Keine SPD-Wahlwerbung in Nazi-Ästhethik am Brandenburger Tor

Einen Monat vor der Europawahl zirkulieren in sozialen Medien zahlreiche manipulierte Informationen, um Parteien zu diskreditieren. Aktuell teilen Nutzerinnen und Nutzer ein Bild, das ein vermeintliches SPD-Wahlplakat neben dem Brandenburger Tor zeigt. In seiner schwarz-weiß-roten Farbgebung erinnert das senkrecht aufgehängte Transparent an Reichsflaggen aus der NS-Diktatur. Bei dem Foto handelt es sich jedoch um eine Fälschung: Das Original stammt aus dem Jahr 2014 und verwies auf eine Jubiläumsaktion der Berliner Sparkasse.

"Die SPD Wahlwerbung am Brandenburger Tor erinnert irgendwie an vergangene Zeiten", heißt es in einem Facebook-Post vom 5. Mai 2024. Darunter postete der Nutzer ein Foto des Brandenburger Tors, an dessen Nachbargebäude über zwei Stockwerke hinweg ein senkrechtes, rotes Transparent hängt. Auf einem weißen Kreisausschnitt steht "9.6. wählen", darunter in Großbuchstaben "SPD". Das Bild, das vermeintlich ein Wahlplakat der SPD für die Europawahl am 9. Juli 2024 zeigt, wurde in den sozialen Medien vielfach geteilt.

Auf der Plattform Tiktok erreichte das Bild als von Blaskapellenmusik unterlegtes Kurzvideo über 23.000 Nutzende. Auf X, vormals Twitter, wurden die Posts verschiedener Accounts insgesamt knapp 500 Mal geteilt (hier, hier und hier). Viele Kommentare beziehen sich dabei auf die Ästhetik des schwarz-weiß-roten Transparents: "Die 30er und 40er Jahre wiederholen sich", kommentierte beispielsweise ein Tiktok-Nutzer dazu.

<span>Facebook-Screenshot der Behauptung: 16. Mai 2024</span>
Facebook-Screenshot der Behauptung: 16. Mai 2024

Das Bild stammt von 2014 und hat nichts mit der SPD zu tun

Doch das Foto ist manipuliert. Eine umgekehrte Bildsuche zeigt, dass das Bild am 6. November 2014 erstmals auf der damals noch Twitter genannten Plattform X zirkulierte. Der Nutzer Ömer Igac teilte ein Foto mit identischem Bildausschnitt (hier archiviert): Auch auf diesem Bild ist das Brandenburger Tor zu sehen, auf der Wiese davor steht ein weißes Festzelt und der Himmel ist wolkenlos. Am Gebäude rechts des Tores hängt ebenfalls ein rotes Banner – doch darauf steht ein anderer Text: "25 Jahre Mauerfall 2014" ist in einem weißen Kreis zu lesen, darunter befindet sich das Logo der Bank Sparkasse. Der Nutzer beschrieb das Bild mit den Worten "#MarketingGau der #Sparkasse". Einen Bezug zur SPD machte er nicht.

Es fällt außerdem auf, dass der Wahlaufruf und der SPD-Schriftzug im aktuell geteilten Bild in einer deutlich höherer Auflösung sind als der Rest des Bildes, was auf eine Manipulation hindeutet.

<span>Screenshots des bearbeiteten Fotos (links) und des Originalbilds (rechts): 16. Mai 2024</span>
Screenshots des bearbeiteten Fotos (links) und des Originalbilds (rechts): 16. Mai 2024

Eine Sprecherin der SPD-Fraktion bestätigt am 16. Mai 2024 gegenüber AFP: "Das gezeigte Plakat stammt nicht von der SPD. Das Bild ist manipuliert." Im derzeitigen Wahlkampf für die Europawahl 2024 werbe die SPD grundsätzlich nicht mit Transparenten, die vergleichbar aussehen. Die tatsächlich genutzten Plakatmotive zeigen größtenteils die SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl Katarina Barley und Bundeskanzler Olaf Scholz. Alle aktuellen Plakate sind auf der Website der SPD zu finden.

Eine Geolokalisierung zeigt zudem, dass sich das vermeintliche Wahltransparent am Max Liebermann Haus befindet, das seit 2000 die Stiftung Brandenburger Tor beherbergt. Dabei handelt es sich um die Kulturstiftung der Berliner Sparkasse. Die SPD hat dort keine Büros. Anlässlich der geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten zu 25 Jahre Mauerfall rund um den 9. November 2014 hatte die Berliner Sparkasse ein entsprechendes Werbebanner an der Fassade des Max Liebermann Hauses aufgehängt.

Die Werbekampagne der Berliner Sparkasse, die auf den Posts aus dem Jahr 2014 zu sehen ist, sorgte bereits vor zehn Jahren für viel Kritik und löste einen Shitstorm in den sozialen Medien aus. "MegaFAIL – Sparkasse: für Sie da seit 1933" kommentierte ein Nutzer am 07. November 2014 das geteilte Bild auf Twitter. Der Bank wurde vorgeworfen, mit dem senkrechten roten Banner, der farblichen Kombination aus schwarz, rot und weiß sowie der unmittelbaren Nähe zum Brandenburger Tor Erinnerungen an die Ästhetik des Dritten Reiches zu wecken. In der Zeit der NS-Diktatur hingen am Brandenburger Tor Hakenkreuzflaggen, die grafisch ähnlich anmuten. Als Reaktion auf die Kritik entschuldigte sich die Berliner Sparkasse und nahm das Banner noch vor den Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum des Mauerfalls am 09. November herunter, wie in Nachrichtenartikeln hier und hier berichtet wurde.

Weitere Faktenchecks rund um die Europawahl sammelt AFP hier.

Fazit: Das Foto ist manipuliert. Das Originalbild stammt von einem Twitterpost aus dem Jahr 2014 und zeigt eine Werbeaktion der Berliner Sparkasse anlässlich des Jubiläums von 25 Jahren Mauerfall. Mit der SPD oder der Europawahl hat das ursprüngliche Bild nichts zu tun.