Kliniken in der vierten Welle: Dramatisches Déjà-vu

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Wie im vergangenen Winter steuert Deutschland auf eine Notlage zu. Diesmal mit noch weniger Intensivbetten, weil das Personal fehlt. Die Angst vor der Triage ist groß.

Vielerorts sind die Intensivstationen wieder so voll wie im Winter vor einem Jahr. Die Angst vor der Triage ist zurück. © Jens Schlueter/​Getty Images
Vielerorts sind die Intensivstationen wieder so voll wie im Winter vor einem Jahr. Die Angst vor der Triage ist zurück. © Jens Schlueter/​Getty Images

"Der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung droht Realität zu werden": Mit diesen drastischen Worten richteten sich 530 Ärztinnen und Ärzte der Stadt Rosenheim am Montag an die Öffentlichkeit. In mehreren Anzeigen in Lokalzeitungen warnten sie davor, dass "die lebenssichernde Versorgung, auf die wir uns bisher immer verlassen konnten", nicht mehr existiere.

Solche Warnungen kommen in diesen Tagen nicht nur aus Rosenheim. Auch Gernot Marx, Präsident der Vereinigung für Intensivmedizin (Divi), sagte, dass die Corona-Lage "nicht mehr unter Kontrolle" sei und viele Kliniken in Deutschland überlastet seien. Kanzlerin Angela Merkel sprach in einer CDU-Vorstandssitzung ebenfalls von einer "hochdramatischen Situation" und einer "Lage, die alles übertreffen wird, was wir bisher hatten". Die beschlossenen Maßnahmen würden nicht ausreichen, um die Krankenhäuser zu schützen. Es ist Ende November 2021 und wie im Jahr zuvor stellt sich die Frage: Wie ernst ist die Lage auf Deutschlands Intensivstationen? Pflegekräfte, Klinikleiter und Ärztinnen erleben vielerorts ein dramatisches Déjà-vu.

3.987 Intensivpatienten mit Corona

Ein Blick auf die Statistik des Divi-Intensivbettenregisters, das die Belegungszahlen aller Kliniken in Deutschland angibt, zeigt: Die Situation ist ernst und lokal höchst unterschiedlich. Aktuell werden in Deutschland 3.987 Menschen mit einer Covid-19-Infektion auf Intensivstationen versorgt – der höchste Wert seit Ende Mai, als die Bundesnotbremse aktiv war und immer mehr geimpft wurde. Seit September steigt die Zahl wieder kontinuierlich und liegt heute sogar etwas höher als vor einem Jahr. Am 23. November 2020 waren 3.742 Menschen mit Covid auf der Intensivstation in Behandlung, heute sind es 3.987. Nur Ende des vergangenen Jahres und im Frühjahr gab es mehr Corona-Patienten. Ein Zustand, der schon bald wieder erreicht werden könnte. Denn täglich kommen neue Erkrankte hinzu, in dieser Phase der Pandemie vor allem Ungeimpfte, Schwangere und ältere Menschen ohne Auffrischungsimpfung. Die Kurve zeigt weiter in Richtung Überlastung, die im vergangenen Jahr zu einem landesweiten Lockdown führte.

Momentan sind laut dem Register bundesweit noch 13 Prozent der Intensivbetten frei – allerdings können einige von ihnen auch nicht belegt werden. "Ein frei gemeldetes Bett bedeutet nicht, dass dort auch Patientinnen und Patienten behandelt werden können", sagt Alexander Eichholtz, Personalrat an der Berliner Charité. Dafür fehle es in vielen Kliniken meistens an Pflegekräften, besonders in diesem Winter, in dem viele Angestellte ihre Arbeitszeit reduziert, einige gekündigt hätten und auch noch eine Grippewelle für Ausfälle sorgt. An der Charité habe man hingegen früh vorgesorgt, planbare Operationen verschoben und schon vor Jahren mit Tarifverträgen die Arbeitsbedingungen verbessert. Deshalb habe man die meisten Pflegekräfte halten können, sagt Eichholtz. Doch Berlin sei damit in Deutschland die Ausnahme.

Christian Karagiannidis, Leiter des Intensivbettenregisters, spricht davon, dass immer mehr "Kliniken zunehmend Betriebseinschränkungen melden". Das sei auch darauf zurückzuführen, dass es vielerorts weniger Personal als noch vor einem Jahr gebe. Statistisch belegen lasse sich das aber nicht, da es kein bundesweites Register von Pflegekräften gebe. "Das ist sicher eine Zukunftsaufgabe", sagt Karagiannidis. Doch an einer anderen Zahl ließe sich das gut erkennen: Waren im vergangenen Jahr noch 12.000 Intensivbetten mit Beatmungsgerät betriebsbereit, seien es jetzt nur noch 9.000. Der Personalmangel habe also enorme Auswirkungen auf die Versorgung. Gleichzeitig ist laut dem Leiter des Intensivbettenregisters auch ein anderer Faktor entscheidend für die Überlastung der Kliniken: die Impfquote in den einzelnen Regionen. Orte, in denen die Inzidenz hoch, die Personallücke groß und die Impfbereitschaft niedrig ist, seien in dieser Phase der Pandemie besonders hart betroffen.

Im Osten und Süden verzweifeln Klinikleiter

Das zeigt sich auch in den Zahlen: Während in Städten wie Berlin und Köln immerhin noch neun Prozent der Betten frei stehen, hat der Osten und Süden des Landes größere Probleme. Im bayerischen Straubing meldet das Divi-Register keine freien Intensivbetten mehr, ebenso im thüringischen Saale-Orla-Kreis. In Mittelsachsen ist nur noch eins von 47 Intensivbetten frei. Auch die Hospitalisierungsinzidenz, die beschreibt, wie viele Patientinnen und Patienten in sieben Tagen mit Covid-19 ins Krankenhaus aufgenommen wurden, bestätigt die regionalen Unterschiede. Der Wert ist auch vor allem im Osten und Süden des Landes hoch und zeigt, dass das Gesundheitssystem vor allem dort belastet ist.

Einer, dem beide Zahlen täglich Sorge bereiten, ist Bernd Hirtreiter. Er ist Vorstand der Rottal-Inn Kliniken im bayerischen Eggenfelden. Mitten in einem Landkreis mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1.426,1 und besonders vielen Ungeimpften. Anfang November lag dort die Zahl der Geimpften nur bei 53,2 Prozent. Die Folge zeigt sich nun auf den Intensivstationen der örtlichen Klinik. "Wir haben kein einziges freies Intensivbett mehr", sagt Hirtreiter. Alle 18 Intensivplätze seien belegt, zwölf der Patientinnen und Patienten seien beatmungspflichtig. "Davon sind fast alle ungeimpft. Menschen mit Impfdurchbrüchen haben leichtere Verläufe und landen bei uns meistens auf der Normalstation", sagt Hirtreiter.

Mit einer vollen Intensivstation muss das Klinikum jetzt andere Erkrankte abweisen. Und das, obwohl "alle planbaren Operationen abgesagt wurden" und nur "das absolute Notprogramm stattfindet". Um eine Triage zu verhindern, in der die Ärztinnen und Ärzte entscheiden müssen, wen sie vor Ort behandeln und wen sie hintanstellen, koordiniert Hirtreiter gemeinsam mit seinem Team nun Verlegungen. Vergangenen Freitag konnte er 20 Patientinnen und Patienten nach Nordbayern bringen lassen, fünf weitere folgen nach Landshut. Gleichzeitig habe das Klinikum entschieden, die Angestellten mit Kontakt zu Covid-Patienten deutlich besser zu bezahlen, 20 Prozent über dem Tariflohn. Pflegekräfte und Ärztinnen in dieser Krise zu verlieren könne sich das Krankenhaus nicht leisten, sagt Hirtreiter.

Doch wenn die Zahl der Erkrankten sich, wie er erwartet, verdoppelt und verdreifacht, kann auch Hirtreiter eine Triage nicht ausschließen. "Wir haben Angst davor", sagt er. Diese Angst habe er im vergangenen Winter bereits erlebt und gehofft, dass sie durch die Impfungen nicht wiederkehren würde.

Experten sind sich einig: Es braucht andere Maßnahmen

Was Hirtreiter beschreibt, könnte in den kommenden Wochen in deutlich mehr Regionen der Fall sein. Berechnungen gehen davon aus, dass bald mindestens 4.500 Corona-Patientinnen und -Patienten auf der Intensivstation behandelt werden müssen – selbst wenn die getroffenen Maßnahmen greifen. Wie im vergangenen Jahr könnten die Zahlen steigen, bis die Kliniken zum Jahreswechsel erneut flächendeckend überlastet sind. Ein Zustand, den es im vergangenen Winter gab, in dem immer mehr Patientinnen und Patienten verlegt werden mussten und vielerorts eine Triage drohte.

"Ich bin davon überzeugt, dass uns eine ähnlich belastende Situation in diesem, aber auch im nächsten oder übernächsten Winter trifft", sagt Alexander Eichholtz, Personalrat der Charité. Ohne mehr Impfungen sei das unvermeidlich. Eichholtz plädiert für eine allgemeine Impfpflicht. Schließlich sehe er ja jeden Tag, wie aussichtslos die Lage ist. Auch andere Expertinnen und Experten wie Lothar Wieler, RKI-Chef, ziehen eine Impfpflicht und lokale Lockdowns in Betracht. Eines zeigt dieser November jetzt schon: Ohne weitere Maßnahmen könnte das Land nicht nur ein Déjà-vu, sondern eine noch nie da gewesene Überlastung des Gesundheitssystems erleben.

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