Kein Mitverschulden bei Rad-Unfall ohne Helm

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Neue Studie bestätigt: Fahrradhelme können Leben retten

Schuldlos in einen Unfall verwickelte Radfahrer tragen an eigenen Verletzungen auch dann keine Mitschuld, wenn sie ohne Helm gefahren sind. Das entschied der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Das Tragen eines Schutzhelms sei weder vorgeschrieben noch üblich, erklärte der BGH zur Begründung. Der Fahrradclub ADFC begrüßte das Urteil, die Versicherungswirtschaft forderte eine bessere Aufklärung über die Schutzwirkung des Helms.

Der BGH gab einer Radfahrerin recht, die 2001 in Glücksburg an der Flensburger Förde verunglückt war. Die Frau war auf dem Weg zur Arbeit, als eine am Straßenrand parkende BMW-Fahrerin plötzlich die Autotür öffnete. Die Radfahrerin fuhr gegen die Tür, stürzte auf ihren Hinterkopf und verletzte sich schwer. Das Oberlandesgericht (OLG) Schleswig rechnete ihr eine Mitschuld von 20 Prozent an den eigenen Kopfverletzungen zu, weil sie ohne Helm gefahren war. Die Schadenersatzansprüche der Frau setzte das OLG entsprechend herab.

Der BGH hob dieses Urteil nun auf und sprach der Radfahrerin vollen Schadenersatz zu. Das Tragen eines Schutzhelms sei für Radfahrer nicht vorgeschrieben. Zwar komme eine Mitschuld auch ohne gesetzliche Pflicht in Betracht, wenn jemand die sonst bei "ordentlichen und verständigen Menschen" übliche Sorgfalt außer acht lasse. Dies sei beim Radfahren ohne Helm aber nicht der Fall, betonte der BGH. Es gebe kein "allgemeines Verkehrsbewusstsein", wonach ein Fahrradhelm "zum eigenen Schutz erforderlich und zumutbar" sei.

Im Unfalljahr 2011 hätten innerorts nur elf Prozent der Radfahrer einen Helm getragen, führte der BGH an. Nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen waren es 2013 durchschnittlich 15 Prozent, überwiegend Kinder (75 Prozent) und Jugendliche unter 17 Jahren (28 Prozent). Ob "in Fällen sportlicher Betätigung des Radfahrers das Nichttragen eines Schutzhelms ein Mitverschulden begründen kann", ließ der BGH ausdrücklich offen.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hatte die Radfahrerin unterstützt und begrüßte nun das Karlsruher Urteil. Es stelle die Rechtssicherheit für Radfahrer wieder her. "Wenn ein Radfahrer vollkommen unverschuldet Opfer eines Verkehrsunfalls wird, dann darf ihm niemand seine berechtigten Schadensersatzansprüche streitig machen - egal, ob mit oder ohne Helm gefahren wurde", erklärte ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork in Berlin.

Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) begrüßte die nun geschaffene rechtliche Klarheit. "Wir können sehr gut damit leben", sagte der Leiter der GDV-Unfallforschung, Siegfried Brockmann, der Nachrichtenagentur AFP. Jetzt sei allerdings Aufklärung gefragt. Denn sowohl die täglichen Erfahrungen der Unfallchirurgen wie auch Computersimulationen könnten zeigen, "dass der Helm die Kopfverletzungen deutlich verringern würde". Bei Unfällen mit verletzten Radfahrern ohne Alleinunfälle trage in 60 Prozent der Fälle ein Autofahrer die Schuld, immerhin in 40 Prozent aber der Radfahrer selbst.

Die Gewerkschaft der Polizei forderte die Autofahrer zur Rücksicht gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern auf. Gleichzeitig appellierte sie an die Radfahrer, "auf einen funktionssicheren Helm nicht zu verzichten".

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