Kleiner Käfer mit großem Schadenspotenzial

Jena (dapd-lth). Die letzten warmen Herbsttage sind für Zoologen wie Dietrich von Knorre Zeiten besonderer Wachsamkeit. Jedes Jahr nutzen Abertausende von Marienkäfern die letzten Sonnenstrahlen, um ein Quartier für den Winter zu finden. In großen Trauben hängen sie dann an Häusern oder Felswänden. Bei diesen Gelegenheiten haben Experten die beste Chance im Jahr, die Populationen genauer unter die Lupe zu nehmen. In den vergangenen Jahren finden die Experten auch in Thüringen immer mehr Exemplare der aus den USA eingeschleppten Harlekin-Marienkäfer. Die Folgen der Vermehrung könnten für das Ökosystem dramatisch sein, warnen Zoologen.

Weil die eingeschleppten Käfer auch die Eier ihrer europäischen Verwandten nicht verschmähen, seien in erster Linie die heimischen Marienkäferarten bedroht, sagt von Knorre. Doch darüber hinaus könnte der Eindringling auch bisher unabsehbare Schäden bei anderen Insektenarten verursachen. "Da es keine Dienststelle gibt, die so etwas beobachtet, tappen wir noch weitgehend im Dunklen", sagt der Zoologe. Bisher gebe es keine flächendeckenden Untersuchungen. Mitunter könnten selbst fundamentale Schäden an einer Population erst nach Jahrzehnten festgestellt werden - wenn über Jahre hinweg einfach keine Exemplare einer Art mehr gefunden werden.

Marienkäfer könnte Einfluss auf Waldhonig-Produktion haben

Der Umstand, dass kaum eines der Tiere dem anderen gleicht, könne auch Laien bei der Bestimmung helfen, sagt der Experte. "Wenn man mehrere Marienkäfer auf einem Fleck findet, von denen jeder eine andere Zeichnung hat, und die zudem sehr stark glänzen, hat man es vermutlich mit dem Harlekin-Marienkäfer zu tun." Der breiten Öffentlichkeit könnten die Folgen der Ausbreitung vor allem dann auffallen, wenn etwa die Produktion von Waldhonig ausfalle. Ein Großteil des Honigs, den Bienen im Wald zusammentragen, stamme von Ausscheidungen von Baumläusen (Lachniden). Auch diese Bestände könnte der Harlekin-Marienkäfer in den kommenden Jahren deutlich dezimieren, sagt der Experte.

Ursprünglich sind die kleinen Käfer in Süd-Ost-Asien heimisch. In den USA wurden sie ab 1916 als Mittel zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Ab 1980 begann die Verbreitung im Freiland. Dort verursachte der Käfer schnell große Schäden bei einheimischen Insektenarten. "Zudem wurden die Marienkäfer deutlich aggressiver im Verhalten", sagt von Knorre. Um das Jahr 2000 wurden die Käfer zum ersten Mal im Freiland in Belgien entdeckt. Untersuchungen ergaben, dass es sich dabei um Exemplare aus der amerikanischen Entwicklungslinie handelte, die über unbekannte Wege nach Europa eingeschleppt wurden. Seitdem vermehrt sich der Harlekin-Marienkäfer explosionsartig in ganz Europa.

Bekämpfung scheint aussichtsslos

2006 wurde der erste der kleinen Räuber in Thüringen entdeckt, sagt von Knorre. Bereits ein Jahr später gab es 40 Fundstellen im Freistaat. "Ähnlich wie die Feldmaus-Plage ist auch der Harlekin-Marienkäfer ein von Menschen begünstigtes Problem für unser Ökosystem", sagt der Experte. Vor allem für den Weinbau könnte der Eindringling drastischen Folgen haben. Ganze Chargen Wein könnten durch die kleinen Käfer ungenießbar werden. Denn im Gegensatz zu den heimischen Arten ernähren diese sich auch gern vom Saft von durch andere Tiere angestochene Weintrauben.

Bei der Ernte könnten große Mengen Wein ungenießbar werden, wenn der Harlekin-Marienkäfer in größerer Anzahl mit den Trauben in die Presse gelangt. Denn bei Gefahr sondern die Marienkäfer ein bitteres Sekret ab, das sogar Giftstoffe enthalten kann. Experten sprechen vom "Reflexbluten", wenn die Tiere ihr übel riechendes Blut (Hämolymphe) zur Verteidigung spucken. "Das ist eine akute Gefahr für Winzer, die der wir weitgehend hilflos gegenüberstehen", sagt von Knorre. Bislang seien Ernteausfälle in Deutschland jedoch noch nicht bekannt.

"Wir sehen der Entwicklung noch gelassen entgegen, sind aber wachsam", sagt Andreas Clauß vom größten Thüringer Weingut in Bad Sulza. Bisher seien die Tiere erst vereinzelt in den Weinbergen entdeckt worden. Was die Lage im Freistaat angehe, gebe es derzeit keine effektiven Mittel zur Bekämpfung des Eindringlings - zumindest keine, die nicht ebenso andere Insektenarten schädigen würde, sagt Knorre. "Uns bleibt nur die Hoffnung, dass die Natur Gegenspieler fördert". Wie lange das dauere, sei aber nicht vorhersagbar. "Bis dahin kann er gewaltige Schäden angerichtet haben."

dapd