Kinderleiche in Feld gefunden - Ist es Arian? Vermisstenexperte ist „irritiert, dass Identifikation so lange dauert“

Der sechsjährige Arian verschwand vor mehr als zwei Monaten aus seinem Elternhaus. Auch nach großangelegten Suchaktionen fehlte von dem Jungen jede Spur. Jetzt wurde eine Kinderleiche entdeckt. Ein Vermisstenexperte wundert sich über das Vorgehen der Polizei.

Das Foto ging durch die Medien: Ein kleiner Junge mit braunen Haaren und einem gelben Shirt lächelt zaghaft in die Kamera. „Can you roar like a dinosaur?“, steht in dicken, dunklen Lettern auf dem Oberteil.

Der Junge heißt Arian, ist sechs Jahre alt und gilt seit dem 22. April als vermisst. Arian stammt aus dem niedersächsischen Bremervörde und ist Autist. Kurz nachdem ihn seine Eltern als vermisst gemeldet hatten, startete die Polizei eine umfangreiche Suchaktion.

Hunderte Helfer durchkämmten eine Woche lang 5300 Hektar großes Gebiet. Hubschrauber, Hunde und Wärmebildkameras kamen zum Einsatz, außerdem Luftballons und Süßigkeiten, die den Jungen anlocken sollten. Doch es half nichts: Der Sechsjährige blieb verschwunden.

Daran änderte auch eine weitere Suchaktion mehrere Wochen später nichts. Jetzt scheint allerdings neue Bewegung in den Fall zu kommen. Fast genau zwei Monate nach Arians Verschwinden hat der Mitarbeiter eines Landwirts auf einer Wiese im Landkreis Stade eine Kinderleiche entdeckt.

Leichen-Fundort nur knapp 1,5 Kilometer Luftlinie von Arians Zuhause entfernt

Die Stelle liegt laut „Bild“-Zeitung nur knapp 1,5 Kilometer Luftlinie von Arians Zuhause entfernt. „Mein Mitarbeiter hatte vor Angst die Hose voll. Und mir war eigentlich gleich klar, was es nur sein konnte“, sagte Landwirt Jan Schlesselmann dem Blatt.

Schlesselmann will an der Leiche ein gelbes T-Shirt erkannt haben. Er vermutet deshalb, dass es sich bei dem toten Kind um Arian handelt. Auch die Polizei geht davon aus. Eine Obduktion soll die Identitätsfrage abschließend klären.

Der Publizist Peter Jamin, der sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema „Vermisste Menschen“ beschäftigt und ehrenamtlich Angehörige berät, ist „irritiert, dass die Identifikation so lange dauert“, sagt er im Gespräch mit FOCUS online.

Im schnellsten Fall sind acht Stunden nötig, um ein DNA-Profil zu erstellen, das geht aus einem Bericht des „Bayerischen Rundfunks“ (BR) hervor. Wenn noch Proben gewonnen werden müssen, dauert es länger.

„Ich würde davon ausgehen, dass die Polizei Arians DNA schon bei der Vermisstenmeldung gesichert hat. Zum Beispiel durch eine Zahnbürste oder Haare“, sagt Jamin. Dass immer noch nicht verkündet wurde, ob es sich bei dem toten Kind um Arian handelt, wundert ihn - immerhin ist der Fund der Leiche schon zwei Tage her.

Jamin lobt Arbeit der Polizei - hat aber auch Kritikpunkte

Verwirrend ist für viele Beobachter auch, dass Arians mutmaßliche sterbliche Überreste erst jetzt aufgetaucht sind. Schließlich durchkämmten Suchtrupps die betreffende Wiese in den vergangenen Wochen mehrfach, um den Jungen zu finden.

„Hier waren so viele Helfer unterwegs und haben bei uns im Betrieb auch in jedes Loch hineingeschaut“, sagte Landwirt Schlesselmann der „Bild“-Zeitung.

Sogar die Polizei wirkt ratlos. „Dass dort eine Leiche gefunden wurde, ist für alle Kräfte, die gesucht haben, überraschend“, sagte eine Sprecherin dem Portal „kreiszeitung.de“ . „Wir haben den Bereich mehrfach durchsucht.“

Jamin hatte in den vergangenen Jahrzehnten mit vielen Vermisstenfällen zu tun. Einige Male war er selbst an deren Aufklärung beteiligt. Ihm fallen mehrere mögliche Erklärungen ein. „Zum einen war das Suchgebiet sehr groß, dazu gehörten auch Häuser und Gehöfte. Es ist schwer, wirklich jeden Winkel abzuarbeiten“, sagt er.

„Zum anderen ist nicht klar, in welchem Abstand die Helfer nach Arian suchten. Auf übersichtlichen Flächen werden vier Meter empfohlen, bei dicht bewachsenem Terrain deutlich weniger.“ Vielleicht, so erklärt es Jamin, war der Abstand der Suchenden zu groß.

Hat sich Arian vor den Helfern versteckt?

Dann könnte ein Lücke entstanden und die Kinderleiche übersehen worden sein. „Bei solchen Aktionen gibt es immer wieder Momente der Unkonzentriertheit, ohne den Helfern Vorwürfe machen zu wollen.“

Diese Szenarien setzen allerdings voraus, dass Arians mutmaßliche, sterbliche Überreste die ganze Zeit im Gras lagen, also auch während der Suchmaßnahmen. Das muss nicht zwangsläufig der Fall gewesen sein.

„Denkbar wäre, dass er erst später zu dieser Stelle gelaufen ist“, sagt Jamin. Der Sechsjährige könnte sich vor Polizisten, Feuerwehrmännern und anderen Suchenden versteckt haben und danach auf die Wiese gelangt sein, wo er schließlich starb.

Von einem Fremdverschulden geht die Polizei derzeit zwar nicht aus. Aber auch ein solches Szenario würde erklären, warum die Leiche - wenn es denn die des Sechsjährigen ist - erst jetzt gefunden wurde.

„Eine andere Person könnte Arians sterbliche Überreste auf die Wiese gelegt haben, nach dem Ende der Suchmaßnahmen. Jemand, der ihn getötet hat, nicht unbedingt im Rahmen eines Verbrechens, sondern zum Beispiel durch einen Unfall. Oder ein unbeteiligter Dritter“, sagt Vermisstenexperte Jamin. Dann allerdings müssten bei der Obduktion Verletzungen festgestellt werden.

„Die Eltern befinden sich in einer Horrorsituation“

Arian ist kein Einzelfall. Im Jahresverlauf 2023 galten insgesamt rund 16.500 Kinder bis 13 Jahre als vermisst, das geht aus Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) hervor. Rund 15.800 haben sich wieder erledigt.

Zu den ungeklärten Fällen gehören nicht nur Opfer möglicher Gewaltverbrechen, sondern auch Dauerausreißer, unbegleitete Flüchtlingskinder und Fälle von Kindesentziehung. Dass vermisste Kinder sterben, ist selten. Sollte sich bestätigen, dass es sich bei der Kinderleiche um Arian handelt, gehört der Sechsjährige zu diesen traurigen Fällen.

Eltern, deren Kinder verschwinden, müssen mit einer belastenden Situation klarkommen. Jamin spricht von einem „Alptraum“, den Betroffene tagtäglich durchleben. Einer „schier unerträglichen Ungewissheit“.

„Sollte sich bestätigen, dass es sich bei der Kinderleiche um Arian handelt, ist das einzig Gute, dass seine Eltern endlich Klarheit über das Schicksal ihres Sohnes haben“, sagt er. Dann, so erklärt es der Vermisstenexperte, könnten sie sich verabschieden und anfangen zu trauern.

Zu wenig Unterstützung für „verwaiste Eltern“

Auch wenn vielleicht Fragen aufkommen, die niemand beantworten kann. „Wenn Arian ohne Fremdverschulden ums Leben gekommen ist, werden die Eltern wahrscheinlich immer grübeln: Waren wir Schuld? Hätten wir das verhindern können?“, sagt Jamin.

Aus Gesprächen mit zahlreichen Angehörigen weiß er, dass der Tod eines Kindes noch Jahre und manchmal Jahrzehnte nachwirkt. „Viele Eltern lassen das Zimmer des verstorbenen Sohnes oder der verstorbenen Tochter genau so, wie es war. Es wird zu einer Art Altar.“

In Jamins Augen gibt es in Deutschland am Ende des Tages nicht genug Unterstützung für Eltern, die Kinder verloren haben.

„Da sind zwar Initiativen wie 'Verwaiste Eltern'. Aber das reicht nicht. Da braucht es mehr Betreuung. Man sagt nicht umsonst, dass der Tod des eigenen Kindes eine der schlimmsten Situationen ist, in die ein Mensch geraten kann.“