Klinsmann-Rücktritt bei Hertha BSC: Klinsi macht die Schwalbe

Moritz Piehler
Freier Autor
Die Zukunft gehört vielleicht Berlin - allerdings nicht mehr mit Jürgen Klinsmann auf der Trainerbank. (Bild: Reuters/Hannibal Hanschke)

Es ist der Hammer der Bundesliganachrichten: Jürgen Klinsmann tritt sofort als Trainer von Hertha BSC zurück. Pikant: Er verkündete seinen Entschluss via Facebook und überrumpelte sogar die Hertha-Verantwortlichen.

Er war mit großen Visionen für den Hauptstadtklub angetreten, nun taucht er schon wieder ab. Jürgen Klinsmann, der in seiner Zeit bei Tottenham spöttisch “the Diver” genannt wurde, macht die sprichwörtliche Schwalbe, er trat völlig überraschend von seinem Amt als Hertha-Trainer zurück.

Klinsmann tritt plötzlich zurück: Hertha überrumpelt

Noch am Montagabend hatte er in einem Facebook-Live Chat mit den Fans gesprochen. Ein Ritual, dass er regelmäßig durchführte, um für mehr Nähe und Transparenz zu sorgen. Klinsmann strahlte Optimismus aus, erklärte die kurze Verschnaufpause, die er der Mannschaft gegeben hatte und betonte “wir sind insgesamt auf dem richtigen Weg und guter Dinge, dass wir noch mehr Punkte einfahren werden.” Woche für Woche werde man sich nun mehr Luft verschaffen. Das klang ganz und gar nicht nach einem Trainer, der auf gepackten Koffern sitzt.

Abschied per Facebook

Doch nur wenige Stunden später, am Dienstagmorgen, verkündete der Weltmeister von 1990 ganz plötzlich und überraschend seinen Abschied vom Trainerstuhl. Und erwischte damit wohl nicht nur die Berliner Fans, sondern auch die Vereinsführung eiskalt. Per Facebook wandte sich Klinsmann an die “lieben Herthaner”.

Er bedankte sich für die Unterstützung und betonte, wie sehr ihm Klub und Stadt ans Herz gewachsen seien. Doch er bemängelte offensichtlich die fehlende “Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche”. Ein klarer Seitenhieb an das Management und Vereinsumfeld. Ganz profan dann die Hammernachricht: “Deshalb bin ich nach langer Überlegung zum Schluss gekommen, mein Amt als Cheftrainer der Hertha zur Verfügung zu stellen und mich wieder auf meine ursprüngliche langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen.”

Was viele Herthaner womöglich zunächst für einen schlechten Scherz hielten, bestätigte sich kurz darauf, als nach einem 45-minütigen Schweigen auch von Vereinsseite ein Statement veröffentlicht wurde. Da ist noch einmal herauszulesen, wie überrumpelt die Vereinsführung von der Ankündigung Klinsmanns gewesen sein muss. Auf der Homepage war folgendes Zitat von Michael Preetz zu lesen: "Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen. Über die weiteren Entwicklungen werden wir zu gegebener Zeit informieren.”

Bis auf weiteres übernehme Co-Trainer Alexander Nouri das Training. Wie die BILD-Zeitung zu berichten wusste, hatte Klinsmann wohl bereits am gestrigen Montagabend mit Investor Lars Windhorst gesprochen. Dieser bedaure den Schritt sehr, schrieb die BILD. Auch von der Mannschaft hat sich Klinsmann bereits am Morgen verabschiedet, seinen Aufsichtsratsposten plant er anscheinend von seinem Wohnort in Kalifornien aus auszuüben.

Der plötzliche Abschied kommt auch deshalb so überraschend, weil Jürgen Klinsmann wie immer mit großen Plänen angetreten war. Er wollte Hertha nicht nur von den Abstiegsplätzen fern halten, der Verein sollte gleich im ganz großen Stil umgekrempelt werden. Er sprach vom "spannendsten Fußball-Projekt in Europa" und mithilfe des großzügigen Investors Windhorst sollte die Hertha ein "Big City Club" werden. Das stieß natürlich bei einem alteingesessenen Verein wie Hertha durchaus auf Gegenwind, vor allem in der Fanszene zeigte man sich skeptisch.

Höchste Ausgaben des WintersWarum die Hertha 78 Millionen investierte

Da half es nicht, dass Nachwuchsstar und kommendes Gesicht des Vereins, Arne Maier sich plötzlich nicht mehr so wohl an der Spree fühlte und in der Winterpause lautstark mit einem Wechsel kokettierte. Doch diese Wogen schienen geglättet, der Verein erteilte ein klares Wechselverbot und zuletzt durfte Maier auch in Klinsmanns Startelf spielen. Windhorst hielt Wort und investierte im Winter mehr als 75 Millionen Euro in neue Spieler, das Jahr begann mit einem Sieg gegen Wolfsburg, etwas von der Klinsmannschen Aufbruchstimmung machte sich in der Hauptstadt breit. Doch liest man zwischen den Zeilen seines Abschiedsposts, rumpelte es anscheinend hinter den Kulissen gewaltig weiter.

Eine Geschichte von Missverständnissen

Klinsmann lebt seit Jahren in den USA, er hat für den Verband in verschiedenen Funktionen gearbeitet und betreibt in Kalifornien eine Sportberater-Firma. Dort gehört es zum Geschäft dazu, in großen Ideen zu sprechen und eher das Gesamtkonzept zu verkaufen, als ärgerliche, steife Vereinsstrukturen zu navigieren. Vielleicht ist es so zu erklären, warum alles immer etwas groß aufgetischt, etwas bombastisch wirkt und sich in Deutschland immer wieder Menschen von “Klinsis” strategischen Visionen überrumpelt fühlen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass seine Vorstellungen mit den bestehenden Strukturen kollidieren.

Schon in seiner Zeit als DFB-Trainer im Vorfeld der WM 2006 hatte Klinsmann versucht, die verkrusteten Strukturen im Verband aufzubrechen. Trotz zahlreicher Kritiker wurde das Experiment dank des mitreißenden Spielstils und des Dritten Platzes bei der Heim-WM als Erfolg verbucht, auch wenn Klinsmann danach an seinen Nachfolger Jogi Löw übergab. Beim FC Bayern hatte es der Visionär noch schwerer. Mit seinen Ideen und Konzepten scheiterte er krachend an der etablierten Vereinsstruktur der Bayern. Der sportliche Misserfolg tat ein Übriges und so musste er nach nicht einmal der kompletten Saison 2008/09 titellos die Koffer packen.

Nun wollte er also aus der Hertha in Lichtgeschwindigkeit einen Klub von europäischen Top-Format formen. Ob ihm das nach dem Hauruck-Rücktritt als Trainer nun noch in seiner Funktion im Aufsichtsrat gelingen wird, ist mehr als fraglich. Die sportliche Momentaufnahme jedenfalls sieht auch nach elf Wochen Klinsmann anders aus. Aus im Pokal, erst ein Sieg in diesem Jahr und Platz 14 in der Tabelle. Am Wochenende wartet nicht Barcelona oder Juve, sondern mit dem SC Paderborn ein wichtiger Gegner im Kampf um den Klassenerhalt.

Bereits ohne Klinsmann auf der Bank, der noch am Montagabend im Facebook-Chat angekündigt hatte: "Am Dienstag kommen die Jungs frisch zurück aufs Gelände, und dann legen wir den vollen Fokus auf den SCP!” Mit dem Hertha-Ruf “HaHoHe” verabschiedete sich Klinsmann in seinem Kündigungsstatement. Es muss den Hertha Fans wie ein hohler Slogan vorgekommen sein.