Kommentar: Der FC Bayern kickt sich ins moralische Abseits

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Der Fußballmeister lässt sich von einer Diktatur sponsern und findet nichts dabei. Ein Lehrstück, warum Geld doch nicht alles ist.

Karl-Heinz Rummenigge will kein
Karl-Heinz Rummenigge will kein "Pharisäer" sein. Was will er dann? (Bild: Robert Michael/Pool via REUTERS)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Von Karl-Heinz Rummenigge ist der Satz überliefert, Fußball könne nicht die ganze Welt retten. Das stimmt natürlich. Aber wer hat das jemals vom Fußball verlangt? Fußball ist Spaß und Leidenschaft, der Volkssport Nummer Eins. Fußball ist auch nicht wirklich politisch. Er wird es aber, wenn ein verdienter Fußballer wie Rummenigge meint, gleich nach den Sternen der Erwartungen greifen zu müssen: dass mit der Pille nicht die Welt gerettet werden könne – das kennt man. Mit dem gleichen Argument versuchen Leugner des menschengemachten Klimawandels zu erklären, warum Deutschland keine Schutzmaßnahmen ergreifen solle; allein reiche es ja nicht. Also dann lieber gleich lassen?

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Der ehemalige Stürmer redet so, weil er ein moralisches Problem irgendwie aus dem eigenen Strafraum kriegen will. Sein FC Bayern München lässt sich seit 2016 von Qatar sponsern, genauer: von Qatar Airways. Die Fluggesellschaft ist sowas wie der Staat an sich, weil in Qatar vieles des Staates ist. Das Land wird diktatorisch regiert, und eine kleine Gruppe von Männern beutet eine riesengroße Gruppe im Land aus. Das funktioniert, weil die Strippenzieher in diesem feudalen System über eine Menge Öl und Gas verfügen. Um sich vom fiesen Ungerechtigkeitsimage ein wenig reinzuwaschen, wird also gesponsert: Gerade durch Sportereignisse versucht die Diktatur zu glänzen; es ist die sichtbarste Manipulierung des Sports, die es nur geben kann. Reine Korruption aus sportlicher Sicht.

Qatar hat sich darüber hinaus dadurch ausgezeichnet, für die an Land gezogene Fußball-WM (siehe Korruption) Sportstadien derart hochzumauern, dass viele Arbeiter dabei ums Leben kamen.

Seit Jahren protestieren Fans des Bayern München gegen das Sponsoring. Und am 25. November hat der Verein seine Jahreshauptversammlung: Eine breite Front von Fans will dort den Antrag stellen, dass derartige Sponsoringgeschäfte künftig ausgeschlossen werden; aus dem bestehenden Vertrag mit Qatar kommt man halt schlecht raus. Doch was sagt Ex-Vorstandsvorsitzender Rummenigge dazu?

Darauf einen Pharisäer

„Bayern München hat mit Qatar Airways eine Partnerschaft, und ich war da auch nie ein Pharisäer, wenn ich das mal so sagen darf. Wir haben gutes Geld aus diesem Vertrag bekommen“, sagte er jüngst in einem Interview mit dem WDR. Das ist ehrlich. Viele predigen Wasser und trinken Wein. Rummenigge steht wenigstens zum Pakt, den er einst einfädelte. Die Welt besteht aber nicht nur aus Pharisäern und Opfern. Dazwischen kann man versuchen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten Gutes zu tun. Oder wenigstens nicht Schlechtes unterstützen. Rummenigge sieht aber im Geld das „Gute“, eben „gutes Geld“. Jeder setzt seine eigenen Prioritäten.

Um das irgendwie zurechtzubiegen, sagt der Bayer dann: „Man muss grundsätzlich auch sagen, dass in Qatar von allen arabischen Staaten im Moment die besten oder die größten Verbesserungen da sind in Sachen Menschen- und Arbeitsrechte. Dass die keinen vergleichbaren Standard mit Deutschland oder Europa haben, das ist bekannt.“

Es stimmt, dass es diese Entwicklung in Qatar gibt – und auch deshalb, weil öffentlicher Druck durch die Sportereignisse dies unterstützte. Aber zum einen startet diese „Verbesserung“ von einem denkbar niedrigen Niveau aus. Und zum anderen hat niemand von Bayern München verlangt, sich von Potentaten des Nahen und Mittleren Ostens sponsern zu lassen.

Es gäbe andere Wege

Es ist nicht bekannt, dass die Funktionäre des Fußballklubs sichtbar für Menschenrechte in Qatar eintreten. Das angebliche Gemurmel hinter den Kulissen können die Sportmanager in München gleich als Blabla abschreiben. Sie tun nichts. Sie halten nur die Hand auf.

Und im Gegenteil: Als im Jahr 2020 ein Fanclub für eine Veranstaltung Gastarbeiter aus Qatar, einen Menschenrechtler und den FC Bayern einlud, waren es die Vereinsoberen, die nicht erschienen; so viel zu ihrem Bemühen, über Dialog zu „Verbesserungen“ beizutragen.

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Aber: Er sei „da grundsätzlich optimistisch“, sagte Rummenigge im Interview, dass sich die Menschen- und Arbeitsrechte in diesen Ländern, insbesondere in Qatar, „auch durch den Fußball schon verbessern werden.“ Grundsätzlich kann man viel sagen, wenn der Tag lang ist und man nicht selber für die eigenen Worte irgendwie einstehen muss.

Rummenigges Blick auf die Region ist voller Irrtümer. Wenn sein Klub sein Winterlager statt in Qatar zum Beispiel im Libanon oder in Tunesien aufschlagen würde, wäre das eine ganz andere Nummer. Nicht, dass beide Staaten viel demokratischer organisiert wären. Ein Winterlager dort könnte aber nicht von einem Regime ausgenutzt werden, es wäre eine unheimlich tolle Geste für die Menschen dort, für die Fans. In Qatar aber steckt nur das bösartige Interesse der Emirfamilie hinter dem Engagement des deutschen Fußballmeisters. Der beste öffentliche Druck wäre, sich der „Kooperation“ mit ihr zu entziehen, es sie schmerzen zu lassen – dies würde die „Verbesserungen“ tatsächlich ermöglichen, dann würde sich die Emirfamilie tatsächlich eher bewegen.

Rummenigge kann verbal dribbeln, wie er mag: Dieses „gute Geld“ stellt den FC Bayern München in ein ganz mieses Licht.

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