Klima-Aktivistin Mitzi Jonelle Tan im Yahoo-Interview: „Für uns ist der Klimawandel Gegenwart“

·Reporter

Die Philippinen spüren die Folgen des Klimawandels jeden Tag. Wie engagieren sich dort die Aktivist*innen? Und was kann man von ihnen lernen?

Klimaaktivistin Mitzi Jonelle Tan engagiert sich für
Klimaaktivistin Mitzi Jonelle Tan aus den Philippinen engagiert sich für "Fridays for Future" (Bild: privat)

Im Interview spricht Mitzi Jonelle Tan über die direkten Auswirkungen des Klimawandels in den Philippinen und darüber, was ihr dennoch Hoffnung gibt. Die 24-Jährige ist die Mitgründerin und Sprecherin der dortigen Fridays for Future.

In Europa ist gerade Krieg, die öffentlichen Debatten drehen sich um ihn – und immer weniger um Klimathemen. Wie sehen Sie das, mit dem Blick aus Asien?

Mitzi Jonelle Tan: Wer diese beiden Krisen getrennt voneinander betrachtet, verkennt ihre Zusammenhänge. Denn bei beiden spielen fossile Energien eine große Rolle. Sie sind kein Grund für den Krieg, sind aber einflussreich auf sein Geschehen. Jetzt sehen wir ja: Mehr und mehr europäische Länder schaffen es, sich von der fossilen Energieindustrie Russlands wegzubewegen – wie es die Klimabewegung seit Jahren gefordert hat. Nur bereitet uns nun Sorgen, dass einige Regierungen mehr in Ölfirmen investieren könnten, dass sie sagen: „Wir brauchen Gas- und Ölersatz für die Mengen, die wir eigentlich aus Russland beziehen.“

Kriege sind also generell mit der Klimakrise verbunden?

Ja, Menschen fliehen aus ihren Häusern, sei es wegen Krieg oder wegen des Klimas. Und wer unter leidet, ist oft auch stark vom Klimawandel betroffen. Ferner können die zunehmenden Spannungen durch den Klimawandel neue Kriege lostreten. Krieg und Krise stammen beide von einem System, dem Profite wichtiger als Menschen sind.

Die deutsche Bundesregierung zum Beispiel will jetzt mehr auf Flüssiggas setzen.

Naturgas trägt in seinem Namen schon das Greenwashing. Nichts Natürliches ist an ihm. Gas erhöht den Druck aufs Klima. Das spüren wir in den Philippinen konkret und zuerst, aber das kommt doch auch in Deutschland an: Die schlimmen Fluten, die Deutschland im vergangenen Sommer erlebte, haben wir jedes Jahr – wegen Gas, Öl und Kohle.

Ist der Krieg vielleicht eine Entschuldigung, jetzt mit dem so genannten Klimakram doch ein wenig langsamer zu werden?

Politiker werden immer versuchen, alles zu drosseln, welches ihre Gewinne bedroht. Da ist ihnen jeder Vorwand recht. Der Krieg steht auch nicht gegen das Klima, sondern es sind die Politiker, die beides nicht lösen wollen.

Sie setzen Sich dafür ein, dass die Stimme des Globalen Südens beim Klimakampf mehr gehört wird. Wird das immer schwieriger?

Man spürt schon in diesem Jahr, dass die Medienanfragen zu Klimathemen seit dem Ukrainekrieg stark abnehmen. Ich finde es übrigens schade, dass andere Kriege wie im Mittleren Osten kaum eine Beachtung finden – obwohl auch sie mit Fossilenergien wie Öl verbunden sind. Auf alle Kriege muss so viel Aufmerksamkeit wie möglich fallen! Klima- und Friedensbewegung stehen sich auch nicht gegenüber. Klimagerechtigkeit kämpft für eine Welt, die friedlich ist.

Klima-Demonstration in Manila im November 2021.
Mittlerweile formiert sich der Protest gegen die Klima-Politik, wie hier bei einer Demonstration in Manila im vergangenen November. (Bild: Ezra Acayan/Getty Images)

Was kann denn getan werden, um die westliche Perspektive zu mindern und die globale zu stärken?

Es hilft, aus der eigenen Blase herauszutreten und den Kontakt mit Aktivisten zu suchen – in den verschiedenen Weltregionen. Selbst in Europa ist die Klimabewegung stark westlich geprägt, deren Stimmen übertönen die osteuropäischen. Auch von People of Color hört man dort wenig.

Wie hört sich dieser Sound an?

Wie einer, der sich um die Zukunft sorgt, was gut ist. Aber eben auch wie einer, dessen Gegenwart noch längst nicht bedroht ist wie die von Leuten, die täglich extrem unterm Klimawandel leiden. Aber uns bleibt nicht die Zeit, von der Politiker denken, dass sie sie noch haben. Veränderungen werden wir nur erreichen, wenn Politiker verstehen, dass das Leiden längst begonnen hat, nur eben nicht in ihrem Wahlkreis. Sie müssen sensibilisiert werden. Und zwar für Leute, die sie früher kolonisiert hatten.

Gibt es einen Tag, an dem Sie nicht an den Klimawandel denken?

Ich glaube nicht. Den habe ich immer im Hinterkopf. Ich spüre bei vielen Leuten Ängste und Traumata, die mit dem Klima verbunden sind.

Wann war für Sie der Wendepunkt, an dem Sie sahen: So geht es einfach nicht weiter…

Es gab zwei große Momente. Als ich 17 wurde, beschloss ich Aktivistin zu werden. Vorher hatte ich viel mit Arbeitern, Bauern und Fischern gesprochen. An ein Gespräch mit einem Mann aus der indigenen Lumad-Bevölkerung der Philippinen erinnere ich mich genau: Er erzählte mir, wie ihre Gemeinschaft bedroht wurde, weil sie versucht, den Planeten zu schützen – wie Leute aus ihren Häusern vertrieben oder getötet wurden. Er sagte dann, sie hätten keine andere Wahl als sich dem entgegenzustellen. Er erwähnte das nebenbei, wie einen Alltag. Das schockte mich. Denn die von ihm vorgebrachten Fakten waren simpel, sie machten mir klar: Ich habe keine andere Wahl, ich muss mich ihrem Kampf anschließen. Und so begann ich mehr über Umweltschutz zu lernen.

Und der andere Moment?

Das war der Tiefpunkt meines Klimaengagements, fünf Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen, also 2020. Damals kam eine australische Studie mit dem Ergebnis heraus, dass eine Reduzierung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius nicht mehr möglich sei. Ich war verzweifelt, wusste nicht mehr, was ich tun sollte.

Und dann?

Eine Freundin sagte mir: Sei traurig und trauere, aber wenn wir nicht für 1,5 Grad Celsius kämpfen, dann eben für 1,51 Grad – für alles, das den Horror ein wenig mindert. Das tröstete mich und gab Mut. Und später haben andere wissenschaftliche Arbeiten auf die Studie geantwortet und gezeigt, dass 1,5 immer noch möglich ist, auch wenn es immer schwieriger wird und wir uns deshalb mehr anstrengen müssen.

Die Philippinen sind ganz konkret vom Klimawandel betroffen.
Die Philippinen sind ganz konkret vom Klimawandel betroffen. Diese Kirche im Fischerdorf Sitio Pariahan versinkt jedes Jahr ein Stück tiefer im Meer. (Bild: REUTERS/Eloisa Lopez)

Diese Frage mag naiv klingen: Aber warum entscheiden sich so viele Menschen, sich nicht so stark fürs Klima zu engagieren wie Sie?

Ich glaube, bei vielen Leuten aus dem Globalen Süden liegt es am Mangel einer klimapolitischen Erziehung, am fehlenden Bewusstsein, was die Gründe für all den Schlamassel sind. Und aus Gesprächen mit Leuten aus dem Globalen Norden nehme ich den Eindruck mit, dass die denken: Es ist noch nicht so dringend, es passiert noch nicht. Auch Journalisten von dort fragen mich zwar oft, aber für sie ist Klimawandel eine Angelegenheit der Zukunft. Für uns ist es Gegenwart.

Sie engagieren sich nun seit fünf Jahren. Macht die Welt beim Kampf gegen den Klimawandel denn Fortschritte?

Ja, das denke ich schon. Klimawandel wird häufiger und häufiger Gesprächsthema beim Abendessen. Er sickert ins Bewusstsein ein. Auch haben Klimademos tausende von Menschen auf die Straßen gebracht.

Trifft das auch auf Politiker zu, hören sie mehr zu?

Sie beginnen damit. Das sieht man daran, dass sie nun Greenwashing starten, dass sie zu lügen beginnen – das bedeutet, dass sie genügend erschrocken sind, um uns glauben lassen zu wollen, sie täten Gutes. Wir müssen sie mehr pushen, damit sie letztendlich tun, was sie vorgeben zu tun. Ein Beispiel: Wir hatten vor kurzem Präsidentschaftswahlen in den Philippinen. Und zum ersten Mal überhaupt wurde in einem Wahlkampf übers Klima geredet!

Was halten Sie vom neuen Präsidenten? Ist dieser Sohn einer Diktatorenfamilie auch für eine positive Überraschung gut, was den Klimaschutz angeht?

Er wird uns von Klimagerechtigkeit weiter wegbringen. Er und seine Familie haben eine lange Geschichte von Menschenrechtsverletzungen, insbesondere gegen Umweltschützer und gegen die am stärksten Marginalisierten in der Gesellschaft. Außerdem haben er und sein Umfeld mit Korruptionsverdachten zu tun. Es besteht also die Gefahr, dass Staaten aus dem Norden den Philippinen nun weniger Geld zum Kampf gegen den Klimawandel oder für mehr Anpassung an ihn geben, weil sie befürchten, ihre Hilfen würden gar nicht ankommen – wie eine Art Entschuldigung, keine Reparationen zu zahlen; was wir in den Philippinen an Klimafolgen erleiden, hat der Norden ja produziert.

Was also tun?

Die Reparationen sollten fließen, aber direkt an die Zivilgesellschaft. Also an jene, die sich hundertprozentig dem Klimakampf widmen. Mit diesem Präsidenten wird alles schwieriger. Wer sich für Klimaschutz einsetzt, wird bedroht.

Sie auch?

Noch nicht. Aber auch unter der vorherigen Regierung hat unsere Gruppe erfahren müssen, dass die Polizei nach uns suchte. Es gibt Bedrohungen über Socialmedia. Und bei der letzten Demo hat man Wasserwerfer gegen uns eingesetzt.

Wer sind Ihre Verbündeten?

Viele aus der indigenen Bevölkerung halten zu uns. Wir arbeiten eng mit Kleinbauern und Kleinfischern zusammen. In den Philippinen gibt es starke Bewegungen, wie zum Beispiel Kirchengruppen, oder Gesundheitsarbeiter und Künstler, Wissenschaftler und Anwälte. Zwischen all denen gibt es Bande der Solidarität, man passt aufeinander auf. Wir haben ein starkes Netzwerk hier. Sowas habe ich in anderen Ländern bisher nicht gesehen. Das ist ziemlich cool.

Was können Aktivisten aus dem Norden von Ihnen lernen?

Wir hören erstmal den am meisten Marginalisierten zu. Die am stärksten vom Klimawandel täglich betroffen sind. Wir gehen hin und hören zu. Auch reden wir nicht sofort von uns aus über den Klimawandel – wir müssen selbst von ihnen lernen. Wenn wir uns dann über die Probleme verständigen, kommen wir alle darauf: dass das System fehlerhaft ist, dass Kapitalismus und Kolonialismus beim Namen zu nennen sind, wenn es um die Frage geht, wer den Planeten gerade ruiniert.

Sie gehen behutsam vor?

Wir können nicht schlicht im Zentrum stehen und Klimaschutz verlangen. Wir müssen losziehen und spezifisch herausarbeiten, was das konkret heißt. Dann ziehen die Leute auch mit.

Im Video: Globaler Klimastreik: Fridays for Future organisiert weltweiten Klimaprotest

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