"Es kam aus dem Nichts": ARD-Doku zeigt Situation der Flugbegleiter

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Milliardenverluste, Flugzeuge am Boden, Personal in Kurzarbeit: Kann sich die Luftfahrtbranche von den Folgen der Pandemie erholen? Eine sehenswerte ARD-Doku begleitete Piloten, Flugbegleiter und fragt bei den Konzernchefs nach.

Wie geht es mit der Luftfahrt weiter?
Wie geht es mit der Luftfahrt weiter? "Die Story im Ersten" beleuchtet, mit welchen Strategien Airlines aus der Krise finden. (Bild: HR/Katrin Wegner)

Monatelang waren tausende Flugzeuge am Boden. Die Pandemie brachte den globalen Flugverkehr praktisch zum Erliegen. Mit enormen ökonomischen Folgen für die Luftfahrtbranche: 5,5 Milliarden Euro Verlust verzeichnete allein die Lufthansa im Jahr 2020, wie Konzernchef Carsten Spohr in einer Rede vor Aktionären verlautete, sechs Millionen Euro verpuffen aktuell täglich. 

Hoffnungen und Ängste der gebeutelten Branche

Während der Staat die Unternehmen mit finanzieller Hilfe unterstützt, befinden sich die meisten Angestellten seit über einem Jahr in Kurzarbeit. "Die Story im Ersten" fragt bei Piloten, Flugbegleitern und Konzernchefs nach - und beleuchtet mögliche Wege aus der wohl schlimmsten Krise der Luftfahrt. Der Film, der nach der Ausstrahlung am späten Montagabend noch in der Mediathek zu sehen ist, zeichnet just zu Beginn der mit vielen Hoffnungen aber auch Ängsten behafteten neuen Urlaubs-Hauptsaison ein realistisches Bild der gebeutelten Branche.

Ein möglicher Weg aus der Krise lautet: Sommerzeit, Ferienzeit - Reisezeit. Die Lufthansa, die bislang vor allem auf Geschäftsreisende setzte, hofft nun auf die durch sinkende Inzidenzen und steigende Impfraten wiedererweckte Urlaubslust. Mit dem neuen Tochterunternehmen "Eurowings Discover" will man Touristen ans Ziel bringen und sich damit auch als Ferienflieger profilieren. Die Strategie verfolgen auch andere Unternehmen - es herrscht ein "Verdrängungswettbewerb", dessen Folgen der Film von Katrin Wegner und ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel ausführlich, kritisch und mit Fokus auf die Verlierer beleuchtet.

Silke Wimmeroth war Flugbegleiterin bei Germanwings, nun ist sie arbeitslos. (Bild: HR/Katrin Wegner)
Silke Wimmeroth war Flugbegleiterin bei Germanwings, nun ist sie arbeitslos. (Bild: HR/Katrin Wegner)

"Man hofft und bangt mit den Mitarbeitern", sagt Eurowings-Chef Jens Bischof im Interview. Auch für ihn sei die Situation infolge der Pandemie "sehr emotional" gewesen. Hinter jeder abgebauten Stelle stecke ein "Familienschicksal". So begleitet die Dokumentation eine Flugbegleiterin, die von der nervenzehrenden Ungewissheit berichtet, die gerade sie als alleinerziehende Mutter trifft. 

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Eine letzte Hoffnung erblickt sie in den Stellenangeboten, die im Zuge der Ferien-Strategie ausgeschrieben wurden: Hunderte neue Jobs - allerdings bei tausenden Bewerberinnen und Bewerbern. Über Monate - und damit durch die härteste Pandemie-Zeit - begleitet der Film seine Protagonisten zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Schließlich entschließt sie sich, eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin zu beginnen.

Früher Flugbegleiter - jetzt Lokführer

Claus Boschmann verlor seinen Job als Flugbegleiter und wird nun Lokführer. (Bild: HR/Katrin Wegner)
Claus Boschmann verlor seinen Job als Flugbegleiter und wird nun Lokführer. (Bild: HR/Katrin Wegner)

Ein weiterer Flugbegleiter ist seit einem Jahr arbeitslos - für ihn herrschte nach der Germanwings-Abwicklung vor allem "Ohnmacht", wie er sagt. Zwar erhielt er ein Jobangebot als Flugbegleiter, will nun aber doch lieber aus der Branche aussteigen. Der Grund: Es wäre eine befristete Stelle gewesen, mit schlechter Bezahlung und ohne Tarifvertrag. "Es kam aus dem Nichts", sagt der Mann im Film. Nun will er sich zum Lokführer umschulen lassen.

"Die soziale Verantwortung wurde in meinen Augen gar nicht berücksichtigt", bemängelt ein ehemaliger Pilot einer Lufthansa-Tochter im Film den Umgang der Unternehmen mit den Mitarbeitern während der Krise. Auch Gewerkschaftler kommen zu Wort, kritisieren etwa den "Extra-Preis", den die Beschäftigten nun noch zahlen müssten. Wenn man vom Staat Geld dafür bekomme, sein Unternehmen zu retten, habe man auch "die verdammte Pflicht, so viele Mitarbeiter wie möglich zu retten", sagt Condor-Chef Ralf Teckentrup. Es gehe um Verantwortung.

Luftfahrtberater Christophe Mostert erklärt: Allein 2020 hätten über 40 Airlines das Schutzschirmverfahren in Anspruch nehmen müssen - oder seien gleich in die Insolvenz gegangen. Er persönlich glaube, dies sei auch in diesem Jahr noch nicht vorbei: "Das werden nicht alle durchhalten." Auch eine befragte Pilotin glaubt, dass die Krise - trotz aktueller Hoffnungsschimmer - "nicht damit beendet ist, dass wir wieder Gäste haben".

"Da ist ganz viel Traurigkeit dabei"

In eine ungewisse Zukunft blickt ein Lufthansa-Pilot, der in der Dokumentation von seiner Pandemie-Ernüchterung berichtet. Wie der Großteil der Angestellten befindet sich der A380-Kapitän seit letztem Jahr in Kurzarbeit; die Einstellung der meisten Flugrouten zwang ihn zum Nichtstun. Sechs der 14 Airbusse hat die Lufthansa schon ausgemustert. "Da ist ganz viel Traurigkeit dabei", gesteht der Pilot - "gerade, wenn man die Fliegerei liebt. Und das tue ich." Ein Kollege von ihm bringt es in der äußerst sehenswerten Doku auf den Punkt: "Als Flieger tut es einem natürlich extrem weh, die Flieger am Boden zu sehen", sagt der Eurowings-Pilot: "So eine Situation habe ich noch nie erlebt - und ich hoffe, ich werde sie auch nicht mehr erleben".

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