„Keine No-Go-Areas“: Markus Lanz und Michael Müller liefern sich Debatte über Kriminalität in Berlin

Michael Müller ist seit 2014 Regierender Bürgermeister Berlins. (Bild: Screenshot ZDF)

Drogenkriminalität, Übergriffe auf Juden, rechte Aufmärsche: Markus Lanz zeichnet in seiner Sendung ein denkbar schlechtes Bild der Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister kann nur eingeschränkt dagegenhalten.

Zu Beginn der Diskussion zeigt Markus Lanz schockierende Videoaufnahmen von rechten Demonstrationen, die zum Tag der Deutschen Einheit in Berlin stattfanden. „Rein in die Gaskammer“ hört man da Menschen rufen, von einem „Volkssturm“, der über „dieses System hinwegfegen“ wird, ist bei einer Kundgebung die Rede.

Für Lanz ist klar: Wer eine Kippa trägt, könne sich in Berlin nicht mehr angstfrei bewegen. Michael Müller widerspricht, jedoch nur eingeschränkt: Echte No-Go-Areas, in denen man um Leib und Leben fürchten müsse, gebe es in Berlin nicht. Jedoch habe es unwiderlegbar vermehrt Übergriffe auf jüdische Bürger gegeben. Der Trost des Regierenden Bürgermeisters: Bei solchen Angriffen gebe es immer sofort eine Gegenreaktion und Tausende, die gegen Rechtsextremisten Position beziehen und auf die Straße gingen.

Der Moderator ist mit dieser Antwort nicht zufrieden und hakt nach, ob Müller wirklich glaube, dass es keine No-Go-Areas in Berlin gebe. Lanz selbst würde in der Stadt bestimmte Ecken meiden oder nur mit dem Taxi durchfahren. Müller lenkt ein, dass es wie in jeder großen Stadt Bereiche gebe, wo man nachts um drei besser nicht alleine spazieren gehe. „Das bedeutet ja nicht, dass wir weggucken“, beschwichtigt der SPD-Politiker. Stattdessen arbeite man verstärkt mit erhöhter Polizeipräsenz oder dem harten Vorgehen gegen arabische Clans.

Alice Schwarzer glaubt, dass viele der heutigen Probleme von Müllers Vorgängern verursacht wurden. (Bild: Screenshot ZDF)

Lanz geht weiter auf Konfrontationskurs: No-Go-Areas in Berlin seien die Realität. Dass Probleme wie diese von der Politik nicht klar benannt würden, schüre viel Unzufriedenheit in der Bevölkerung. „Was ist das für eine Situation im Görlitzer Park zum Beispiel, wie würden Sie das beschreiben?“, fragt er konkret nach einem der bekanntesten Brennpunkte der Hauptstadt. Als Müller behauptet, dass viele der Dealer inzwischen von dort verschwunden seien, kontert der Moderator: „Da muss ich Sie enttäuschen, sie sind noch da.“

Wieder muss der Politiker relativieren: Die Szene werde von der Polizei immer weiter in umliegende Straßen verdrängt. „Jede Repression, jedes polizeiliche Eingreifen mag in solchen Fällen richtig sein, aber es muss auch einhergehen mit entsprechenden Angeboten und sozialen Projekten“, so Müller. Für ihn ist es wichtig, die Dealer von der Straße zu bekommen, deswegen würden auch Sozialarbeiter vor Ort sein.

Markus Lanz ist auch damit nicht zufrieden: „Muss es auch mal um Konsequenzen gehen an irgendeinem Punkt?“, fragt er. Dass es diese gebe, will er nicht glauben. Die Dealer am Görlitzer Park würden die Polizei nicht ernst nehmen und vor den Augen der Beamten mit Drogen handeln. Nun wird der Moderator dramatisch und erzählt von jungen Müttern, die durch den Park gingen und Kindern, die dort spielen, „die dann aber Gefahr laufen, aus Versehen irgendwas auszubuddeln, was Substanzen sind, die sie auf der Stelle umbringen“, empört er sich. Diese Zustände könne man nicht akzeptieren.

Bürgermeister Müller stimmt ihm zu, kann aber erneut nur auf Maßnahmen wie Polizeiüberwachung verweisen, die vor Ort durchgeführt werden. Die Diskussion ist festgefahren, bis der Politiker schließlich einlenkt: „Tatsächlich gibt es im Moment eine Schwerpunktsetzung bei der schweren Kriminalität, die wir in der Stadt haben“, sagt er mit Verweis auf das Vorgehen gegen arabische Clans und mobile Wachen, die an verschiedenen Standorten in der Stadt eingerichtet werden.

Thomas Gottschalk hatte an der Debatte sichtlich wenig Spaß. (Bild: Screenshot ZDF)

Schließlich kommt ihm Alice Schwarzer zur Hilfe: Sie spricht von „Sünden vergangener Jahre“ und einem „schweren Erbe“, das Müller nun zu tragen habe. „Wie kann es überhaupt sein, dass sich in einer Stadt diese Clans bilden, die so mächtig sind, dass sie das Gesetz machen?“, wundert sich die Journalistin. Um dieses Problem zu lösen, da ist sie sich mit Müller einig, müsse man Straftäter sofort verurteilen und vor allem jungen Intensivtätern Grenzen und Konsequenzen ihres Handelns aufzeigen.

Der Moderator bemängelt weiter, dass die Clanmitglieder keine Angst vor der deutschen Justiz hätten und sich für unantastbar hielten. Als Michael Müller ihn damit auflaufen lässt, dass diese Selbstwahrnehmung und -inszenierung nichts mit der Realität zu tun habe, schwenkt Lanz plötzlich auf einen Schmeichelkurs um und bewundert die persönliche Erfolgsgeschichte des SPD-Manns – von der Druckerlehre zum Bürgermeister Berlins. „Ich denke oft, wir müssten solche Geschichten viel öfter erzählen, weil das auch etwas erzählt über unser Land“, schwärmt er, nachdem er eine knappe halbe Stunde Missstände angeprangert hat.

Nun schaltet sich auch Thomas Gottschalk kopfschüttelnd ein, der bis dahin nur teilnahmslos in der Runde saß: „Ich habe lange geschwiegen und gedacht, ich sag am besten gar nichts mehr“, sagt er sichtlich genervt und verständnislos zum Verlauf der Sendung von den Themen Rechtsradikale über Clans bis hin zur Drogenkriminalität. „Wer jetzt noch nicht ausgeschaltet hat, der will doch morgen gar nicht mehr aufwachen.“