Kommentar: Christian Lindner ist ein wahrer Profi

FDP-Chef Christian Lindner findet Klimaschutz ist “eine Sache für Profis”. (Bild: AP Image/ Michael Sohn)

Der FDP-Chef nimmt sich den Klimaschutz vor. Das kann ja nicht Sache der Schüler bleiben. Wir sind gespannt. Verschrottet er seinen alten Porsche?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Profis schreiben keine Kolumnen, daher muss ich jetzt hier ran. Ein Profi bringt das Land wirklich voran, jedenfalls mit schmissigen Worten. Ein Champion in dieser Angelegenheit ist FDP-Chef Christian Lindner, der hat mit seinen 40 Jahren einiges gesehen: Mit 18 tönte er, er habe die Schule nur abgesessen. Als Zivi verdingte er sich als Hausmeister in einer FDP-nahen Parteistiftung, um eine unternehmerische Tätigkeit fortsetzen zu können, wie es bei Wikipedia heißt. Er sprach damals als Jungspund von Problemen, die er „dornige Chancen“ nannte und ähnlichen Unternehmensberaterkram aus dem Wörterbuch.

Aber er war jung und brauchte das Geld. Heute ist er nicht mehr ganz so jung, braucht Stimmen und versteht die Jugend von heute nicht, weil sie ihr Schicksal nicht komplett in die Hände von Profis legen will, wie er schon damals einer war.

Nachsitzen. Sofort.

„Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis“, sagte Lindner der „Bild am Sonntag“.  Statt zu demonstrieren und Stunden zu verpassen, sollten die Schüler lieber in den Unterricht gehen und sich “über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge informieren”.

Wenn ich den Chefliberalen richtig verstehe, will er sagen: Jugendliche sollen in der Schulzeit nicht für oder gegen etwas demonstrieren, wenn sie nicht genügend davon wissen. Sie würden mehr wissen, gingen sie stattdessen in den Unterricht. In der Zwischenzeit könnten sie „Profis“ vertrauen.

An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass sich Lindners Worte auf die Demos für mehr Klimaschutz beziehen, auf die freitäglichen Schulstreiks, die um sich greifen. Vielleicht sollte Lindner endlich auch mal die Profis konsultieren, denn seine Partei glänzt nicht gerade durch ausgewiesene Klimaexperten wie in allen anderen im Bundestag vertretenen Parteien, abgesehen von der AfD. In der FDP sitzen Umweltpolitiker, die keine sind. Das ist okay, jeder setzt seine eigenen Prioritäten. Schließlich distanzierte sich Lindner 2017 während der Verhandlungen zur Bildung einer Jamaika-Koalition von den Klimazielen für 2020, weil ihm keiner „physikalisch“ erklärt habe, wie das eigentlich gehen soll. Der Herr hat es offenbar mit dem Physikalischen. Tja, im Programm der Grünen stand damals einiges dazu, und etliche Profis aus Ministerien und den einschlägigen Forschungsinstituten hatten bis ins Detail ausbaldowert, „wie das gehen soll“.

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Wo sind sie denn nun, die Profis?

Lindner demonstrierte damals, indem er die Verhandlungen abbrach. Hätte er sich so verhalten, wie er es heute von den Schülern fordert, regierte nun eine Jamaika-Bundesregierung, die FDP hielte sich aus Umweltthemen heraus, ließe CDU, CSU und Grüne dazu machen und könnte eine Menge lernen. Aber was gehen Lindner seine Worte von vor zwei Jahren an?

Das Problem ist: Die Schüler hören auf die Profis. Und die Profis sind mit den Schülern. Denn die Politiker hören nicht auf die Profis. Das bringt Jugendliche zum Verzweifeln, denn sie haben vor auf diesem Planeten über eine längere Zeit hinweg unbeschwert Latte Macchiato zu schlürfen.

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Also, lieber Herr Lindner, Sie sind ja für „Realitätssinn“. Sie müssen auch nicht Ihre Drecksschleuder von Porsche, Baujahr 1982, verkaufen, da können wir Fünfe gerade sein lassen. Nur ein bisschen mehr Angst sollten Sie spüren, wie es die Klima-Aktivistin Greta Thunberg ausdrückte. Denn Angst verleiht Flügel, und dann werden Probleme zu dornigen Chancen.

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