Katzen in Walldorf müssen 3 Monate im Haus bleiben: Besitzer und Tierschützer sind entsetzt

Katzen in Walldorf müssen 3 Monate im Haus bleiben: Besitzer und Tierschützer sind entsetzt

In Walldorf regt sich Protest. Katzenbesitzer:innen in der Stadt südlich von Heidelberg sind seit einer knappen Woche angewiesen, ihre Tiere bis Ende August im Haus zu halten. Hintergrund ist der Schutz eines seltenen Vogels, der sich in der Brutzeit befindet.

Die Verordnung ist zum Schutz der Haubenlerche gedacht, die ihr Nest auf dem Boden baut und daher eine leichte Beute für Katzen auf der Jagd ist.

Der Bestand dieses Vogels in Westeuropa ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Die Internationale Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) hat ihn jedoch als eine der am wenigsten gefährdeten Arten in Europa eingestuft.

"Aufgrund der Seltenheit der Art und des ungünstig-schlechten Erhaltungszustandes im Land ist bereits bei Verlust eines Revieres oder eines Tieres von einer weiteren Verschlechterung des Erhaltungszustandes auszugehen. Unter anderem kommt es daher für den Fortbestand der Art auf das Überleben jedes einzelnen Jungvogels an", so die Behörden in Walldorf.

Die Regelung gilt für alle Katzen im südlichen Teil der Stadt und soll sich in den nächsten drei Jahren von April bis August wiederholen.

Wer gegen die Allgemeinverfügung verstößt, und seinem Tier den Freigang erlaubt, dem droht ein Bußgeld von 500 €, sollte ihre Katze im Freien gefunden werden, und eine Strafe von bis zu 50 000 €, wenn das Tier eine Haubenlerche verletzt oder tötet.

Sollte ich meine Katze im Haus halten?

Wenn Sie in Walldorf wohnen, stellt sich diese Frage nicht mehr, aber für Menschen in anderen Gegenden ist die Antwort vielleicht nicht ganz so eindeutig.

"Katzen, die es gewohnt sind, nach draußen zu gehen, plötzlich daran zu hindern, bedeutet immense Einschränkungen und Stress für die Tiere", so der Deutsche Tierschutzbund, Deutschlands größte Tierschutzorganisation, in einer Erklärung gegenüber Euronews.

Der Einfluss von intensivierter Landwirtschaft, Monokulturen, Insektensterben und zunehmender Bebauung ist wahrscheinlich größer als der von einigen Katzen, die Vögel jagen.

"Der negative Einfluss von Katzen auf die Population von Singvögeln ist ohnehin umstritten und wurde nach unserer Kenntnis für die Haubenlerche in Walldorf noch nicht nachgewiesen."

Die Organisation unterstützt Maßnahmen zum Schutz der Haubenlerche, ist aber der Meinung, dass kein Tier als Tier zweiter Klasse behandelt werden darf.

"Hauskatzen als 'Schuldige' für die Gefährdung bestimmter Vogelarten zu bezeichnen, bedeutet auch, sie dafür verantwortlich zu machen, dass der Mensch Lebensräume und Nahrungsgrundlagen wildlebender Arten über einen langen Zeitraum zerstört und damit deren Existenz bedroht hat", heißt es in der Stellungnahme abschließend.

Dieser Meinung ist auch Daniela Schneider, Kampagnenleiterin von Vier Pfoten Deutschland.

"Der Einfluss von intensivierter Landwirtschaft, Monokulturen, Insektensterben und zunehmender Bebauung ist wahrscheinlich größer als der von einigen Katzen, die Vögel jagen", sagt sie gegenüber Euronews.

"Diese Ursachen sind vom Menschen verursacht. Es wäre besser, die tatsächlichen Ursachen zu bekämpfen, als Katzen dafür verantwortlich zu machen."

In Walldorf wurden zuletzt 3 Haubenlerchen-Pärchen gezählt.

Das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden‑Württemberg hält örtlichen Medien zufolge die Umsetzung des eingeschränkten Freilaufs für schwer umsetzbar. Demnach soll die Behörde den Hausarrest als "unzumutbar" und "unverhältnismäßigen Eingriff in die Rechte von Tierhaltern" bezeichnet haben.

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Die Haubenlerche brütet und zieht ihre Kleinen im arttypischen Aktionsraum freilaufender Hauskatzen auf. - Canva

Sind Katzen eine Gefahr für die Tierwelt?

Die Debatte darüber, ob Katzen frei herumlaufen sollten, kann sehr kontrovers geführt werden. Die Europäische Heimtierfutterindustrie stellte fest, dass 26 Prozent aller Haushalte in Europa mindestens eine Katze besitzen. Dies führt unweigerlich dazu, dass ein Viertel der Bevölkerung in dieser Angelegenheit starke Gefühle hat.

Eine Studie aus dem Jahr 2013 schätzte, dass freilaufende Hauskatzen allein in den USA jährlich etwa 2,4 Milliarden Vögel und 12,3 Milliarden Säugetiere töten. Die Autor:innen räumten jedoch ein, dass wild lebende Katzen den größten Teil dieser Sterblichkeit verursachen.

Laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) sind Hauskatzen die häufigsten Beutegreifer in vielen Siedlungen. Am häufigsten fangen Katzen demnach Mäuse und Vögel, darunter Amseln, Rotkehlchen, Meisen, Finken und Sperlinge.

"Streunende Katzen können zum Verschwinden angeschlagener Populationen von Bodenbrütern führen, zum Beispiel bei der Feldlerche", so der NABU.

Viele Millionen Vögel sterben jedes Jahr auf natürliche Weise, hauptsächlich durch Verhungern, Krankheiten oder andere Formen von Raubtieren", heißt es auf der Website der größten britischen Naturschutzorganisation RSPB.

"Es ist wahrscheinlich, dass die meisten der von Katzen getöteten Vögel vor der nächsten Brutsaison ohnehin aus anderen Gründen gestorben wären, so dass es unwahrscheinlich ist, dass Katzen einen großen Einfluss auf die Populationen haben."

In Walldorf berichtete die Rhein-Neckar-Zeitung am Mittwoch, dass der Vorsitzende des örtlichen Tierschutzvereins rechtliche Schritte gegen die "unverhältnismäßige" Verordnung einleiten will.

Katzenhalter, die von der neuen Verordnung betroffen sind, können noch bis Mitte Juni von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch machen.

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Katzen sind Jäger von Vögeln und kleinen Säugetieren, darunter Mäuse, Molche, Frösche. - Canva
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