kalifornischen Universität UCLA fanden mithilfe von Tests an Meeresschnecken heraus, dass deren Erinnerungen praktisch transplantierbar sind. Die Erkenntnisse könnten neue Informationen für die Gedächtnisforschung liefern.

Es klingt fast wie bei Harry Potter, als Professor Dumbledore seinem Schützling Harry eine seiner silberfarbenen Erinnerungen mit dem Zauberstab in den Kopf setzt und Harry diese selbst erlebt. Neurobiologe David Glanzmann und sein Team haben nun einen ähnlichen Vorgang herbeigeführt. Mithilfe eines Experiments an Meeresschnecken (Aplysia californica) konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass sich reflexartige Erinnerungen über Ribonukleinsäure-Moleküle (RNS), die aus der DNS hergestellt wurden, weitergeben lassen. Das Ergebnis veröffentlichten sie in dem Wissenschaftsmagazin „eNeuro“.

Für den Test „trainierten“ die Forscher den Rückzugsreflex einiger Schnecken. Normalerweise ziehen sich die Tiere für kurze Zeit zurück, wenn man ihnen auf das Gehäuse tippt. Bei einer Gruppe Schnecken wurden zusätzlich Elektroschocks hinzugefügt, um diesen Reflex zu verstärken. Nach einer Weile reichte ein einfaches Tippen mit dem Finger auf das Gehäuse, damit sich die Tiere für längere Zeit in ihrem Haus versteckten. Eine zweite Gruppe Schnecken, die nicht mit Elektroschocks behandelt wurde, versteckte sich nach einem Antippen dagegen nur wenige Sekunden.

Anschließend führten die Forscher den untrainierten Schnecken über das Nervensystem Teile der RNS der trainierten Schnecken zu. Das überraschende Ergebnis: Beim Tippen aufs Gehäuse der eigentlich noch unbedarften Tiere verhielten diese sich plötzlich wie die Gruppe, die zuvor mit Elektroschocks erschreckt worden war – und versteckten sich deutlich länger im Schneckenhaus. Die Forscher betonen, dass keines der Tiere zu Schaden gekommen sei.

Laut Glanzmann könne man diesen antrainierten Reflex durchaus mit einer Erinnerung vergleichen und so bekräftige das Experiment die jahrzehntealte und vernachlässigte Hypothese, dass die RNS eine wichtige Rolle beim Speichern von Erinnerungen spielt.

Bisher ging man in der Wissenschaft davon aus, dass Erinnerungen in Synapsen, also Verbindungen zwischen den Nervenzellen, gespeichert werden. Der „BBC“ sagte Glanzmann: „Wenn Erinnerungen in den Synapsen gespeichert würden, hätte unser Experiment nicht funktioniert.“ Seiner Meinung nach werden Erinnerungen durch chemische Veränderungen an der DNS gespeichert, die wiederum durch RNS-Moleküle beeinflusst werden können.

Ob sich die Erkenntnisse auf den menschlichen Körper übertragen lassen, ist fraglich. Zwar seien die Molekularprozesse laut des Forschers bei Schnecken und Menschen ähnlich, allerdings gebe es einen Unterschied zwischen einem einfachen Reflex und menschlichen Erinnerungen, die aus persönlicher Erfahrung stammen. Diese seien nämlich sehr viel komplexer, wie die Professorin Seralynne Vann von der Cardiff University dem „Guardian“ erklärte. Glanzmann will seine Experimente künftig mit dem Erinnerungstransfer in komplexeren Organismen fortführen, beispielsweise bei Mäusen.