Kommentar: Der Höhenflug der Grünen könnte bald enden

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Annalena Baerbock und Robert Habeck im Januar 2022 bei einem virtuellen Parteitag der Grünen in Berlin (Bild: REUTERS/Christian Mang)
Annalena Baerbock und Robert Habeck im Januar 2022 bei einem virtuellen Parteitag der Grünen in Berlin (Bild: REUTERS/Christian Mang)

Die Ökopartei ist gerade der Deutschen Liebling. Die anderen Parteien wollen mit ihr Händchenhalten, jede Umfrage ist ihr Freund. Doch das Land dominieren werden die Grünen nicht, das nächste Downsizing wartet schon – so sicher wie der Syltflug in der Politik. Über einen erwartbaren Abschwung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein und vor dem Urnengang in NRW an diesem Sonntag gibt es eine Konstante: Die Grünen sind derzeit angesagt. Der Zeitgeist fliegt ihnen zu. Selbst die CDU, ihr natürlicher Antipode, möchte mit ihnen kuscheln – wohlwissend, dass den Christdemokraten die Rückkehr an die Macht nur mit den Grünen gelingen wird, nicht gegen sie. Denn die Verhältnisse in Deutschland sind bunter geworden, und keine Partei stellt sich besser darauf ein als die Grünen: Sei es die Digitalisierung, der Chic einer sich neu gebenden Altmitte oder die Erkenntnis, dass es mit Klima und Betonierung so besser nicht weitergeht; um überzeugende Antworten sind die Grünen nicht verlegen.

Es könnte sogar sein, dass ihr alter Wahlspruch aus Gründungstagen, irgendwann aus dem Ende der vorigen Siebziger und dem Anfang der Achtziger, zur aktuellen Wahrheit wird: Nicht links, nicht rechts, sondern vorn.

Klang schon immer gut. Marketingmäßig. Denn „vorn“ ist stets eine Frage des subjektiven Blickwinkels, und manchen Grünenwähler fragen wir lieber nicht, was er beim Blick in den Rückspiegel und auf die Gesellschaft denkt. Der Latte Macchiato könnte ja verrutschen und das Wildleder versauen.

Es wird durchregiert

Gerade können sich die Grünen aber des Zuspruchs kaum erwehren. Kein Schaden ist dabei, dass ihre beiden Frontleute, Außenministerin Annalena Baerbock und Wirtschaftsminister Robert Habeck, einen besseren Job verrichten als manch andere Kabinettsmitglieder und sich dabei gut verkaufen. Habeck kann sogar eine absolute Kehrtwende hinlegen und vorübergehend von seiner Umweltpolitik der vergangenen Jahrzehnte ablassen, ohne dass ihm ein Zacken aus der Krone fällt: Um die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl zu reduzieren, predigt der Grüne nun den Bau von Anlandeterminals für Flüssiggas – eine Menge gefracktes wird darunter sein, also eine Ursünde gegen die Natur, die Umwelt und gegen den Menschen der Zukunft. Wird alles über den Haufen geworfen. Obwohl auch mehr auf Sonne und Wind gesetzt werden könnte, auf Gas aus Skandinavien – und diese Terminals eh erst in 15 Jahren oder mehr einsatzfähig wären. Aber egal: Habeck demonstriert Entschlossenheit.

Eine große Gefahr indes könnte für die Grünen aus anderer Ecke kommen.

Jeder Höhenflug erfährt einen Abschwung. Jedem Hype folgt der Überdruss. Und der Kater ist am größten nach der Party. Die Grünen müssen versuchen, ihre derzeitige Beliebtheit zu verstetigen, indem sie den Wählern klarmachen, für welche Werte sie stehen. Beim Beispiel Russland gelingt es ihnen. Beim Klima aber entstehen gerade große Fragezeichen.

Wappnen für den Wind

Und das Pendel wird umschlagen. Da wird es einen Sylt-Flug zu viel geben, eine arrogante Bemerkung zu viel in der Talkshow. Wähler mögen Missgunst. Auch aktuelle Grünenwähler warten darauf, ihrem Spitzenpersonal eine Besserwisserei vorwerfen zu können. Man kann ja nicht immer alle sympathisch finden, das wäre zu anstrengend.

Die Frage ist, wie die Grünen nach dem nächsten Dämpfer aufstehen werden. Sollte sich einer ihrer Rivalen, die Linkspartei, bis dahin nicht komplett zerlegt haben, könnte es bald eine echte Konkurrenz von Links geben.

Im Video: Baerbock will Russlands "Getreide-Blockade" durchbrechen

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