Kommentar: Das ukrainische Präsidentenpaar bei Vogue – ein PR-Desaster?

·Reporter

Das Modemagazin setzt Olena Selenska aufs Cover – und bringt eine Fotoserie mit ihr und ihrem Mann Wolodymyr Selenskyj. Der Aufschrei ist groß: Und sowas in Zeiten des Krieges? Warum nicht. Allemal besser als die Pferdefotos von Wladimir Putin.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ein Mann, ein Pferd: Russlands Präsident Wladimir Putin in gewollter Pose (Bild: REUTERS/RIA Novosti/Pool/Alexei Druzhinin)
Ein Mann, ein Pferd: Russlands Präsident Wladimir Putin in gewollter Pose (Bild: REUTERS/RIA Novosti/Pool/Alexei Druzhinin)

Die Kritik ist angeschwollen, wie wir die Gasspeicher gern hätten. Mitten im Krieg zeigt sich das Präsidentenpaar der Ukraine in inniger Zweisamkeit und verliebtem Blick, im Hintergrund stehen wachsame Soldaten oder Sandsäcke zwischen den Säulen des Parlaments. Dass diese Aufnahmen im Magazin Vogue geschmacklos seien, ist noch eine der zivilsten Kritiken.

Das Netz überschlägt sich. Die schrillsten Tonarten und bravsten Melodien zusammengenommen, ist der gemeinsame Tenor: Sowas mache man nicht, wenn Krieg herrscht und im selben Moment nur ein paar Kilometer entfernt Menschen im Raketenstaub sterben. Ich vermute, dass eine leichte Mehrheit der Kritiker aus jenen besteht, die Zweifel an einer militärischen Unterstützung der Ukraine hegen. Warum ist das so?

Kritik an was?

Klar, Neid und Missgunst sind stets aktuelle Zeitgenossen. Die beiden sehen nicht schlecht aus, dafür können sie nichts. Die Fotos betreiben reine Ikonisierung, da wünschte man schon insgeheim, so wie die zu sein.

Oder doch nicht? Olena Selenska und ihr Mann Wolodymyr Selenskyj haben turbulente Monate hinter sich. Es ist ja kein Zuckerschlecken, wenn der große Nachbarstaat einem nach dem Leben trachtet. Die Starfotografin Annie Leibowitz hat beide in dramatisches Licht gesetzt, aber beim besten Willen frage ich mich, was schlecht daran sein soll. Würde man im Präsidentenpalast keinen Lippenstift auftragen, stürben dann weniger Menschen an der Front?

Auch spricht aus den Bildern eine Haltung der Würde. Selenska und Selenskyj gackern nicht in Hochglanzgarderobe wie auf der x-ten Homestory neulich in Belvedere herum; und selbst wenn: Lippenstift tötet nicht, siehe oben. Die Vogue-Fotos indes zeigen eine Sachlichkeit, Selenska in flachen Schuhen und Alltagsklamotten und breiten Beinen. Damit räumt die Ukrainerin nebenbei mit einer sexistischen Klamotte auf, nach der Frauen so nicht zu sitzen hätten, Männer aber im Gegenteil genau so zu sitzen hätten, sonst wären sie nicht männlich genug.

Ein bisschen Lippenstift für Putin?

Und damit kommen wir zu einer anderen Breitbeinigkeit, nämlich zu der ihres Möchtegern-Killers. Wladimir Putin inszeniert sich gern in solcher von ihm aufgefassten Mächtigkeit, als wolle er seine Eier spazieren führen. Ernst schaut er auch, eigentlich immer, er kann wohl nicht anders. Ob schwimmend oder zu Pferd, in einem Mini-U-Boot oder relaxt am See – was Putin für Männlichkeit hält, zeigt er oft. Mit einem Psychotherapeuten hätte er ja eine Menge zu besprechen, aber sein Sexualitätsknacks stände mit an erster Stelle.

Die Bilder des ukrainischen Paars wirken in ihrer Imperfektion perfekt. Putins Botschaft dagegen ist immer eine mit dem Vorschlaghammer. Daher spiegeln diese unterschiedlichen Bildersprachen auch realistisch den Krieg: Auf der einen Seite der Negativrambo, der überfällt. Und auf der anderen jene, die sich dagegen mit Entschlossenheit wehren.

Im Video: Olena Selenska reagiert auf Kritik nach Vogue-Fotoshooting

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