Kommentar: Das 9-Euro-Ticket muss bleiben

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Schon das neue "Ich-kauf-mir-die-Welt-Ticket" ausprobiert? Das Reisen mit der Regionalbahn fühlt sich vor allem so an: richtig. Daher sollte das 9-Euro-Ticket keine Sommerfliege bleiben.

Passagiere warten auf den Einstieg in einen überfüllten Regionalzug in Rostock (Bild: REUTERS/Lisi Niesner)
Passagiere warten auf den Einstieg in einen überfüllten Regionalzug in Rostock. (Bild: REUTERS/Lisi Niesner)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Neulich fuhr ich mit dem 9-Euro-Ticket von Hamburg nach Berlin. Statt 90 Minuten mit dem ICE wurden es viereinhalb Stunden. Aber ich hatte ja die Karte, fuhr also in Gedanken für lau, und so fährt es am besten.

Und Flugzeug oder Auto kamen nicht in Frage. Im Zug konnte ich arbeiten, brauchte ja nur meinen Laptop auf den Knien.

Das 9-Euro-Ticket erweist trotz vieler Macken als ein Segen. Es zeigt uns auf, wie einfach Reisen sein kann. Und damit meine ich nicht, mal kurz in die Garage und brummbrumm los, sondern die deutsche Provinz sitzend und nachhaltig zu durchstreifen. Es geht. Daher muss das Ticket bleiben.

Zum einen kommt es zu skurrilen Situationen, wo am Bahnhof "Schwerin Süd" viele, viele Passagiere aussteigen und den Bahnsteig wechseln mussten. Es war weit über 30 Grad Celsius, und Schwerin Süd einen Bahnhof zu nennen, ist übertrieben. Es gab zwei Bahnsteige. In der Tundra. Sonst nichts. Außer einer Menge schwitzender Leute, die verzweifelt Schatten unter Büschen suchten und die Brennnesseln verfluchten. So schön kann Reisen sein. Ganz ehrlich: Es war ein Erlebnis. Einen Sitzplatz fanden die meisten dann im Zug auch, er war kühl, man erreichte mit nicht allzu großer Verspätung sein Ziel.

Wie wir uns einsperren

Warum kamen eigentlich Auto und Flugzeug nicht in Frage? Ich hatte die entsprechende Zeit. Von den Klimabelastungen brauchen wir gar nicht erst reden. Und eine Erfahrung der letzten beiden Tage zeigte mir, wie komisch Auto und Flugzeug eigentlich sind.

Ich war auf Recherche und bin mit dem Auto zwei Tage lang Landstraße gefahren, es ging wegen der abgelegenen Ziele in der Provinz nicht anders, stundenlang. Autofahren macht Spaß, keine Frage: brummbrumm, Schalten rauf und runter, man ist eigener Herr, sieht viel. Aber auch: ewiges Schalten rauf und runter, man ist Sklave der Verkehrsschilder und der anderen Autos, sieht wegen der ständigen Konzentration viel weniger als zum Beispiel aus einem Zugfenster. Und vor allem lockte hinter jeder Kurve eine Gefahr, die zwar minimal wahrscheinlich war, aber da. Man fährt ja schon mit einer gewissen Geschwindigkeit, und der eigene Körper ist nicht aus Stahl, außerdem hat man nur den einen. Mit der Bahn hab ich all das nicht. Dafür lehne ich mich zurück: schlafe, lese, höre, schaue raus, arbeite.

Und das Flugzeug wird einfach nur absurd, wenn es nicht gerade nach Honolulu gehen muss.

Subventionen als Killer

Daher weist uns das 9-Euro-Ticket den Weg. So geht Reisen. Alles andere ist mit zu viel Unvernünftigem und Stress gepflastert. Um dieses Dauerabo zu finanzieren, drängt sich Einiges auf: All die Kosten des Autoverkehrs sind noch nie auf die Autofahrer*innen zu hundert Prozent aufgeschlagen worden – es sind in Wirklichkeit nur sehr, sehr wenige Prozent. Und selbst das Hinterlassen von Kerosinwolken im Himmel wird subventioniert, während die Bahn ihren Kram immer irgendwie selbst bezahlen musste. Dieser Quatsch könnte langsam sein Ende finden. Wir wissen ja jetzt, wie es geht: Sollte in dieses marode Unternehmen endlich mit Wumms eine Unmenge an Geld fließen, könnte es gar mit Pünktlichkeit, Internet und Sitzkomfort klappen. Das Geld bringen schlicht die anderen Verkehrsteilnehmer*innen von Auto und Fliegen auf.

Mit der erhöhten Schlagzahl und Taktung erübrigen sich auch die bisherigen Probleme mit dem 9-Euro-Ticket: die überanspruchsvollen Passagiere, die mit ihren Rädern alles versperren, die immer noch ein Problem mit der Maske haben und die denken, ihr Ticket ist auch ein Entree für die erste Klasse. Das müssen bisher die Bahnbediensteten ausbaden. Aber mit dem Riesengeld, das bald fließen könnte, wird das schon.

Im Video: Verbände fordern Lösungen für dauerhaft billigen Nahverkehr

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