Klinik-Ärztin bei "Anne Will": "Ich befürchte, dass wir in wenigen Wochen vor einem Kollaps stehen"

Jens Szameit

Zur Zerstreuung von Pandemiesorgen war "Anne Will" am Sonntagabend nicht geeignet. Eine Notfallmedizinerin schlug im ARD-Talk Alarm. Immerhin gibt es "gute Hoffnung", dass sich die in Quarantäne befindliche Kanzlerin nicht mit dem Coronavirus angesteckt hat.

Stell dir vor, es ist Pandemie, und in den Krisenstäben toben ein politischer Machtkampf sowie Kompetenzgerangel. Nicht genug, dass sich das Coronavirus in Deutschland mit mathematischer Unerbittlichkeit verbreitet. Vor dem Hintergrund der anstehenden Vorsitzendenwahl ist bei den Unionsparteien auch noch ein Streit um die Deutungshoheit ausgebrochen. Agiert CDU-Vorsitzbewerber und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zu zögerlich? Prescht CSU-Chef Marks Söder in unsolidarischer Art in Bayern vor?

Das deutsche Fernsehen widmete den beiden Landeschefs am Sonntagabend eine Art Fernduell. Laschet sprach im ZDF in einem Corona-Extra von "Maybrit Illner". Söder ließ sich im Ersten bei "Anne Will" zu Beginn immerhin auf den Studio-Screen zuschalten - jedoch ließ er sich auf kein verbales Fern-Scharmützel ein. Gab es nun den kolportierten Streit mit Armin Laschet in der Telefonkonferenz der Ministerpräsidenten, wollte Anne Will wissen. "Gar nicht" zerstritten sei man, dafür sei die Lage zu ernst. Es gehe schließlich um Leben und Tod, so Söder.

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Außerdem habe man in Bayern nicht wie vielfach behauptet eine "Ausgangssperre" verfügt, sondern eine "Ausgangsbeschränkung", auch im Freistaat dürften die Menschen an die frische Luft. Wills Nachhaken, ob sich nun Laschet mit seiner "Kontaktsperre" durchgesetzt habe im Machtkampf, geißelte der CSU-Chef als daneben. "Finden Sie den Maßstab, den Sie da anlegen, wirklich der Sache angemessen, wenn es um Leben und Tod geht? Zu fragen: Wer setzt sich an welcher Stelle mehr oder weniger durch?"

"Realistisch ist, dass es einen Impfstoff in einem Jahr gibt"

Spannender waren dann auch in der Tat andere Fragen. Etwa: Werden die beschlossenen Maßnahmen überhaupt wirksam sein? Kommen sie nicht zu spät? Und: Wie wird das deutsche Gesundheitswesen die anstehenden Herausforderungen meistern? Chefärztin Bernadett Erdmann vom Klinikum Wolfsburg hatte dazu im ARD-Talk wenig Aufbauendes beizutragen. "Ich befürchte, dass wir in wenigen Wochen vor einem Kollaps stehen, weil wir die Versorgung nicht mehr sicherstellen können", sprach die Notfallmedizinerin mit leiser Stimme. Steigen die Zahlen weiter exponentiell an, wie es von Epidemiologen vorausgesagt werde, "werden wir das nicht mehr schultern können".

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Das sei ja, bitter, dass sie das jetzt schon sage, war Anne Will sichtlich beunruhigt. Man sehe eben bereits jetzt, dass die personellen Ressourcen nicht reichten, entgegnete die Klinikärztin. Auch habe man "jetzt schon das Problem, dass wir kaum Schutzkleidung mehr haben für unsere Mitarbeiter in den Krankenhäusern, die in diesen Bereichen arbeiten müssen". Beim Klinikum Wolfsburg reiche der Bestand derzeit für eine Woche. Bestellungen träfen nicht ein. Teils weil die Sendungen am Zoll zurückgehalten würden, teils weil die im Ausland befindlichen Firmen mit der Produktion nicht nachkämen. Dazu sei die Preisentwicklung bei notwendiger Schutzausrüstung "unglaublich". Bernadett Erdmann: "Da ist die Politik gefordert, dem Ganzen Einhalt zu gebieten."

"Gute Hoffnung", dass sich die Bundeskanzlerin nicht infiziert hat

Groß ist vor dem Hintergrund nahender Schreckensszenarien die Sehnsucht nach einem Impfstoff. Werde es wirklich 18 Monate dauern, bis ein solches Präparat verfügbar und zugelassen ist, wollte Anne Will von der Infektionsbiologin Melanie Müller wissen. "Realistisch ist, dass es einen Impfstoff in einem Jahr gibt", korrigierte die Forscherin leicht nach unten. Die Maßnahmen, die man jetzt zur Eindämmung des Virus beschlossen habe, so lange aufrechtzuerhalten, sei jedoch unmöglich. "Deshalb müssen wir jetzt schon darüber nachdenken, wie wir das deeskalieren können." Will hakte ein: Müsse man demnach doch nachdenken über die vor allem in Großbritannien diskutierte "Herdenimmunität", also eine gewollte und möglichst kontrollierte Verbreitung des Virus in Nicht-Risikogruppen? Solche Studien beruhten lediglich auf Modellrechnungen, gab die Virologin zu bedenken: "Die Experten sind sich nicht einig und können keine klaren Empfehlungen geben."

Im Sorgenvertreiben waren Deutschlands Talkshows vor kurzer Zeit noch deutlich wirksamer. Kein "Anne Will"-Abend, der ruhig schlafen ließ, zumal Kanzleramtschef Helge Braun bestätigen musste, dass sich Angela Merkel in Corona-Quarantäne befinde. Die Kanzlerin habe sich wie für ihre Altersgruppe empfohlen, gegen Pneumokokken impfen lassen. Nun habe sich der Arzt, der Impfung vorgenommen habe, als Corona-infiziert erwiesen. Es habe aber nur einen kurzen Kontakt zum Arzt gegeben, so Helge Braun. Es gebe "gute Hoffnung", dass sich Merkel nicht infiziert habe.

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