Kommentar: Catherine Deneuve und die Wahrheit über #MeToo

Jan Rübel
Reporter
Catherine Deneuve hat #MeToo den Kampf angesagt (Bild: AFP Photo/VALERY HACHE)

Derzeit spielt sich ein Aufständchen gegen die #MeToo-Debatte ab. Es ist berechenbar und lächerlich zugleich.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Kraft ist gleich Gegenkraft. Was allerdings die französische Schauspielerin Catherine Deneuve und die 100 Unterzeichnerinnen eines offenen Briefes entfalten, entspricht nicht dem Newtonschen Gesetz und bleibt ein laues Lüftchen: Sie verteidigen „die Freiheit jemandem lästig zu werden, was für die sexuelle Freiheit unerlässlich“ sei.

Das klingt, als flanierten über die Pariser Boulevards Frauenhorden, die unheimlich lästig werden. Wobei eigentlich? Jedenfalls geht es um die sexuelle Freiheit, und die finde auch ich unheimlich gut.

Deneuve kritisiert also #MeToo, jenen Hashtag, der sich zum mächtigsten Aufschrei gegen männliche Machtstrukturen und für Frauenrechte seit langem entwickelte. Was, dachte ich mir, hat Deneuve denn nun dagegen?

„Vergewaltigung ist ein Verbrechen“, heißt es im Brief. Stimmt, sagte ich mir, bevor das berühmte „aber“ folgte: „Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt, und eine Galanterie auch keine chauvinistische Aggression.”

Ich gestehe: Zuerst verstand ich nichts. Dann beschlich mich der Gedanke, dass es womöglich Deneuve ist, die nichts versteht.

Differenzieren ist öde

Alles unterhalb Vergewaltigung ist also okay, wird da insinuiert. Haben die Unterzeichnerinnen eigentlich mal nachgeschaut, was sich unter dem Hashtag #MeToo alles versammelt? Kein hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten gerät dort an den Pranger, und Galanterie erst recht nicht, sondern als Flirten getarntes Ausspielen von Macht- und vor allem von Abhängigkeitsstrukturen. Ehrlich, von einem empörten Post im Sinne „da kam ein Typ und stammelte, ob wir mal am Wochenende Schlittschuhlaufen gehen, das war grässlich sexistisch“ habe ich nichts gelesen.

Deneuve aber fordert ein Ende der „Denunziationskampagne“ gegen Männer, warnt vor einem „Klima einer totalitären Gesellschaft“, das #Metoo erzeugt habe. Diese Kampagne diene den „Feinden sexueller Freiheit, religiösen Extremisten, den schlimmsten Reaktionären“.

Zu Deneuves Verteidigung darf eingewendet werden, dass in ihrem langen öffentlichen Leben nicht gerade viele Gedanken zu Politik und Philosophie von ihr überliefert sind. Muss auch nicht. Als intellektuelle Strahlkraft eines Backlash gegen #MeToo aber taugt Deneuve kaum. Ihre Reaktion dokumentiert eher, wie erbärmlich die Argumente der Ertappten sind.

Diese lauten: Es werde denunziert – wer genau? Oder: Ein Flirt gerate nun in gefährliche Fahrwasser – wie das? Schließlich kommt die ganz große Keule der „totalitären Gesellschaft“, und daran ist unfreiwillig etwas dran; schließlich waren die Strukturen der männlichen Gewalt gegenüber Frauen, das schlichte Gebieten, bis vor kurzem mehr oder weniger unhinterfragt. Das nennt man totalitär.

Ob Deneuve diese Szene als missglückten Flirt beschreiben würde? (Symbolbild: Getty Images)

Deneuve aber geriert sich munter irgendwie liberal, jedenfalls gegen religiöse Extremisten (einfach und billig, geht immer), „den schlimmsten Reaktionären“. Interessanterweise erhält Deneuve Beifall aus reaktionärer Ecke, aber zum engen ideologischen Verhältnis zwischen europäischen Rechten und zum Beispiel islamischem Fundamentalismus ist bereits einiges geschrieben worden.

Man kann auch sagen: Deneuve lügt. Sie behauptet im Grunde, ein Flirt sei kein Flirt mehr. Dabei wirbt #MeToo schlicht nur für das Einhalten einer Grenze, an der halt auch mancher Flirt zu enden hat und dies ihm – an und für sich – keinen Deut schadet. Diese Grenze heißt: Respekt für den Willen des Nächsten. Ist nicht schwer. Und selbstverständlich. Worüber reden wir hier überhaupt?

Nebelkerzen und anderer Silvesterkram

Deneuves armer Brief wird als Fußnote in der #MeToo-Debatte enden, ebenso wie manche Kommentare, die ihr zustimmen. Hervorgetan hat sich die „Welt“, die gar nun die „Wahrheit“ in Deneuves Worten erkannt haben mag. Wahrheit ist ein kräftiges Wort, aber Pathos deckt eben gut.

„Seit im Herbst #Metoo losging, konnte man den Eindruck haben, die Welt sei von sexueller Verwahrlosung, Ausbeutung von Frauen, Geschlechtergewalt und Geschlechterhass geprägt. Nein, nein, #Metoo sorgte sich nicht um die Teile der Welt, in denen das so ist.“ Die Autorin bemängelt also, dass die im Westen entstandene Debatte sich um Probleme im Westen dreht, sie kritisiert im Grunde die Jesusworte im Matthäusevangelium: „Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen?“

Es ist ein reines Ablenkungsargument. Die blöden Muslime, die verstockten Hindus und ignoranten Schamanen hinter den sieben Bergen werden jedes Mal hervorgezogen, wenn es ums Zerstreuen geht. Interessant, dass mancher immer noch glaubt, dass dieser Trick funktioniert.

Für die Autorin aber ist das alles „Irrsinn“: „Millionen Frauen der freiesten, aufgeklärtesten und fröhlichsten Länder der Welt schrieben auf Twitter, welche Übergriffe ihnen irgendwann passiert waren, Großes wie Kleines, alles galt gleich. Man gewann den Eindruck, im Westen könne keine Frau mehr mit einem Mann einen Fahrstuhl oder ein Besprechungszimmer betreten, ohne geschändet zu werden.“

Holla, „fröhliche Länder“, das ist eine Beschreibung, die ich mir merken muss. In Saudi-Arabien werden gewiss keine Witze erzählt, außer dem mit… aber lassen wir das. Wenn unser Land so fröhlich ist, warum hat die #MeToo-Debatte angeblich ein Klima der Angst geschaffen, wie es zuweilen heißt? Wird nun im Januar 2018 Deutschlands in absoluten Zahlen weniger geflirtet?

Ich vergaß, die Autorin schreibt ja nicht über Faktisches, sondern über einen „Eindruck“, und der lässt sich nur kreieren mit Hilfe einer Keule des ursprünglich kritisierten „Totalitären“: unter Schändung läuft nichts.

Die Fahrstühle im Springer-Hochhaus verbinden 19 Stockwerke, das ergibt manch lange Fahrt. Was sich da an Gesprächen ergibt, zwischen Frau und Mann, unterhalb von Schändung, könnte auch mal aufgeschrieben werden. Wie wär’s mit #Fahrstuhl?

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