Kommentar: Die Impfkampagne braucht breitere Füße

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Manche Impfdosen legen einen weiten Weg zurück, wie hier in Brasilien (Bild: REUTERS/Bruno Kelly)
Manche Impfdosen legen einen weiten Weg zurück, wie hier in Brasilien (Bild: REUTERS/Bruno Kelly)

Diese Woche starten Aktionen, um für die Corona-Schutzimpfung zu werben. Es nützt ja nichts: Zu beharrlicher Überzeugungsarbeit gibt es keine Alternative. Also, nicht impfen wäre jedenfalls eine schlechte.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Über 700 Initiativen sind ab dieser Woche geplant. Mobile Impfteams sollen sich positionieren, vor Sportstätten und Baumärkten, vor Zoos und Stadtfesten. Denn: Mit 62,3 Prozent vollständig gegen Corona Geimpften hinkt Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarländern hinterher. Dänemark lässt sogar sämtliche Beschränkungen fallen – die Impfgegner hierzulande könnten jubeln, müssten sie nicht auf diese Zahl schauen: Dort sind fast 90 Prozent geimpft. Tja.

Die Rechnung ist schlicht. Wer sich unter jenen, die noch nicht geimpft sind, als „unbeugsam“ ansieht und Diktatur sowie Unfreiheit heranziehen sieht, der sorgt durch sein eigenes Verhalten für das Risiko, dass im Corona-Delta-Herbst wieder Beschränkungen notwendig werden könnten; diese wären natürlich keine Diktatur, aber schön wäre es schon, wenn wir auf sie verzichten könnten. Aber die so genannten Querdenker agieren halt wie die Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Es bleibt nichts anderes übrig, als für das Impfen zu werben. Da die Politik von Beginn an eine Impfpflicht ausgeschlossen hat, sollte sie nun über die Hintertür nicht eingeführt werden. Auch von anderen indirekten Zwängen wie keine Lohnfortzahlung bei Quarantäne sollte man die Finger lassen. Es stimmt zwar: „Querdenker“ geben auf Solidarität keinen Pfifferling, das muss man so sagen. Aber um eine wirkliche und durchdringende Impfbereitschaft zu erzielen, die 90 Prozent der Bevölkerung locker nimmt, geht es nur über eigene Motivation. Es werden ja auch in den kommenden Monaten und Jahren womöglich Auffrischungen nötig werden. Jetzt mit Druck zu kommen, könnte sich langfristig rächen.

Gute Argumente wirken lassen

Dabei darf nicht vergessen werden: Wer bis jetzt nicht geimpft ist, muss nicht automatisch zu den „Unbeugsamen“ aus dem Blackforest gehören. Laut einer Erhebung des Science Media Center wollen sich von ihnen 20 Prozent durchaus impfen lassen, haben es aber aus verschiedenen Gründen noch nicht gemacht; manche hatte gar schon Termine. Andere 26 Prozent seien unsicher und bräuchten noch weitere Informationen. 56 Prozent von ihnen sind bewusste Impfgegner – sie machen insgesamt zehn Prozent der Bevölkerung aus. Leistet man auch unter ihnen freundlich-beharrliche Überzeugungsarbeit, wäre man dann bei etwas über 90 Prozent. Irgendwann. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Aus den Krankenhäusern kommt auch die Kunde, dass auf den Intensivstationen nun immer mehr Ungeimpfte liegen. Klar, auch Geimpfte können das Virus weitergeben und daran erkranken – aber beides viel weniger. Das rechtfertigt die Impfung.

Der harte Kern der Unbeugsamen darf dann weiterhin seinen Räuber&Gendarm-Spielchen auf Demos mit der Polizei nachgehen und sein Weltbild verteidigen, nach dem Motto: Wer’s braucht…

Damit muss die Gesellschaft leben. Das tut weh, weil dadurch auch Bürger, die das Virus durchaus ernst nehmen, in Gefahr für Leib und Leben geraten können. Aber man kann ja nicht zum Glücke zwingen.

Vielleicht werden bisher Ungeimpfte überredet, wenn sich Medizinstudenten zusammentun und losziehen. Wenn Nachbarn freundlich drüber reden. Die Informationen über Sinn und Zweck des Corona-Schutzimpfens sind breit vorhanden, und sie räumen den ganzen Mist an Fakenews im Netz locker weg. Der neueste Schrei: Eine Impfung könnte Frauen unfruchtbar machen. Es gibt keinen Hauch von Hinweis darauf. Und es war nur zu erwarten, dass jemand mit dieser Schauerstory um die Ecke kommt, denn Frauen mussten in der Geschichte schon öfters herhalten, wenn es um die Durchsetzung fieser politischer Ziele ging.

Schlechte Argumente verpuffen lassen

Wenn ich in dieser Kolumne übers Impfen schreibe, erreichen mich öfters Mails, die meisten sind kritisch. Der Tenor lautet: Es gebe halt zwei Seiten, es gebe gute Argumente für beide Seiten – und jeder müsse sich bezüglich des Impfangebots frei entscheiden und dann Respekt für diesen Beschluss verdienen. Das sehe ich nicht so. Zum einen ist die „andere“ Seite die viel, viel kleinere, das nur nebenbei. Das sagt zwar nichts über die ausgetauschten Argumente aus, aber immerhin. Ich habe indes kein EINZIGES gutes Argument gegen das Impfen gehört – außer, dass ein ganz geringer Teil der Bevölkerung aus Gesundheitsgründen nicht geimpft werden sollte, aber das stand nie zur Debatte. Wer sich freiwillig und bewusst gegen die Impfung entscheidet, handelt aus keinem guten Motiv heraus. Er entscheidet sich gegen Wissen und Vernunft. Und er erhält das Virus damit am Leben.

Schließlich funktioniert das Prinzip „Respekt gegen Respekt“ nicht, weil die Folgen unterschiedlich sind. Wenn ich mich impfen lasse, sind die Konsequenzen für andere Menschen, für die Gesellschaft, erstmal keine negativen. Wenn ich mich nicht impfen lasse, dann hat das Konsequenzen für meine Mitmenschen, und zwar mitunter sehr negative. Daher kann ich das Gerede von den zwei Seiten nicht mehr hören. Darauf eine Bratwurst.

Video: Impfen in Japan - Spielhalle wird zum Impfzentrum

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