Keim-Ausbruch in Kölner Praxis: Die Leidensgeschichte von Franz O. – Witwe berichtet

Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob die Injektionen Ursache für den Tod sind.

Manchmal lächelt Ursula O., wenn sie von ihrem Mann erzählt. Im Esszimmer ihrer Wohnung zeigt sie Fotos: Arm in Arm an Weihnachten 2018, beim Lichterfest im Kölner Zoo im Januar 2019, sie und er, Kopf an Kopf. Dann im Krankenhaus am 7. März dieses Jahres: er, abgemagert, aber für die Kamera tapfer lächelnd.

Schließlich beim Schneiden von verwelkten Hortensienblüten im Garten, kurz nach der Entlassung aus dem Spital. Als sie die Fotos vom blumenumkränzten Urnengrab auf Melaten zeigt, versagt ihre Stimme. „Wie kann man nur so leichtfertig mit dem Leben von Menschen umgehen?“, fragt Ursula O.. „Ich verstehe das nicht.“

Ihr Mann ist am 14. April gestorben. Knapp zwölf Wochen zuvor, am 22. Januar, wurde er im Medizinischen Versorgungszentrum MVZ in der Zeppelinstraße am Kölner Neumarkt mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa infiziert. Durch eine Spritze im Bereich der Wirbelsäule. Die mit Hilfe eines Computertomographen (CT) millimetergenau gesetzte Injektion sollte die Rückenschmerzen lindern, unter denen der 84-Jährige hin und wieder bei der Gartenarbeit litt – vor allem das Aufrichten nach dem Bücken fiel ihm schwer.

Doch schon in der zweiten Nacht nach der Cortison-Injektion bekam Franz O. Schmerzen. Die nächsten Monate, geprägt durch Medikamenten-Cocktails und Krankenhausaufenthalte, wurden zum Martyrium. Zweimal wurde der Rentner operiert, weil sich an der Injektionsstelle ein Entzündungsherd ausbreitete. Nach dem zweiten Eingriff wurde er ins Koma versetzt und starb 36 Stunden später.

„Außerordentlich schwerer Ausbruch”

Franz O.’s Infektion ist kein Einzelfall. Binnen mehrerer Wochen steckten sich bei der gleichen Schmerztherapie im MVZ 28 Patienten mit dem gefährlichen Keim an – so viele hat das Versorgungszentrum auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ bestätigt. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene spricht von einem „außerordentlich schweren Ausbruch“. In Europa sei „bislang kein schwererer Ausbruch mit diesem Erreger beschrieben worden“, sagt Peter Walger, Infektiologe und Vorstandssprecher der Gesellschaft für Krankenhaushygiene. „Dieser Fall muss mit maximaler Transparenz für alle Beteiligten aufgearbeitet werden.“

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die betroffenen 28 Patienten mussten ambulant oder stationär behandelt werden. Bei einigen von ihnen trat nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung auf. Die verantwortlichen Ärzte des MVZ haben nach eigenen Angaben „aufgrund der Vielzahl der betroffenen Patienten“ inzwischen die Staatsanwaltschaft informiert.

Die Ermittlungen zu den Vorkommnissen in der Praxis stünden erst am Anfang, sagt Ulrich Bremer, Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft. Es werde auch untersucht, ob „die ursprüngliche Infektion mit dem Keim todesursächlich“ im Fall von Franz O. gewesen sei. „Ausweislich des Obduktionsberichts“ sei der Rentner an einem „Multiorganversagen“ gestorben.

Obwohl der Erreger in den Praxisräumen noch nicht gefunden wurde, sei es „aufgrund der Häufung der Patientenfälle „für uns derzeit nicht anders erklärbar, als dass der Keim im Rahmen der Infiltrationstherapie in die Patienten gelangt ist“, bestätigt Michael Herbrik, ärztlicher Geschäftsführer des MVZ, auf Anfrage. Zwar sei in dem Behandlungsraum ein Erreger im Siphon eines Waschbeckens gefunden worden, es handele sich aber nicht um den Keim, der die Infektionen verursacht habe. Weitere Untersuchungen der Arbeitsflächen, des Arztbestecks und der eingesetzten Medikamente seien angeordnet worden. 

Die Räume der Radiologie seien nicht gesperrt worden, weil „für die Patienten bei den nicht-invasiven CT-Untersuchungen nie eine Gefährdung bestand“. Die Spritzen-Therapie hingegen, die ein Radiologe des MVZ und vier externe Orthopäden eigenverantwortlich durchgeführt hätten, sei „sofort nach dem Bekanntwerden der Häufungen von Infektionen gestoppt“ worden.

Therapie eingestellt

Vom Verdacht der vermehrten Infektionen habe man am 2. März erfahren, sagt Herbrik. Die Kölner Universitätsklinik, in der mittlerweile mehrere Betroffene behandelt worden waren, habe dies mitgeteilt. Als „gesicherte Infektionsphase“ sei nach derzeitigem Stand der Zeitraum zwischen dem 18. Januar und dem 8. Februar 2019 identifiziert worden.

In einem Schreiben an möglicherweise betroffene Patienten, das dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegt, heißt es: „Wie wir jetzt wissen, dauert es eine recht lange Zeit, bis es nach der Therapie zu Infektionssymptomen kommt (ca. 2-4 Wochen in Abhängigkeit der individuellen sonstigen Gesundheitssituation).“ Der Infektiologe Peter Walger sagt, die Inkubationszeit könne „Minuten bis Stunden bis Tage dauern, je nach Art und Weise des Eintritts des Erregers in den betroffenen Patienten“.

Schüttelfrost, Erbrechen

Inge A. bekam bereits zwei Tage nach der Spritze „Schüttelfrost, Erbrechen und Kopfschmerzen, wie ich sie noch nie gehabt habe: Das war wie ein rauer Schleifstein, der sich im Kopf hin und her bewegt.“ Eine CT-gesteuerte Injektion in den Rücken hatte sie in den vergangenen Jahren schon öfter bekommen. Gegen ihre Schmerzen an der Wirbelsäule.

„Ein halbes bis dreiviertel Jahr hatte ich danach immer Ruhe“, sagt sie. Diesmal jedoch war alles anders. Der Zustand der 70-Jährigen verschlechterte sich täglich. Fünf Tage nach der am 29. Januar in der MVZ-Radiologie verabreichten Injektion konnte sie nur noch mit Mühe gehen, erzählt sie. Wieder zwei Tage später wurde sie von einer Bekannten in die Notaufnahme des Augustinnerinnen-Krankenhauses in der Südstadt gebracht.

Von da wurde sie sofort in die Neurologie der Kölner Uniklinik überwiesen. „Das war wohl in letzter Sekunde. Ich konnte schon nicht mehr richtig sprechen, habe die folgenden zwei, drei Tage nur noch Fetzen der Realität mitbekommen.“ Als sie wieder zu sich kam, wurde ihr gesagt, dass sie eine Hirnhautentzündung hat. Und dass ein Keim gefunden worden sei, der für die Entzündung verantwortlich sei. 

Um den Keim in ihrem Körper zu bekämpfen, wurden seitdem mehrere Antibiotika ausprobiert. Die Entzündungswerte können verlässlich nur im Gehirnwasser kontrolliert werden. Deshalb wurde die Rentnerin bisher 14-mal am Rückenmark punktiert. „Was äußerst schmerzhaft sein kann“, wie sie sagt. Zweimal ist sie aus der Klinik entlassen worden, weil die Ärzte glaubten, der Keim sei besiegt. Doch die Entzündung kam immer wieder zurück. Am Montag dieser Woche, nach „elf Wochen mit Antibiotika-Infusionen“, ist sie wieder entlassen worden: „Ich hoffe nur, dass der Spuk jetzt endlich ein Ende hat“, sagt sie.

Gesundheitsamt eingeschaltet

Im Kölner Gesundheitsamt fängt die Aufarbeitung des Falles wie bei der Kriminalpolizei gerade erst an. Man sei „unverzüglich nach Bekanntwerden des Verdachts informiert worden“ und helfe bei der Suche nach der Quelle der Infektionen, sagt Gerhard A. Wiesmüller, Leiter der Abteilung für Infektions- und Umwelthygiene in der Behörde. „Wir machen uns in solchen Fällen vor Ort ein Bild von der Lage und besprechen mit den Verantwortlichen, was zu tun ist. Gibt es Hinweise auf die Infektionsquelle? Gibt es eine hygienische Betreuung? Wie funktioniert das Reinigungsregime? Müssen die Behandlungsräume geschlossen werden?“

Zu dem konkreten Fall wolle er sich aus „Datenschutzgründen“ nicht äußern. Man werde „alles Mögliche tun, um die Infektionsquelle zu finden und auszuschließen, dass zukünftig Menschen zu Schaden kommen“. Bei einer früheren Anfrage hatte ein anderer Vertreter des Amtes von einem „noch nie dagewesenen Fall“ gesprochen.

Die Witwe fordert Aufklärung

Ursula O. hofft, dass der Fall „lückenlos aufgeklärt wird“. Ihr Leid könne dadurch zwar nicht gelindert werden - „aber ich wünsche keinem, solche Monate zu erleben wie mein Mann zuletzt“. Der Zustand von Franz O. habe sich in den Tagen nach der Spritze dramatisch verschlechtert.

Nach einer Woche habe sie ihn im Rollstuhl in die Uniklinik geschoben, erzählt seine Frau. Bei einer Untersuchung entdeckten die Ärzte den Keim. Wegen eines Abszesses, der sich an der Einstichstelle der Spritze gebildet hatte, musste er operiert werden. Franz O. verließ die Uniklinik nach seiner ersten Operation am Freitag, 15. Februar. Am Wochenende habe ihr Mann kaum Luft bekommen und extreme Schmerzen gehabt. Als sie ihn am darauffolgenden Montag zum Hausarzt brachte, habe der Herzflimmern und Wasser in der Lunge diagnostiziert.

Ein Krankenwagen brachte Franz O. in ein Kölner Krankenhaus. Woher die Probleme an Lunge und Herz rührten, hätten die Ärzte nicht genau sagen können, berichtet Ursula O.. Erneut jedenfalls seien Keime im Körper ihres Mannes gefunden worden. Nach etwa vier Wochen Behandlung wurde Franz O. laut Arztbericht „in gutem Allgemeinzustand“ wieder entlassen.

Einige Tage nach der Entlassung verschlechterte sich sein Zustand erneut. „Seine Schmerzen am Rücken wurden unerträglich, obwohl mein Mann inzwischen Morphiate bekam“, sagt die Witwe. Am 5. April fuhr Ursula O. mit ihrem Mann zur Kontrolle ins Hospital. Einige Stunden nach der Untersuchung habe ein Arzt angerufen und gesagt, die Entzündungswerte seien gestiegen, Der 84-Jährige müsse sofort zurückkommen. Ein paar Tage nach der Einlieferung folgte die erneute Operation in der Uniklinik, weil sich wieder ein Abszess an der Wirbelsäule gebildet hatte. „Die Ärzte sagten, die Operation sei unbedingt nötig, meinem Mann drohe andernfalls eine Querschnittslähmung“, sagt Ursula O.. Aus dem anschließenden Koma wachte ihr Mann nicht wieder auf.  ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta