Katia (23) aus Odessa: "Wir werden den Russen in den Hintern treten"

Kateryna Polishchuk lebt in Odessa, der architektonischen Perle am Schwarzen Meer mit ihren Gebäuden und Plätzen im Stil des Art-Nouveau und der Neo-Renaissance - und einer der wirtschaftlich und symbolisch wichtigsten Standorte in der Ukraine. Weshalb Odessa als nächstes Ziel ganz oben auf Putins Wunschliste steht. Die Angriffe nehmen an Frequenz und Härte täglich zu.

Die 23-Jährige war bereits in Sicherheit, zusammen mit ihrer Cousine Oxana war sie nach Deutschland gegangen, hatte dort eine Unterkunft gefunden, war in Bremen als Kriegsflüchtling registriert. Und doch ist sie zurück gegangen ins Kriegsgebiet, freiwillig.

Stoische Ukrainer oder jugendlicher Leichtsinn?

Nicht vor dem Krieg sei sie geflohen, sondern für die Jobsuche sei sie ins Ausland gegangen. In Deutschland habe sie sich gute Chancen ausgerechtet, schnell etwas zu finden. Viele würden aus demselben Grund gehen, sagt sie, um Geld zu verdienen, damit es weitergeht, um Familie und Land zu helfen.

Die junge, selbstbewusste Ukrainerin ist gut ausgebildet, als Übersetzerin für Chinesisch und Englisch. Sie interessiert sich für Lifestyle, Sport, digitales Leben, Crypto Währung - so wie viele junge Menschen in anderen europäischen Metropolen auch.

Doch in Bremen prallte der jugendliche Elan mit der Realität deutscher Bürokratie zusammen. So viel Durchhaltevermögen konnten Kateryna und Oxana nicht aufbringen, schließlich sei man nicht zum Bleiben, sondern zum Geld verdienen gekommen.

Viele seien zurückgegangen, als sie hörten, dass sie in ihren Unternehmen weiterarbeiten können. Was sollen wir in Deutschland machen, hat eine ältere Frau gesagt, die Kateryna auf der Rückreise getroffen hat. Wir können nicht die ganze Zeit rumsitzen, wenn zuhause Krieg herrscht.

Foto privat / Kateryna Polishchuk
Kateryna Polishchuk und Freunde in Odessa, lange vor Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. - Foto privat / Kateryna Polishchuk

Zwischen Bombenalarm und Alltag

Es war eine pragmatische Entscheidung. Weiterentwicklung, Leistung, Vermögensaufbau seien den Menschen wichtig. Sie seien stolz auf den Fortschritt in ihrem Land und auf ihr modernes Odessa. Bis zum Krieg hat Kateryna in einem Logistikunternhemen in Odessa gearbeitet.

Dann hat die Firma nach zwei Monaten Schließung wegen des Kriegs wieder aufgemacht. Eigentlich sollte es letzte Woche wieder losgehen. Kateryna wartet ungeduldig.

Zur Zeit ist Kateryna bei ihrer Mutter in Tschornomorsk, einer kleinen Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern nur wenige Kilometer südlich von Odessa. Hier gibt es Strände, eine Promenade mit Souvenirshops, im Sommer kommen Touristen, an den Wochenenden sind die Strandrestaurants voll mit Leuten aus Odessa, auch jetzt.

Die Menschen hätten keine Angst. "Sie achten nicht mehr auf den Bombenalarm, sie gehen raus, kaufen ein, sie leben einfach ihr Leben. Viele sind in ihrer Wohnung von einer Bombe getroffen worden. Sie gehen raus,  besonders jetzt, wo das Wetter schön wird."

Dieses Video, das Kateryna mit ihrem Handy aufgenommen hat, zeigt das Treiben auf der Straße, trotz Bombenalarms.

Zusammenhalt und Selbstmotivation statt Angst

Trotzig ignorieren die Menschen den Krieg um sie herum, so scheint es. Sie hätten ihr Schicksal akzeptiert, das führe zu einem nie dagewesenen Zusammenhalt. Jeder mache irgendetwas. Niemand wolle untätig sein, sagt Kateryna.

Sie erzählt von älteren Menschen, die Flaschen sammeln, nicht etwa wie bei uns, für den Flaschenpfand,  sondern um Molotov-Cocktails zu bauen.   

Und es gehen viele Gerüchte um. Kateryna erzählt, dass eine ukrainische Frau russischen Soldaten frisch gebackenes Brot angeboten haben soll. Das Brot soll vergiftet gewesen und die Soldaten verendet sein. Es gibt Geschichten von jungen Ukrainern, die Russen vergiftete Joints gegeben haben, und viele dergleichen mehr.

Viele Ukrainer wissen genau, was passieren wird, wir werden ihnen in den russischen Hintern treten, wir werden gewinnen, es gibt keine andere Realität.

Ob die Gechichten stimmen, lässt sich nicht überprüfen. Wahr oder nicht, was sie alle gemeinsam haben, ist eine Demonstration nationaler List und Stärke, sie sollen von Zusammenhalt und Mut zeugen und eine Dynamik der Selbstmotivation befeuern. 

"Ausländer, Menschen aus anderen Ländern fragen sich, wie der Krieg weitergehen wird, was als nächstes passieren wird, könnte es mehrere Jahre dauern? Aber viele Ukrainer wissen genau, was passieren wird, wir werden ihnen in den russischen Hintern treten, wir werden gewinnen, es gibt keine andere Realität."

Auf diesen Handy-Video, aufgenommen in Odessa, ist Kateryna auf dem Weg in den Park, um mit Freunden zu picknicken, als in wenigen Kilometern Entfernung eine Rakete einschlägt.

Odessa als Dreh- und Angelpunkt für Putin Feldzug

In Regionen und Städten, die noch nicht besetzt sind, wollen die Leute bleiben, sagt Kateryna. "Sie bleiben und warten und hoffen, dass es morgen vorbei ist." Besonders verständlich im Fall von Odessa. Die Stadt erlebte im 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung, wovon noch heute die damals errichtete italienische und französische Architektur zeugt.

Sie ist ein Aushängeschild für den Fortschritt in der Ukraine, Dreh- und Angelpunkt der ukrainischen Wirtschaft, Handelshafen und Startpunkt wichtiger Öl-Pipelines. Fällt Odessa, rückt Putins Russland auch gefährlich nahe an die EU heran.

Seit der Blockade des Asowschen Meers und den Verlust der Krim, ist der Ukraine lediglich die Region Odessa für den Export über den Seeweg geblieben. Ein Verlust dieser Region würde die Ukraine in einen Binnenstaat verwandeln und die ukrainische Wirtschaft lahmlagen.

Der Verlust der Stadt Odessa wäre für die Ukraine ein kaum zu verkraftender Rückschlag und wegen ihrer kulturellen Bedeutung auch symbolisch eine Katastrophe. Für Russland wäre der Fall von Odessa militärisch und geopolitisch ein riesengroßer Sieg. Russland könnte bis an die EU-Außengrenze in Rumänien heranreichen und von dort aus Transnistrien und die Republik Moldau erobern.

Das Verhältnis zu Russland

Der 23-Jährigen war eine angebliche Feindschaft zwischen den Russen und Ukrainern bis zum Krieg nicht so richtig bewusst, in ihrem Leben hat das nie eine Rolle gespielt. Der Donbas, ein regionales Einzelphänomen, weit weg. Jetzt spürt sie diese Feindschaft.

Drei Freunde leben in Russland. Kateryna hat in den vergangenen Wochen Kontakt zu ihnen gesucht. Sie haben ihr nicht geantwortet. Warum weiß sie nicht, bisher hatten sie ein gutes Verhältnis. Können sie nicht antworten, wollen sie nicht mehr? Für junge Menschen wie Kateryna, die in einem freien Land mit Meinungs- und Pressefreiheit aufgewachsen sind, nur schwer vorstellbar. Aber vielleicht haben ihre Freunde einfach Angst oder sind von der russischen Propaganda beeinflusst.

In den sozialen Medien geistern viele Aussagen von russischen Soldaten herum. Kateryna spricht besorgt über das Kriegsinstrument der Vergewaltigung zur Erniedrigung des Gegeners. Und von patriotischen russischen Ehefrauen, die ihren Männern erlauben, ukrainische Frauen zu vergewaltigen, wenn es dem Zweck diene und sie nichts davon erführen

Anfang Mai sorgte ein von den Ukrainern abgefangenes Telefont eines russischen Sodaten mit seiner Mutter für Aufregung. Darin beschreibt er, wie er Zivilisten gefoltert und getötet hat.

Kateryna denkt aber auch an die jungen, netten Soldaten, die am Anfang gekommen sind, die dachten, dass die Ukrainer froh sein werden. Die, die gestorben sind, weil man sie unwissend und unter falschen Voraussetzungen in den Kireg geschickt hat, als Kanonenfutter.

Am Anfang habe sie auch geweint, jetzt weint sie nur noch vor Rührung, wenn sie sieht, wie die Welt auf das Leid in ihrem Land, auf die Kriegsflüchtlinge reagiert. "Wenn ich sehe, wie andere Menschen, weit weg in anderen Ländern, mit uns fühlen, diese Performance der Menschen mit künstlichem Blut in Frankreich, das war berühend, Leute, die helfen wollen, Wohnungen und Essen anbieten."

Ihre Überzeugung und Konzentration für die Ukraine, wie die vieler anderer in Odessa auch, liege auf dem Zusammenhalt und der Zuversicht. Den brauchen die Menschen wahrscheinlich auch, denn manche sagen schon, Odessa wird das nächste Mariupol sein.

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