Kommentar: Die fatale Forderung nach einem "säkularen" Islam

Yasmine M'Barek
Freie Autorin
Betende in einer Moschee (Bild: Getty Images)

Im Rahmen der deutschen Islam-Konferenz wurde ein Thema ganz groß: Nämlich die Gründung der “Initiative säkularer Islam”, die ins Leben gerufen wurde durch Cem Özdemir. Er ist diesen Schritt gegangen, da er laut eigener Aussage Angst vor religionskonservativen Verbänden und Islamophobie hat.

Kurze Intervention an dieser Stelle: Islamophobie ist rein linguistisch gesehen kein Wort, es gibt keine anerkannte Islamophobie – es handelt sich schlicht um Islamfeindlichkeit.

Diese Initiative wird bestärkt durch “Islamexperten” wie unter anderem die Anwältin Seyran Ateş, den Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, die Soziologin Necla Kelek und den Psychologen Ahmad Mansour. Diese sind gerade in muslimischen Kreisen für ihre Islamfeindlichkeit bekannt. Insbesondere Ateş, die gemeinsam mit Alice Schwarzer eine Petition für ein Kopftuchverbot für Frauen unter 18 Jahren unterstützt.

Säkularisierter Islam?

Was mich stört an der Forderung nach einem säkularisiertem Islam? Nun ja, wenn wir vom Islam in Deutschland reden und den deutschen Muslimen und der deutschen Politik, sehe ich keinen Punkt, an dem der Islam säkularisiert werden könnte. Kurze Erinnerung: Bei der Säkularisierung handelt es sich um die Loslösung des Einzelnen, des Staates und gesellschaftlicher Gruppen aus den Bindungen an religiöse Institutionen, Paradebeispiel ist hier die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland seit der Aufklärung.

Ein Schuss, der nach hinten losgeht

Da kommt die Frage auf: Was meint Özdemir damit? Natürlich bezieht er sich hauptsächlich auf bestimmte Verbände, aber wegen einzelnen Gruppierungen das große Fass “Reform im Islam ist unmöglich” aufzumachen, ist fahrlässig und schürt Islamfeindlichkeit immens. Medial erreichen solche Forderungen genau die falsche Zielgruppe, nämlich die Rechten, die davon ausgehen, dass jede Kopftuch tragende Frau zurückgeblieben und islamisch-politisiert verblendet ist. Und sie treffen natürlich alle Muslime, die ohne Frage Teil der Gesellschaft sind und nun trotzdem dieses geöffnete Fass mit sich tragen müssen.

Wer definiert denn den “deutschen” Islam?

Die Initiative beschreibt ihre Forderung weiterhin so, dass ein “deutscher” Islam unabhängig von ausländischen Regierungen und Organisationen sein muss. Diese Aussage impliziert, das der Islam, als so großer, schwerer Begriff, insgesamt nicht Teil Deutschlands ist aufgrund seiner Problemstellen. Und das ist schlicht und einfach als Instrumentalisierung zu betrachten, denn in aufgehetzten Zeiten wie diesen ein kollektives Bild des zurückgebliebenen Islam zu bekräftigen, ist fatal.

Podiumsdiskussion zum Auftakt der 4. Deutschen Islam-Konferenz mit Horst Seehofer (Bild: dpa)

Denn es wird einfach vorausgesetzt, dass kein Muslim reflektiert ist und niemand Probleme erkennt. Natürlich, und ich frage mich ehrlich, in welcher “Gruppierung” es das nicht gibt, herrschen Probleme. Das ist selbstverständlich bei verschiedenen Auslebungsweisen etc. Aber der Versuch einer Lösung wird nicht in die Hände von betroffenen Muslimen gelegt, sondern in die von Menschen, die den Islam von oben herab als minderwertige und zurückgebliebene Religion ansehen und inszenieren. Ich persönlich finde es mehr als bedenklich, dass solche Impulse von Politikern stammen, deren Worte oft Gehör finden.

Muslime haben auch (!) Rechte

Passend dazu äußert sich unser Innenminister Horst Seehofer zum Auftakt der DIK: “Muslime haben selbstverständlich die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten wie jeder hier in Deutschland.” Was soll man darauf als Muslim sagen? Danke? Danke für die Erlaubnis mit zugeteilter Daseinsberechtigung, Teil der Gesellschaft sein zu dürfen?

Sein Auftritt unterstrich nur noch einmal mehr, das Muslim sein in Deutschland immer noch ein Status ist, der eine Pflicht beinhaltet, sich zu beweisen. Der Innenminister, der auch schon gesagt hatte, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, setzt jedoch einen Impuls indem er betonte, dass Muslime und Nicht-Muslime verstärkt in den Dialog gehen sollten.

Natürlich sollten sie das. Denn Nicht-Muslime und Islamkritiker können den Islam und auch die dazugehörenden Problematiken nicht alleine analysieren und verändern. Und säkularisieren kann man ihn erst recht nicht, denn der Staat und der Islam waren hierzulande noch nie miteinander verbunden.