Kolumne von Susan Arndt - „Ich sage nur: Mannheim“ – mein absurder Elternabend mit einem AfDler

Kolumnistin Susan Arndt hat einen Elternabend mit einem AfDler erlebt.<span class="copyright">Susan Arndt, Daniel Karmann/dpa</span>
Kolumnistin Susan Arndt hat einen Elternabend mit einem AfDler erlebt.Susan Arndt, Daniel Karmann/dpa

Kürzlich habe ich auf einem Elternabend Bekanntschaft mit einem AfD-Anhänger gemacht. Zunächst führte das zu unangenehmen Diskussionen über den Islam und Rassismus. Doch am Ende machte mir etwas Hoffnung.

Anfang Juni ging ich zu einem Elternabend. Auf dem Weg dahin traf ich einen Vater, den ich seit Jahren kenne und dessen Sohn in der Schule seiner Sympathie mit der AfD jeden Tag laut Ausdruck verleiht. Der Vater, ich nenne ihn hier mal Herr Mustermann, trug ein blaues T-Shirt mit dem Schriftzug „Manche führen. Manche folgen.“  Ein Rammstein-Zitat, hinter dem sich Nazitum als Kunstgenuss verkleiden lässt. Ich musste dennoch innerlich lächeln.

Denn mir fiel die erste Seite von Katja Berlins neuem Buch Was Rechtspopulisten fordern ein: „Was Rechte sich wünschen: 1. Dass die da oben ihnen nicht sagen, was sie tun wollen. 2. Einen starken Führer.“ Während ich noch vor mich hin schmunzele, grüßte mich Herr Mustermann mit den Worten „Wie schön, hier mal eine deutsche Frau zu sehen.“

„Sie haben ja jetzt diese Kolumne bei FOCUS online ..."

Ich staunte wortlos und das war ihm Einladung genug, nunmehr neben mir zu laufen. Mit der schlichten Begründung: „Ich nehme mal an, wir haben den gleichen Weg.“ Bevor ich antworten konnte, sagte er: „Sie haben ja jetzt diese Kolumne bei FOCUS online.“ Ich nickte. „Ich lese die zwar nicht, aber ärgern tut sie mich dennoch.“

Ohne, dass ich nach dem „Warum?“ fragen musste, begründete er dies: „ Susanne Schröter hat völlig recht. Leute wie Sie setzen sich für Minderheiten ein, die eine Bedrohung für unser Land sind. Und dann erfinden sie so was wie „anti-muslimischen Rassismus“ (das Wort brachte er kaum über die Lippen). Der Islam ist reinstes Mittelalter und ich will in der Gegenwart leben. Das soll Susanne Schröter und mich zu Konservativen machen?“

Dann fügte er noch eifrig hinzu: „Konservativ wie in Konservenbüchse. Verstehen Sie?“ Das sollte wohl witzig sein und dann erklärte er seinen Joke noch: „Ich will nichts weiter, als den Status Quo bewahren.“ Ohne Sprechpause oder Interesse an meiner Meinung monologisierte er dann weiter: „Und solche linken Partikularisten wie Sie wollen alles, was ist, auf den Kopf stellen. Sie denken, dass dies fortschrittlich und links sei? Oh nein. Denn ihre tiefe Liebe zum Islam macht sie zu Weggefährten ins Mittelalter.“

„Ist es das, was Sie wollen? Verängstigte Menschen?"

Während ich darüber nachdachte, was darauf hindeute, dass ich dem Islam in tiefer Liebe verbunden sei (wohl weil ich anti-muslimischen Rassismus ablehne und seine Strategie, von einem imaginären einheitlichen Islam auszugehen und diesen dann auch noch mit Islamismus gleichzusetzen), kamen wir am Schultor an. Dort hing ein Wahlplakat der AfD, auf dem stand: „Frauen und Mädchen schützen.“

Die eisige Stille zwischen Mustermann und mir ließ uns beide einen Dialog zwischen einem Mädchen und ihrer Mutter vernehmen. Die Viertklässlerin zeigte auf das Wahlplakat und sagte: „Mama, die meinen uns beide nicht. Uns wollen sie nicht schützen. Uns wollen sie vertreiben.“ Während ihre Tochter das sagte, schaute uns die Mutter verschreckt an.

Da ich neben einem Mann mit einem dämlichen Führer-Zitat-Shirt lief, fühlte ich mich nicht in der Position, etwas Sinnvolles zu sagen. Beschämt schaute ich nach unten. Wenige Schritte später sagte ich zu Herrn Mustermann: „Ist es das, was Sie wollen? Verängstigte Menschen? Kinder, die Angst vor der eigenen Schule haben?“

„Das haben die sich selbst eingebrockt. Ich sage nur: Mannheim“

Um eine verstörende Antwort war Mustermann nicht verlegen. „Das haben die sich selbst eingebrockt. Ich sage nur: Mannheim.“

„Wie bitte?“, fragte ich, „was hat ein afrodeutsches Mädchen mit dem Mord an einem Polizisten zu tun?“ Auch darauf hatte Herr Mustermann eine Antwort parat: „Die sind doch alle gleich, diese Islamisten.“

Und da war er wieder, der anti-muslimische Rassismus, den Susanne Schröter leugnet. Das sagte ich, und auch: „Nur weil der Täter in Mannheim Muslim war, sind doch nicht alle Muslim*innen Täter. Der Islam hat viele Gesichter und am Ende halten sie jede Person of Colour für muslimisch. Egal, Hauptsache ihr Feindbild passt.“

Mich nervt, dass ich so was Basales sagen muss und fahre dennoch genau damit fort: „Und würden Sie übrigens auch sagen, dass die NSU-Morde, Hanau oder Halle alle weißen Männer unter Generalverdacht stellen?“ „Natürlich nicht“, sagte Mustermann. „Das ist ja ganz was anderes. Das sind Einzelfälle. Und wir sind hier ja hier auch Zuhause. Die anderen sind Gäste.“

Wieder musste ich an Katja Berlins neues Buch denken und ihre These, dass das „rechtspopulistische Herkunftsdilemma“ zu gleichen Teilen auf die beiden folgenden Überzeugungen besteht: „1. Wenn Vorfahren nicht aus Deutschland stammen, hat man einfach keine richtige Verbindung zu diesem Land. 2. Also, mit dem, was in Deutschland vor unserer Geburt passiert ist, haben wir nun wirklich nichts zu tun!“

„Unsere Kinder dürfen nicht mal mehr Fahnen mit in die Schule bringen“

Deswegen frage ich: „Sagen Sie mal, Sie als ‚waschechter Deutscher‘: Finden Sie nicht, dass Deutschland schon genug Unrecht an Menschen begangen hat?“ Die Antwort fällt leider wie erwartet aus: „Das kann man jetzt auch mal gut sein lassen. Unsere Kinder dürfen nicht mal mehr Fahnen mit in die Schule bringen. Da sieht man ja, wohin dieses ganze Hitler-Bashing führt. Lassen wir die Geschichte besser einfach mal Geschichte sein. Dann geht es uns allen besser.“

Ich nahm das als gemeine Steilvorlage: „Also die Vergangenheit war besser?“ Das nun auch wieder nicht, räumt Mustermann ein: „Aber so wie Herr Krah das schon richtig sagt: Die waren deswegen doch noch lange nicht alle Verbrecher.“

Das sehe ich anders und fasste das so: „Wo es an Verantwortungsübernahme für Kolonialismus und Nationalsozialismus fehlt, wird den Geistern der Vergangenheit Blut statt Knoblauch hingelegt.“

Daraufhin besann sich Mustermann auf die Formel, die in solchen Situationen immer passt: „Man darf einfach nichts mehr sagen.“ Ach ja, denke ich, diese Mustermänner setzen ja „Kritik oder fehlende Zustimmung“ immer sofort mit „fehlender Meinungsfreiheit“ gleich. Und sobald jemand ihren Aussagen nicht zustimmt, sind sie sich sicher, dass sie diktatorisch unterdrückt werden.

„Islamisten und Schwarze in der Bundesliga, fehlt nur noch, dass die jetzt auch noch schwul sind"

Um höflich zu bleiben, frage ich: „Was dürfen Sie nicht mehr sagen?“ „Das mit Mannheim“, meint Mustermann. Und bevor er weiterredete, sagte ich: „Und warum genau habe ich dann genau Ihre Meinung in den letzten Tagen überall gehört – ob im Fernsehen, beim Bäcker oder in den sozialen Medien? Ich finde es schlimm, wie das Mordopfer benutzt wird, um genau jene antimuslimische Hetze auszuposaunen, die es Ihrer und Frau Schröters Meinung nach gar nicht gebe.“

Jetzt kommt Herr Mustermann auf seinen eigentlichen Punkt: „Islamisten und Schwarze in der Bundesliga, fehlt nur noch, dass die jetzt auch noch schwul sind. Nichts ist mehr so, wie es mal war. Das reicht jetzt auch mal.“

Ich nicke: „Sehen Sie, am Ende sind sie eben doch nicht konservativ am Status Quo interessiert. Sondern daran, ihn mit der Vergangenheit zu überschreiben. Denn wissen Sie, der hiesige Status Quo ist unser Grundgesetz. Und da steht: ‚Die Würde des Menschen (und zwar eines jeden Menschen) ist unantastbar.‘ Und: ‚Niemand darf diskriminiert werden.‘ Und seitdem es auch eine entsprechende Antidiskriminierungsgesetzgebung gibt, wird dies in weiten Teilen der Gesellschaft wertgeschätzt. Das ist der Status Quo. Und wenn Sie den nicht mögen, dann sind sie eben auch weder konservativ noch ‚nur rechts‘.“

 

Die meisten schauen sich nicht mal näher an, wofür die AfD tatsächlich eintritt

Mustermann spricht aus, was die AfD vor sich herträgt. Sie sei „einfach nur rechts“. Aus diesem Grund will sie auch „die CDU zerstören“ oder zumindest als linksextrem abtun. Dazu gehört auch, dass die AfD behauptet, dass die aktuelle Regierung eine Diktatur sei, deren Opfer sie sei. Gleichzeitig fühlt sie sich aber als vermeintlich mutiger Politikrebell, der einen starken Polizeistaat mit strengen Gesetzen und Verboten aufbauen will, welcher People of Colour den Krieg erklärt.

Manche wollen nicht anerkennen, dass dahinter ein völkisch-faschistisches Weltbild steht. Während einer Lesung sagte eine Zuhörerin etwa, dass es doch infam sei, die AfD als rassistisch zu bezeichnen. Diese sei doch einfach nur gegen „Migranten". Und so wie sie dies nicht schlimm findet, stören sich andere nicht am Rassismus der AfD. Und deswegen schauen sich die meisten nicht mal näher an, wofür die AfD tatsächlich eintritt.

Die AfD behauptet, dass sie Ängste ernst nimmt. Doch genaugenommen nimmt sie sie nicht ernst. Sie schürt diese. Die AfD will die Superreichen stärken, die ökonomisch Gebeutelten aber weiter schwächen: So will die AfD etwa Renten auf 1000 Euro pro Person senken und das Bürgergeld nur als kurzfristige Überbrückung zwischen zwei Arbeitsverhältnissen gewähren.

Die AfD will entlang nationalsozialistischer Leitbilder definieren, was eine Familie ausmacht und deswegen Frauen maximal zu Teilzeiterwerbsarbeit zulassen. Die AfD streitet weder für körperliche Selbstbestimmung von Frauen noch dafür, dass Frauen mehr verdienen sollen als bisher. Alles, was sie interessiert, ist, dass Frauen keinen Hijab tragen und Mütter werden sollen.

An Maßnahmen zur Gleichstellung hat die AfD keinerlei Interesse

Kinder mit Lernproblemen oder Behinderungen sollen frühzeitig aussortiert und in Sonderschulen gesteckt werden. Kreuze sollen in jedes Klassenzimmer. Jede Maßnahme zur Gleichstellung der Menschen hierzulande soll rückgebaut werden. Um zu behaupten, dass es nur zwei Geschlechter geben darf, wird die Biologie bemüht, während gleichzeitig die Naturwissenschaft verlacht wird, sobald es um Corona oder den menschengemachten Klimawandel geht.

Die AfD unterstellt prinzipiell allen Studien, die nicht in ihr Weltbild passen, dass sie lügen – und sagt ganz offen, dass sie Studien ihren Behauptungen anzupassen weiß. Die AfD sagt, sie trete gegen Verbote ein und dagegen, sich gängeln oder Sachen vorschreiben lassen, fordert aber ein Verbot geschlechtergerechter Sprache, welches die CDU dann für sie umsetzt.

Nicht Sprache, die darauf verzichtet, zu diskriminieren, aber ist das Problem, sondern dass diese so debattendominant aufgebauscht werden, dass für wirkliche Probleme wenig Raum bleibt. Keine einzige innenpolitische Sorge, sei es Altersarmut oder Gewalt gegen Frauen, ließe sich also durch die Pläne der AfD lösen.

Am Ende wird es wegen der AfD nicht nur Muslim*innen, Geflüchteten oder Schwarzen schlechter gehen als bisher, sondern auch Frauen, Menschen mit Behinderung oder ökonomisch schwachen Personen – und zwar AfD-Wähler*innen ebenso wie ihren politischen Gegner*innen. Mir ist inzwischen klar geworden, dass es gar nicht um solche Einsichten befördernde Argumente geht.

Gesellschaft zerbricht weiter, dank der AfD

Wir sind an einem Punkt, an dem die Gesellschaft daran zerbricht, dass sie nicht mehr miteinander zu reden vermag. Nicht mehr miteinander reden möchte. Das aber ist nicht das Land, in dem ich leben möchte. Deswegen habe ich nach meinem Streit mit Herrn Mustermann den Gedanken verworfen, nach Hause statt zum Elternabend zu gehen.

Ich wollte ihm nicht den Raum überlassen, aber uns auch nicht dem Streit. Deswegen fragte ich Herrn Mustermann, ob ich mich neben ihn setzen könne und er nickte. So haben wir beide die Hoffnung genährt, dass wir Räume gemeinsam statt gegeneinander gestalten können. Und nach dem Elternabend gingen wir gemeinsam auf diesem Weg weiter.