Kommentar: Cem Özdemir kritisiert die Ramschpreise zurecht

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Zum Geburtstag etwas Besonderes: Der Löwe Simba in Rio de Janeiro vor einer Fleischtorte. Für uns Menschen dagegen ist unser Fleischkonsum so, als hätten wir jeden Tag Geburtstag (Bild: REUTERS/Ricardo Moraes)
Zum Geburtstag etwas Besonderes: Der Löwe Simba in Rio de Janeiro vor einer Fleischtorte. Für uns Menschen dagegen ist unser Fleischkonsum so, als hätten wir jeden Tag Geburtstag (Bild: REUTERS/Ricardo Moraes)

Der neue Landwirtschaftsminister geißelt billiges Fleisch – und kassiert dafür Vorwürfe. Dabei legt er nur den Finger in eine Wunde, die wir schließen sollten.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Cem Özdemir ist ein Spielverderber. Da haben wir uns gerade zu Weihnachten um den Tisch versammelt und ordentlich geschlemmt, da kommt der neue Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft um die Ecke und redet von Ramschpreisen. Das klingt, als wollte er uns die halbvollen Teller abräumen.

In einem Interview mit der Zeitung „Bild am Sonntag“ sagt der Grüne, ein Kilo Hackfleisch, das 3,98 Euro koste, könne nicht von glücklichen Tieren kommen. Keine Bauernfamilie könne davon leben. Und der Schwabe machte „Ramschpreise“ für eine ganze Reihe von Entwicklungen mitverantwortlich: „Sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima.“ Rumms. Da hatte er nun eine Debatte losgetreten.

Klar, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sich in die vorderste Reihe der Fleischfreiheitsfront drängelte. Die Bundesregierung sei "nicht dazu da, den Menschen vorzuschreiben, was oder wie viel sie essen" solle, konterte er in der "Bild"-Zeitung, natürlich, denn „Bild“ witterte sofort einen Aufstand, den es zwar nicht gab, aber sei’s drum. Söder weiter: Özdemir setze auf weniger Tierhaltung der Bauern und dafür auf mehr Cannabis-Anbau in Deutschland. Söder zweifelte, ob das die richtige "Vision" für die Landwirtschaft sei.

In der Kurzform: Özdemir sei wohl zu bekifft, um zu wissen, wie das tägliche Brot der Landwirtschaft aussieht. Dass die von der Ampel-Koalition angestrebte Legalisierung von Cannabis (mit durchaus interessanten Ernteaussichten für deutsche Bauern) erst einmal nichts mit dem riesigen Agrarwesen in Deutschland an und für sich zu tun hat, unterschlägt Söder natürlich und dokumentiert seinen Status als Vorsitzender einer Regionalpartei, die mehr auf Reflex als auf Verstand setzt.

Eine Frage der Gewöhnung

Ungewollt hat Söder sogar Richtiges gesagt: Weniger Tierhaltung ist tatsächlich die gute Perspektive. Warum? Weil derzeit mehr als 70 Prozent unserer landwirtschaftlichen Fläche in Europa für Tierhaltung und Tierfutteranbau draufgehen. Das ist ein wenig sehr zu viel.

Deutschland steht mit seinen Massenställen, die eigentlich nicht mehr Ställe genannt werden können, bei dieser Entwicklung vorn. Diese schiere Masse sorgt für günstige Preise – von denen aber nicht die Bauern profitieren, sondern wir Verbraucher; vom Leid der Tiere einmal abgesehen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Fleisch selbstverständlich und bezahlbar zur Verfügung steht. Es diktiert ein Stück weit unseren Essensplan. Auch ich haue öfter Fleisch irgendwo rein, weil mir schlicht nichts anderes einfällt – es ist auch einfach, sättigt und schmeckt. Wir vergessen aber dabei, dass dieser Fleischtrend eher jung ist. Vor 70 Jahren noch haben wir in Deutschland viel weniger Fleisch gegessen, dafür mehr Getreide und Gemüse. Erst vor 30 Jahren ging es los, dass Werbung für günstiges Supermarktfleisch die Fernseher eroberte, und zwar mit Produkten, deren Preise unter den Produktionskosten lagen. Die Folge für heute: Mancher Bauer muss überlegen, ob er ein neugeborenes männliches Milchkalb nicht lieber gleich tötet und entsorgt, weil seine Aufzucht für ein paar Wochen ihm dann nur neun Euro bringen würden. Für ein Kalb. In welcher Welt leben wir eigentlich?

Es ist an der Zeit, an der Uhr zu drehen. Nicht zurück, aber nach vorn.

Den Bauern muss es endlich besser gehen. Die Discounter verweisen in ihrer Replik auf Özdemir, dass den Marktkräften zu vertrauen sei. Aber diese setzen den Bauern nur Daumenschrauben an. Würden die gerne mehr Geld für ihre Produkte haben und mit glücklicheren Tieren leben? Ich bin mir sicher: Dagegen hätten sie nichts.

Auch sind die „Ramschpreise“, wie Özdemir zurecht sagt, keine realen Preise. Sie drücken nicht die wahren Kosten aus, die anderswo entstehen, aber von anderen getragen werden müssen. Ein argentinisches Steak zum Beispiel würde einiges mehr kosten, wenn die Verteuerungen durch gerodeten Regenwald für Weide- oder Futteranbaufläche mit eingepreist würden. Wir brauchen mehr Realitätssinn.

Der Einwand mit den Kosten

Ich kaufe aber keine argentinischen Steaks, werden manche einwenden, ich kann mir solchen Luxus nicht leisten, sondern brauche anständige Preise für Gulasch und Hack. Gegen Özdemir werden also zum Beispiel Alleinerziehende und Hartz-IV-Empfänger ins Feld geführt.

Hier gibt es eine Rechnung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wer sich an ihre Empfehlungen einer gesunden Ernährung hält, und da ist auch Fleisch dabei, nur weniger, hat am Ende des Monats nicht mehr Geld fürs Essen ausgegeben. Die Möglichkeiten liegen nur vor unserer Haustür: das regionale und saisonale Gemüse, Obst und Fleisch, auch in den Supermärkten. Das in einem richtigen Mix lässt uns gesünder leben und gut schmecken. Außerdem wäre es auch überlegenswert, für den Übergang etwa Hartz-IV-Bezieher mit erhöhten Geldleistungen unter die Arme zu greifen, sollte sich Fleisch schnell und drastisch verteuern.

Daher ist der Zeitpunkt von Özdemir für seine Attacke gegen die Ramschpreise nicht falsch gewählt, sondern immer passend. Es ist zu handeln, und warten bringt nichts und niemandem.

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