Kommentar: Die Bahn ist der größte Versager – wir erlauben es

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Figuren aus der Modellbaulandschaft
Figuren aus der Modellbaulandschaft "Miniature Wunderland" aus dem Jahr 2014. Heute wird bei der Bahn real gestreikt (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)

Einen Streik wegen Pillepalle kann die Bahn nicht beilegen. Und Corona existiert für sie auch nicht. Wir leisten uns ein System, für das man uns nur auslachen kann.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Bahn soll der Zukunftsbringer in Deutschland werden. Autos und Lkw wird sie überflüssig machen, heißt es. Grün, schnell, überall präsent und pünktlich – das ist die Perspektive aus der Politikerschmiede. Dafür müsste sich die Bahn aber allerhand strecken. Derzeit kriegt sie nicht einmal Basics hin.

Es ist zum Heulen. Die Eisenbahn in Deutschland könnte tatsächlich viel mehr. Doch wir lassen unhinterfragt zu, dass sie weiterwurschtelt, als wäre sie ein kleiner Krämerladen.

Da ist zum einen der Streik der Lokführer, der heute auch den Personenverkehr lahmlegt. Die Kluft zwischen den Forderungen und den Angeboten ist nicht furchtbar groß – und der Bahnvorstand versteht es doch tatsächlich, sich mit einer weißen Weste zu präsentieren und die Lokführer als Bösewichte dastehen zu lassen. Dabei wäre es für ihn ein leichtes, auf ihre Forderungen einzugehen. Diese sind nämlich überdies im internationalen Vergleich alles andere als unverschämt. Lokführer verdienen nicht wie Piloten, und das wollen sie auch nicht. Aber dass ihr Rücken immer breiter werden soll, das haben sie ebenfalls nicht verdient.

Und da ist zum anderen der Umgang der Bahnmanager mit der Corona-Pandemie. Die lassen sie an sich abperlen. Eine Reservierungspflicht oder eine Blockierung jedes zweiten Sitzplatzes, um für die nötigen Abstände zu sorgen? Man müsse an die Pendler denken, heißt es, an die Flexibilität. Das Virus jubelt. Außerhalb Deutschlands indes klappt das.

Pleiten, Pech und Pannen

Und das Maskentragen? Wurde nur widerwillig eingeführt. Viele Schaffner schauten drüber hinweg, mittlerweile hat sich die kollektive Vernunft durchgesetzt, und wir Passagiere regeln das selbst.

Oder eine 3-G-Regel, also dass die Nutzung eines Fernzuges nur erlaubt ist, wenn eine doppelte Impfung, eine Corona-Genesung oder ein negativer Test vorliegen? „Eine 3-G-Kontrolle würde diese Situation verschärfen und ist deshalb für uns nicht tragbar“, heißt es von der Eisenbahnergewerkschaft EVG im „Spiegel“. Man befürchte Angriffe von gewaltbereiten Passagieren. „Jenseits der Lebenswirklichkeit“, behauptet die Deutsche Polizeigewerkschaft.

Geht nicht, klappt nicht – das ist der typisch deutsche Bedenkenträgerton. Untermalt wird er von einer Kakophonie aus der Politik: Das Kanzleramt fände 3-G ganz gut, aber Angela Merkel steht im September nicht mehr zur Wahl. Das Gesundheitsministerium verweist aufs Verkehrsministerium, Jens Spahn will ja noch was werden. Und dort, ja, da sitzt Andreas Scheuer. Das reicht womöglich schon als Antwort. Man werde dies „abarbeiten“, sagte dessen Pressesprecher. Das klingt nach: Auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben, und der ist nach dem 26. September.

Es ist schon interessant. In Frankreich und in Italien ist möglich und wird problemlos praktiziert, was man in Deutschland angeblich nicht auf die Reihe kriegen würde. Franzosen haben als Gesellschaft gewiss mehr Krawallpotenzial als Deutsche, man denke an Streiks, an Unruhen, an die Revolution von 1789. Und dennoch befürchten ein paar Apparatschiks in Deutschland „gewaltbereite Reisende“.

Wie wär’s mit ehrlich machen?

Wir reden uns gern ein, in Deutschland herrsche eine gewisse Disziplin, eine Ordnung. Das klappt auch zuweilen, zum Beispiel beim Maskentragen. Aber in anderen Angelegenheiten sind wir pseudorevolutionär wie die so genannten Querdenker oder einfach nur lethargisch wie die Behörden. Über beides lacht Corona nur.

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