Kommentar: Bei Drag-Lesungen macht die AfD ganz auf Retro

Drag King Eric BigClit und Drag Queen Vicky Voyage lasen Kindern in einer Münchner Stadtbibliothek vor (Bild: Sven Hoppe/dpa)
Drag King Eric BigClit und Drag Queen Vicky Voyage lasen Kindern in einer Münchner Stadtbibliothek vor (Bild: Sven Hoppe/dpa)

Nun gab es sie gestern doch, eine Bilderbuchlesung von Drag-Queens in München. Die Landeshauptstadt ist heute keine andere. Nur sind da diese Plakate, mit denen die AfD dagegen protestierte. Die zeigen ein braunes Gesicht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es ist schon was los in Deutschland. Neben den wirklich drängenden Problemen zwischen Klima und Krieg, Schulden und Inflation, leisten wir uns eine Menge Nebenschauplätze der Aufmerksamkeit – und das liegt an rechter Empörungslust. Die geht gern ins Unwichtige, Symbolische. Hat sie so wenig zur Gegenwart beizutragen?

Solch eine Welle des in Wirklichkeit weitaus weniger Bedeutenden bildeten die Proteste gegen eine Lesung. Die fand gestern statt, veranstaltet von einer Münchener Stadtbibliothek, nachdem eine ganze Bücherei an Kommentaren im Vorfeld dazu geschrieben worden war. Es ging nämlich um eine geschlechter-sensitive Lesung für Kinder ab vier Jahren, abgehalten Drag-Queens und anderen Leuten aus der Queer-Community. Bei Erziehungsfragen ist man sich schnell uneins, viele Meinungen sind normal. So auch bei diesem Thema: Ist es sinnvoll, kleinen Kindern zu zeigen, dass die seit unzähligen Generationen heteronormative Welt eine Menge Kleister benutzte, um aufrechterhalten zu werden? Ich finde: Ja. Andere können gern Einwände bringen. Was aber nicht geht, machte die Münchener AfD vor.

Mut zum Anderssein: Drag-Lesung für Kinder sorgt für Protest

Die Partei, die gerade in Umfragen recht beliebt dasteht, machte auf ein Retro der anderen Art. Sie kleisterte die Stadt mit Plakaten, die bei der NSDAP-Propagandaabteilung zufrieden abgenickt worden wären. „Hände weg von unseren Kindern! Genderpropaganda verbieten!", steht auf ihnen. Die weiße Schrift prangt vor einem Jungen, dem sich von hinten ein geschminkter Mann mit Bart und langen Haaren nähert und eine Hand nach dem Kind ausstreckt. Natürlich grinst der Mann fies, und der Junge sieht aus, als müsse er den Eltern eine Sechs in Mathe beichten.

Kennt man

Die Sprache ist unmissverständlich: Das Bild kommuniziert einen Übergriff. Eine Gewalt. Vom diabolisch aufgeladenen Mann (oder was sonst so in der Phantasiewelt der AfD vorkommt) gegen ein Kind. Es fehlt nur noch die Schrift in Fraktur. Einen Feind als lüstern darstellen, ist bekanntes Muster. Und die Denke trägt in sich, dass queere Leute sich eher an Kindern vergreifen würden als andere – was immer eine Lüge war.

 Eine Teilnehmerin einer Demonstration protestiert gegen die Lesung vor der Stadtteilbibliothek. (Bild: Sven Hoppe/dpa)
Eine Teilnehmerin einer Demonstration protestiert gegen die Lesung vor der Stadtteilbibliothek. (Bild: Sven Hoppe/dpa)

In Nachahmung und im Stile Hubert Aiwangers könnte man jetzt rufen, nur weil die alten Nazis solchen Stürmer-Stil prägten, sei das heute nicht tabuisiert und verboten … aber weit gefehlt: In Deutschland gab es solche Plakate vor 1945, und sie wurden eben von den Nazis geprägt. Jeder denkt an sie, wenn er das Plakat sieht. Und auch die Masche trägt die gleiche Menschenfeindschaft wie damals unter Goebbels: Um sich zu erhöhen, wird auf andere draufgehauen, die als kleine Gruppe gestempelt und in einer Schublade abgelegt worden sind. Der AfD geht es mitnichten um Kinderschutz, sondern nur um die Suche nach dem nächsten Erregungsnebenschauplatz. So sad.

Warum wegnehmen?

Denn sie macht groß, was in Wirklichkeit klein ist. Eine Lesung, die zusätzliche Perspektiven zu einem Mainstream bietet, eine Öffnung, eine mögliche Befreiung von Denkmustern, die auf Menschen wie ein Gefängnis wirken können, bläst die AfD zur „Gender-Propaganda“ auf. Damit schießt sie sich ins eigene Knie, betreibt sie doch selbst die Propaganda. Denn Propaganda versucht, anderen Leuten eine Freiheit zu nehmen, etwas zu unterbinden, gewisse Wirklichkeiten bewusst wegzuschieben. Die Veranstalter der Dragqueen-Lesung wollen aber nichts verordnen. Sie rufen nicht dazu auf, Heterobeziehungen und -ehen zu verbieten. Sie haben auch keinerlei Interesse daran, eine gewisse Quote an jungen Erwachsenen am Ende des Tages zu sehen, die sich als abseits reinen Heterodaseins definieren. Ihnen geht es lediglich um die Freiheit, die da sein sollte. Es ist das Gegenteil von Vorschrift.

Ein Plakat mit der Aufschrift
Ein Plakat mit der Aufschrift "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" steht während der Lesung in der Münchner Stadtteilbibliothek (Bild: Sven Hoppe/dpa)

Die AfD aber will vorschreiben. Was kommt als nächstes? Zwangsleberwurststullen in den Schulkantinen? Verbot aller Sexstellungen außer der kardinalen? Man könnte sagen, die AfD macht sich lächerlich. Aber sie knüpft mit dieser Münchener Aktion an eine Tradition bewusst an. Ob man eine Partei allein wegen eines einzigen Plakates nicht wählen kann? Na klar.