Kommentar: Das Mittelmeer ist wieder weit weg

Trotz weiterer Flüchtlingstragödie: Für Matteo Salvini bleiben die “Häfen geschlossen” (Bild: Reuters)

Menschen sterben auf der Flucht, das Mittelmeer wird zu ihrem Grab. Und wir kümmern uns lieber ums Dschungelcamp.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Italiens Innenminister Matteo Salvini und die deutsche Krawallmaschinerie Pegida verstehen sich prächtig. Nur sind sie nicht einer Meinung, wenn es um Lösungen für Menschen geht. Also, was denn nun: Die Antwort der Pegidisten auf übers Meer fliehende Menschen lautet: „Absaufen“ – das wurde mehrfach kundgetan. Und Salvini hat da einen anderen Tipp: Die Schiffe, welche Fliehende kurz vorm Tod durch Ertrinken aufgenommen haben, sollen einen kleinen Umweg einlegen und nach Hamburg fahren, oder nach Berlin. Vielleicht sollte jemand dem Chef der rechtspopulistischen Lega-Partei diskret einen Atlas zustecken, damit er bei der von ihm angestrebten Achse Berlin – Wien – Rom besser instruiert ist, mit Schiffen aus dem Mittelmeer die Spree hinauf, das könnte ein wenig dauern.

Salvini und Pegida unterscheiden sich also, trotz aller Herzensbekundungen, deutlich. Pegida hat eine Lösung für die Fliehenden, und zwar eine eindeutige wie definitive. Salvini labert nur.

Darüber rümpfen wir in Deutschland gern die Nase. Was der Salvini wieder nur alles ausheckt an komischen Twittereien! Ein Clown im Wolfsfell, ein Versager, der nur deshalb in der Partei gelandet ist.

All dies stimmt, führt uns aber auch keiner Lösung näher. Denn ich weiß nicht, was schlimmer ist: Die Tiraden Salvinis mit ihrer schon obszön postulierten Menschenfeindlichkeit, stets garniert mit Social-Media-Posts eines selig lächelnden und entweder Pasta oder Nutella naschenden Matteo, oder das Achselzucken, mit dem wir die Tragödien auf dem Mittelmeer zur Kenntnis nehmen.

Hintergrund: Neue Schiffsunglücke im Mittelmeer – Hunderte in Seenot

Hilfe wäre möglich

Sich moralisch über einen Knilch wie Salvini zu erheben, ist das eine. Dass wir keine aktive Lösung selbst anstreben, ist das andere. Die Bilanz des vergangenen Wochenendes: Vor der Küste Libyens sinkt ein Schiff mit 120 Insassen. Die libysche Küstenwache, die im Auftrag der EU ihren Job tun soll, hat einen Motorschaden; wahrscheinlich sind die meisten Geflohenen ertrunken. Und weil Salvini seine mickrigen Muskeln für die Wähler aufpumpt und italienische Häfen zusperren will, gegen jedes internationale Recht, nehmen Rettungsboote nun Kurs auf Spanien, welches zwar von menschenfreundlicheren Politikern regiert wird, aber weiter entfernt von der libyschen Küste liegt und daher eine gefährlichere Route bedeutet: Weitere 53 Menschen sollen am Wochenende bei einem Kentern ertrunken sein. Diese Toten gehen auf Salvinis Konto.

Aber nicht allein. Wo bleibt der Druck der deutschen Regierung? Aus Berlin hört man nur nette Worte, und auch die Bereitschaft zur Aufnahme von Geflohenen. Aber mehr als ein Murmeln ist es nicht. Und die Öffentlichkeit in Deutschland interessiert sich längst für anderes. Roger Federer versemmelt ein Tennismatch? Frontpage. Im Dschungel-Camp ist jemand ein Würstchen? Dito. Die Horrormeldungen dagegen vom Mittelmeer laufen unterm Kleingedruckten. Das macht uns nicht besser als Salvini.

Schließlich nimmt das Rettungsschiff einer deutschen NGO Kurs auf die im Mittelmeer herumirrenden Fliehenden und nimmt hundert auf. Eine NGO übrigens, die monatelang von Salvini und seinen kryptofaschistischen Kameraden beschimpft und mit nicht haltbaren Vorwürfen konfrontiert worden ist – was ist aus den vollmundigen Verkündigungen staatsanwaltlicher Ermittlungen geworden? Aber, siehe oben: Salvini labert nur.

Nun schippert also ein Schiff mit gerade vor dem Tod Geretteten durchs Meer – und Italien sagt, es solle sich an Malta wenden. Und Malta sagt, es solle sich an Libyen wenden. Als Possenspiel ließe sich dies beschreiben, ginge es nicht um Ernsthaftes.

Die Augen sind verschlossen

Salvini pokert. Er behauptet, und diese Logik ist zumindest nachvollziehbar, dass ein Schließen aller europäischer Häfen dafür sorgen würde, dass niemand mehr die Flucht übers Mittelmeer wagte. Logisch ist diese Behauptung, aber dennoch falsch.

Auch dann gäbe es die Fluchtrouten. Menschen lassen sich durch Blockaden nicht aufhalten. Sie haben Schlimmeres erblickt als Salvini in seinen padanischen Träumereien jemals sah. Sie werden es immer wieder versuchen. Europa ist schließlich kein luftleerer Raum.

Aber anstatt diese Wahrheit auszusprechen, lächeln wir lieber verschämt über den etwas missratenen Salvini wie über den Cousin, der es zu nichts brachte. Aus Berlin dringt kein “Schluss jetzt”, keine offene Kritik, keine offensiven Angebote; kein Druck mehr auf osteuropäische Länder, ihre Paranoia zu überwinden und ein paar Geflohene aufzunehmen.

Wir sind abgestumpft. Behalten unsere weiße Weste an. Und überhaupt ist ja jetzt Handball-WM.

Lesen Sie auch diese Kommentare von Yahoo-Politikexperte Jan Rübel: