Karl-Theodor zu Guttenberg - „Handspielregel ist ein ganz verzwicktes Luder!“ - ich verneige mich vor Thomas Müller

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Karl-Theodor zu Guttenberg.Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Deutsche Fußballer sind ein nie versiegender Metaphernquell. Die Gratwanderung zwischen geistreicher Tiefe und Komik will dabei nicht immer gelingen. Nur einer stellt selbst Großaphoristiker wie Oscar Wilde, Adorno und Laotse verlässlich in den Schatten: Thomas Müller.

Zwischen Philosophie und Fußball

Nachdem ein zotteliger spanischer Verteidiger bei der Torverhinderung den abgespreizten Arm mit schiedsrichtertauglicher Schlaffheit versehen hatte (ein physikalisches Wunder!), bedurfte es einer fachgerechten Einordnung. Der bayerische Haudegen wusste nach dem verwehrten Halbfinaleinzug zu liefern: „Die Handspielregel ist ein ganz verzwicktes Luder.“ Besser kann man enttäuschte Liebe, selbst wenn sie nur dem Rasensport gilt, nicht auf den Punkt bringen. Geflügelte Worte für die Ewigkeit.

Und, ja: Müller for president! Oder Kanzler. Mindestens Minister. Man darf ja noch träumen. Die Vorstellung, wie ein einziger Satz die Schwurbler in Regierungs- und Schreibstuben aushebeln könnte, versetzt den Autor dieser Zeilen in vorauseilende Euphorie. Egal, ob Wärmepumpen, Coronamaßnahmen, Ferkelbetäubungsgesetz, Würstchenverordnung oder das legendäre Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (1999). Alles ganz verzwickte Luder.

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Spuren des Erinnerns: Von der Bühne zur Kanalabdeckung

Ein alternder sowie ein älterer Herr stehen am Bühnenrand eines Theaters in Hannover und - man darf es wohl sagen - genießen den Applaus.

Ein wohltuender Herbstregen auf einige Brandwunden ihres Lebens. Ein Kitzeln der gerne verleugneten Eitelkeit.
Worte für die Ewigkeit hatte es in den vorangegangenen neunzig Minuten nicht gegeben, aber die zwei Herren wollen durchaus in Erinnerung bleiben.

 

Der Wunsch, nicht in Vergessenheit zu geraten, wird von vielen geteilt. Spendertafeln, Festschriften, mehr oder weniger würdevolle Portraits und -posthum - Grabsteine und Mausoleen sind Zeugen dieser Sehnsucht. Manchmal liebevoll und bescheiden. Manchmal grotesk. Es geht aber auch anders.

Als die beiden Protagonisten, Gregor Gysi und ich, das Theater verlassen, wartet am Hintereingang ein Mitarbeiter. Er lacht quietschvergnügt und deutet auf die Straße. Genauer gesagt auf eine Kanalabdeckung. Die Platte zieren zwei Buchstaben: „KT“. „Andere haben einen Stern auf dem Sunset Boulevard in Hollywood. Du hast einen Gullideckel in Hannover.“

Auch die Straßen Hannovers sind offenbar ein ziemlich verzwicktes Luder. Spiegeln sie doch die Flüchtigkeit jedes Bedeutungsgefühls. Nicht nur Margot Kässmann kann davon ein Lied singen. (Ihre fröhlich beschwipste Autofahrt durch die niedersächsische Landeshauptstadt kostete die damalige EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin ihr Amt. Nicht hingegen die Zuneigung ihrer vergleichsweise nüchternen Nation).