Kommentar: 5. Jahrestag des Anschlags in München – die Dinge beim Namen nennen!

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Ein Denkmal erinnert am Tatort in München an die neun Opfer des rassistischen und rechtsextremistischen Mordlaufs vor fünf Jahren (Bild: REUTERS/Michael Dalder)
Ein Denkmal erinnert am Tatort in München an die neun Opfer des rassistischen und rechtsextremistischen Mordlaufs vor fünf Jahren (Bild: REUTERS/Michael Dalder)

Heute vor fünf Jahren tötete ein rassistischer Mörder neun Menschen am Münchener Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Er reiht sich ein in eine schlimme Tradition, zu der auch gehört: dass der Staat gern wegsieht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Gestorben, weil sie wie "Kanaken" aussahen. "Selber schuld!", hatte der Schütze eines der sterbenden Opfer angebrüllt, für ihn war es ein "Virus", ein "Untermensch" – wie man sich selbst seinen Platz in einem rassistischen Weltbild sucht, um sich selbst zu erhöhen und dafür andere erniedrigt. Rassismus ist immer armselig. Vor fünf Jahren wurde er binnen wenigen Minuten tödlich: Da erschoss der junge Täter neun Menschen, weil sie ihm zu "fremd" aussahen.

Kanake. Virus. Untermensch. Diese Sprache benutzte nicht nur der rechtsextreme Täter, der sich dann selbst auch tötete. Man hört sie auch in der Kneipe.

Der Mörder hatte ein konkretes Vorbild. Heute vor fünf Jahren wollte er ihm nacheifern: Damals, 2016, waren auf den Tag genau fünf Jahre vergangen, dass ein anderer Rassist und Rechtsextremist in Norwegen 77 Menschen in seinem Hass getötet hatte.

Und dennoch sprach die Polizei lange von einem "Amoklauf" in München, wie es dann auch zunächst auf dem Denkmal stand. Unpolitisch sei die Tat gewesen, der Mann ein "Einzeltäter" und kein Rechtsextremist, eben psychisch krank.

Diese Karte wird in Deutschland immer wieder gezogen. Kommt es zu einem Mord von Faschisten, wird rasch ihr Gesundheitszustand zitiert. Warum eigentlich erst nach einer Tat und nicht davor? Natürlich war der Täter von München psychisch krank. Auch der Attentäter von Hanau, der 2020 neun Menschen erschoss, weil sie ihn in seinem rechten Weltbild störten, war es. Ebenso wie jener Mörder, der 2019 in Halle eine Synagoge überfallen wollte und auf der Straße zwei Passanten erschoss. Er wollte einen Massenmord. München, Hanau, Halle: Alle drei Täter waren Männer, sie waren Antisemiten, sie waren rechts. Und sie waren krank.

Mit Profis reden

Aber letzteres wird von Behördenseite historisch herangezogen, um eine Tat zu entpolitisieren. Ihr die inhaltliche Schärfe zu nehmen. Der tickte halt nicht richtig, also nun wieder zurück zur Tagesordnung!

Dabei sind all diese Taten zutiefst politisch, psychische Erkrankung hin oder her. Und überhaupt: Es mag arrogant klingen, aber ich war immer der Meinung, dass alle Menschen mit einer nationalistischen bis faschistischen Einstellung mit psychotherapeutischer Hilfe einiges durchsprechen sollten. Sozusagen sofort auf Rezept.

Die Täter aber wollte man gern nicht ernst nehmen. Damit wurden die Angehörigen der Opfer beleidigt, es gab im Grunde eine Täter-Opfer-Umkehr. Sie wurden als nervig hingestellt, Menschen, die die Agenda stören.

Welche eigentlich? Dass man sich gern über andere erhebt, wie es die drei Täter in Deutschland und jener in Norwegen konsequent durchzogen? Dass viele Menschen in Deutschland und anderen westlichen Ländern nur dann "dazugehören", wenn sie die Klappe halten und Erniedrigungen als "Kanaken" still ertragen? Man sah es jüngst bei der Fußball-EM: Als es zufällig schwarze Spieler der englischen Mannschaft waren, die im Finale ihre Elfmeter verschossen, ergoss sich rassistische Häme über sie. Sie hatten ihren Dienst nicht versehen. Nicht die Mülltonnen geleert, nicht die Stückzahl am Band geschafft. Ihre Zugehörigkeit ist an Vorbehalte geknüpft. Das ist nämlich die Rückversicherung des Rassisten in seinem Drang, das eigene Leben auf Kosten anderer etwas netter zu gestalten – sich eben einzureden, stolz darauf sein zu können, an einem gewissen Ort geboren zu sein. Tolle Leistung, nicht wahr?

Was denn noch alles?

Und reden wir nicht über die faschistische Terrorgruppe NSU, die jahrelang in Deutschland morden konnte, weil die Polizisten sich einredeten, die Täter müssten im "Gastarbeiter"-Milieu der Opfer zu suchen sein. Täter-Opfer-Umkehr eben.

Reden wir auch nicht, schon wieder, über München und den Anschlag auf das Oktoberfest 1980. Auch damals sei es ein Einzeltäter gewesen, beteuerte man. Und ging Spuren in die Welt des Rechtsextremismus und der Neonazigruppen nicht nach. Mittäter? Um Gottes Willen!

Andersrum ist ein Anschlag sehr schnell politisch, wenn er von einem Muslim begangen wird. Als Ende Juni ein Mann aus Somalia in Würzburg drei Frauen mit einem Messer tötete, hieß es rasch: Ausländerproblem. Islamproblem. Der Täter habe schließlich "Allahu Akbar" gerufen. Das heißt erstmal nicht viel, ist ein Hinweis, mehr aber nicht. Aus der Politik kam übrigens rasch der Hinweis, man habe es mit einem „islamistischen“ Hintergrund zu tun; woher man das nahm, ist nicht bekannt. Jedenfalls wird der Täter, Stand heute, in eine psychiatrische Klinik verlegt, er scheint schuldunfähig zu sein. Hinweise auf radikalen Islam gab es offenbar nicht. Das heißt nicht, dass ein politischer oder ein religiöser Hintergrund ausgeschlossen werden kann. Aber bisher erschließt sich solch einer nicht. Und dann muss man ihn auch nicht herbeireden. Gerade, wenn bei rechten Gewalttaten deren Hintergrund gern weggeredet wird.

Die Opfer des Anschlags vor fünf Jahren in München hießen Armela Segashi (14 Jahre alt), Sabine S. (14), Can Leyla (14), Roberto Rafael (15), Selçuk Kılıç (15), Hüseyin Dayıcık (17), Giuliano Kollmann (19), Dijamant Zabërgja (20), Sevda Dağ (45).

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