Kommentar: #allesaufdentisch raunt nur über Journalismus

·Reporter
·Lesedauer: 8 Min.
Journalismus kritisch hinterfragen – na klar! Aber bitte mit Substanz. (Symbolbild: Getty)
Journalismus kritisch hinterfragen – na klar! Aber bitte mit Substanz. (Symbolbild: Getty)

Dutzende Videos von Künstlern und Schauspielern wollen im Netz den Umgang mit Corona auf eine breitere Basis bringen. Über die Rolle des Journalismus bringt es der Jurist und Blogger Milosz Matuschek allerdings nur zu allgemeinem Blubbern.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ups, sie haben es wieder getan. Nachdem eine Initiative von Künstlern und Schauspielern in diesem Frühling ironisch „alles dichtmachen“ wollten, starten sie nun eine Neuauflage ihrer Videos – diesmal unter dem Hashtag „allesaufdentisch“. Die Stoßrichtung: „Mit zunehmender Sorge beobachten wir die Entwicklung des politischen Handelns in der Corona-Krise“, schreiben sie auf einer Website. „Viele ExpertInnen wurden bisher in der öffentlichen Corona-Debatte nicht gehört. Wir wünschen uns einen breit­gefächerten, fakten­basierten, offenen und sachlichen Diskurs und auch eine ebensolche Auseinander­setzung mit den Videos.“

Okay, notwendig ist sowas durchaus. Solch einen Diskurs finde ich auch gut. Selbst wenn die so genannten Experten, die angeblich öffentlich nicht gehört wurden, nach meiner Wahrnehmung sehr weite öffentliche Verbreitung gefunden haben – und bei näherer Betrachtung nicht unbedingt Experten in Sachen Epidemiologie sind, um es höflich zu beschreiben. Aber kritisch hinterfragen – na klar!

Ich habe mir bisher nur einen Film der aktuellen Initiative angeschaut. Er handelt von der Rolle der Medien bei „Corona“, und da ich einige Kolumnen zu diesem Thema geschrieben hatte, fühlte ich mich angesprochen. Man lernt ja nie aus.

Wer lanciert wie viel?

Matuschek wurde von der Schauspielerin Isabelle Barth befragt. Vorneweg: Kritisch hinterfragend war sie nicht unbedingt unterwegs, mehr oder weniger bastelte sie einen Übergang nach dem anderen. Dafür, dass Journalismus in dem Film kritisch beäugt wurde, ging man ziemlich unjournalistisch vor, aber sei’s drum; auch hatte ich Matuschek als angenehmen Gesprächspartner in Erinnerung, obwohl ich den Namen seiner neuen Plattform „Freischwebende Intelligenz“ ein wenig hochschwebend finde und mir Zweifel kommen, wenn Leute mit „Intelligenz“ in der Schlagzeile werben.

„Privatrechtliche Medien wollen ihre Annoncenschalter nicht verjagen“, skizziert Matuschek anfangs ein Grundproblem, „in der Praxis gibt es gewisse Konflikte“. Da Journalismus am Ende des Tages auch sein Gehalt nachhause bringen will, ist natürlich damit eine Herausforderung formuliert. Doch was ist mit „gewissen“ Konflikten gemeint? Butter bei die Fische legt Matuschek nicht. Er bleibt kommod im Nebligen. Die einzige Zahl, die er im Interview nennt: Der „Spiegel“ habe vor ein paar Jahren gebracht, dass 40 Prozent einer Tageszeitung von PR-Agenturen mitgesteuert seien. Mir persönlich kommt die Zahl recht hoch vor, da schaute ich nach: Der zitierte Bericht stammt aus dem Jahr 2006. Schon eine Weile her. Und der Spiegel-Artikel nennt als Quellenbeleg uneindeutig „Medienwissenschaftler“, die „schätzen“ würden. Ferner zitiert der Bericht John Stauber, einen Kenner der PR-Szene in den USA – was der indes über den deutschen Zeitungsmarkt zu berichten weiß, wird nicht klar. Und dann taucht noch der Name Michael Hallers auf, ehemaliger Journalismus-Professor in Leipzig. Der beschrieb vor und seit Jahren den problematischen Einfluss von PR auf Medien; aber auf die anfangs genannte Zahl „40 Prozent“ bin ich nirgends gestoßen.

Matuschek beklagt jedenfalls, dass es keine klare Trennung zwischen Tatsachenberichterstattung und Meinungen gebe. Das mag bei manchen Medien ein Problem sein, zum Beispiel beim „Spiegel“, aber in der Regel wird nach meiner Wahrnehmung diese Trennung schon aufrechterhalten. Und wenn nicht, hätte ich gern die dokumentierten Tatsachen dazu; sonst bleibt die Aussage Matuscheks eine bloße Meinung – so wie übrigens diese Kolumne. Doch er kommt nun ins Beklagen, zum Beispiel dass ein Journalist in seine Reportage seine Meinung fließen lasse, da merke man relativ schnell: „Wer ist der Böse, wer ist der Gute?“ Ehrlich, bei guten Reportagen weiß man das nicht. Und es gibt sie haufenweise. Keine Ahnung, was er liest.

Doch schon sind wir bei der steilen These: „Eigentlich haben wir eine Krise des Journalismus und eine tiefe Krise des Mediensystems“, konstatiert Matuschek. Worin die sich konkret äußert, verrät er indes nicht. Er sieht „dysfunktionale“ Medien am Werk. Endlich kommen dafür Beispiele, und endlich dreht es sich erstmals um Corona: Bei der Belegung von Intensivbetten und bei den statistischen Grundlagen von Tests hätten Medien zu spät berichtet. Wie bitte? Das ging rauf und runter im Blätterwald. Meiner Meinung nach wurde diese Bettenstory gar etwas überstrapaziert, nach dem Motto: Soll uns keiner unterstellen, wir seien nicht kritisch genug…

Aber da ist Matuschek beim Piecks: „Es geht jetzt um die Injizierung eines Impfstoffs, von dem wir nicht wissen, welche Langzeitfolgen er hat“, sagt er richtigerweise, und: „Es kann nicht sein, dass wir erst in zwei Jahren wissen, was da alles schiefgelaufen ist.“ Nun, auf jeden Fall wissen wir, was alles schiefläuft, wenn nicht geimpft wird – aber diese Befindlichkeiten streifen Matuschek und seine Stichwortgeberin Barth nur am Rande, denn die Tatortschauspielerin fragt lieber, ob er solchen „Zerfall“ seit längerem beobachte.

Spätestens an dieser Stelle habe ich laut Hallo in mein Kissen gerufen. Da sehen die beiden eine Riesenkrise eines Berufsstands – aber halten sich nicht mit Begründungen auf?

Um Corona geht es nur selten

Weiter geht es im wilden Ritt durch die angeblich problematische Medienlandschaft. „Bei der Kriegsberichterstattung sind wir im Bereich des Glaubens“, sagt er. Klar, es gab Korrespondenten, die schrieben über Dinge, denen sie nie beiwohnten. Manche flogen auf, andere bisher nicht. Aber wie viele betrifft es? Pauschalisiert er nicht allzu arg? Und was hat das mit Corona zu tun?

Da ist Matuschek schon davongaloppiert. „Viele Medien sind Gemischtwarenbetriebe“, sagt er, Publizistik sei da nur ein Teil des Geschäftsmodells; endlich nennt er mal ein Beispiel: den Springer-Verlag. Klar, der hat sich in den vergangenen Jahren wahnsinnig verändert und hat den materiellen Stellenwert von Journalismus mit all den Businessplattformen, die er aufgekauft hat, intern reduziert. Aber wie viele Springerverlage gibt es eigentlich in Deutschland? Matuscheks Zuschreibungen treffen schlicht auf den Großteil der Journalisten in Deutschland nicht zu.

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Schließlich wird es romantisch. „Ich kenne das heimelige Lagerfeuer des Mainstreams“, sagt er, spricht von Privilegien. Da horchte ich auf. Welche Privilegien hatte er? Seit über 20 Jahren bin ich im Beruf, Privilegien sind mir bisher nicht vor die Füße gefallen; vielleicht mache ich auch etwas falsch. Das Modewort „Mainstream“ unterfüttert er mit Beispielen, aber mit schlechten: Er nennt die NSA-Überwachung und den Irak-Krieg der USA, beides übrigens wieder viele Jahre her. Und auch damals gab es eine Menge Journalisten im Mainstream, die beides sehr kritisch ausleuchteten. Während des Irakkrieges war ich zum Beispiel Redakteur bei der sehr mainstreamigen „Welt“ – und da musste man mit seiner den Krieg und die Besatzung ablehnenden Meinung nun wirklich nicht hinter dem Berg halten.

Was will also Matuschek? Er will einen Newsletter-Journalismus. Das ist tatsächlich eine Perspektive und entwickelt sich auch sprunghaft. Aber als alleinige Alternative? „Man muss von Lagerfeuer wegkommen“, schwärmt nun Barth, und Matuschek gibt vor: „Es reicht, wenn man an sein Publikum denkt“, das honoriere einen. „Es funktioniert nicht, wenn man Lügen verbreitet“ – und an diesem Moment musste ich laut lachen. Stimmt doch das Gegenteil: Lügen verkaufen sich bestens an alle, die sie hören wollen und natürlich dafür bezahlen. War schon immer so. Auch Beschreibungen aus festjustierten Perspektiven heraus laufen wie geschnitten Brot, da fiel mir sofort der Blog des Kollegen Boris Reitschuster ein, der seine Techniken zum Bedienen mancher Gelüste mancher Leser, die ihm dafür auch mal auf der Straße Bares in die Hand drücken, wirklich stark ausgebaut hat. Und dann, Potzblitz, nennt Matuschek als Positivbeispiele die Blogger Gunnar Kaiser und…Reitschuster. „Der Leser merkt es ziemlich schnell, ob man nach irgendeiner Pfeife tanzt“, sagt er noch. Tja, so unterschiedlich kann man lesen. Die Pfeifen von Reitschuster sind jedenfalls in meinen Ohren keine Symphonie.

Meine Echokammer, deine Echokammer

„Dadurch sind wir eine neue Kraft im Kunst- und Kulturbereich, man kommt nicht mehr in Zukunft an uns vorbei“, sagt er voraus. Doch, wird man. Er, Kaiser und Reitschuster werden ihr Geld verdienen, weil sie ihre Echokammern bedienen, das ist ihr Recht. Und wenn sie gute Argumente vorbringen, werden auch alle anderen Medien ihnen zuhören. Wenn sie lediglich schwafeln wie in diesem Filmchen, dann eher weniger. Der deutsche Journalismus ist alles andere als supidupi. Aber die Diagnose bei „allesaufdentisch“ ist eine Mangelernährung, bei der man vor Hunger vom Tisch wegkippt. Sie reflektiert einfach nicht den Alltag der allermeisten Journalisten in diesem Land.

„Wir wünschen uns einen runden Tisch“, ist das Motto von „allesaufdentisch“. Solch einen selbstbewussten Anspruch kann man nur formulieren, wenn man denkt, dass es zu einem Fakt immer zwei Meinungen gebe, zwei wissenschaftliche Deutungen. Doch dem ist nicht so. Irgendwann setzen sich die besten Argumente, die besten Deutungen der klarsten Erkenntnisse durch. Und nach Abwiegen dessen, was bei Corona „Alles Dichtmachen“ servierte, gehörten die eher an den Katzentisch – wenn es denn einen Zeremonienmeister gäbe. Aber den gibt es auch nicht. Eine Tischordnung existiert ebenfalls nicht. Wer sprechen will, möge reden. Wenn die anderen Filme von „allesaufdentisch“ sind wie der mit Matuschek, dann wird man nicht viel darüber reden. Und das liegt an keinem „Mainstream“ oder an „Geschäftsmodellen“, sondern nur an zu wenig Substanz.

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