Kommentar: Die SPD ist die Partei der Königsmörder

Schon die Aufstellung der SPD zum Wahlkampf war offenbar mit geheimen Absprachen verbunden (Bild: AFP)

Das Leben an der Spitze ist gefährlich – ein Blick auf eine seltsame Parallelgesellschaft namens SPD.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Dass die SPD noch eine Volkspartei ist, sieht man nicht an ihren Zahlen. Die sind mager wie eine ausgesonderte Kuh. Aber der Ruf der Sozialdemokraten wird nicht nur durch den Nimbus ihrer staatstragenden Geschichte geprägt, sondern auch durch die Kabale und Liebe, die sie leben.

Was erlebte Martin Schulz alles in diesem einen Jahr: Plötzlich wurde er auf den Schild gehoben, in einen „Schulz-Zug“ musste er steigen, bejubelt von einfachen Parteimitgliedern, höheren Funktionären und auch von Journalisten, die nicht unbedingt die SPD im Herze trugen, aber dafür eine Schwäche für Hoffnungsträger. Ein solcher war Schulz, weil er in seiner direkten und hemdsärmeligen Art anders wirkte, weil die Zeit nach einem wie ihm rief. Zeit indes gab man ihm nicht. Schulz erlebte eine Höllenfahrt vom Hosianna bis zum Kreuzgang. Natürlich hatte auch er seinen Anteil daran, seine inhaltliche Schwäche, die fehlenden Konturen, kurz: Er lieferte einfach nicht. In der CDU aber würde einer wie er, einmal auf den Thron gesetzt, noch heute dort sitzen. Die SPD indes ist die Partei der Königsmörder, in der wird Schwäche ein verdammt kurzer Prozess gemacht.

Das mag man hässlich finden und brutal. Es ist andererseits auch normal; als agierten wir in unserem Familienkreis, mit Bekannten oder auf der Arbeit gänzlich anders. Das weiße Jesusgewand liegt in der Regel ungekauft unter einem Haufen in der Grabbeltheke. Die SPD ist eine Volkspartei, weil in ihr die Emotionen menschlicher Beziehungen hochkochen wie bei keiner anderen Partei. Die CDU? Ein Ja-Sager-Club. Die FDP? Individualistentrip. Die Grünen? Zu sehr mit sich und der Natur beschäftigt. Linke? Tja, die ist auch ein wenig wie die SPD, nur trägt sie noch diese gruselige Vergangenheit mit sich. AfD? Nun, dort gibt es, im Gegensatz zur SPD, keinerlei Liebe und nur Kabale. Was die SPD lebt, ist eine Art Abdruck der Gesellschaft, eine echte Parallelgesellschaft im Parteienuniversum.

Im Zweifel gibt man sich ahnungslos

Für Schulz ist es also Zeit zu gehen. Erfolgreich an ihm war letztlich nur der pokerhaft ausgehandelte Kabinettszuschnitt in der Großen Koalition, sollte sie zustande kommen, denn die streitverliebte Partei könnte in der Mitgliederabstimmung auch einen Strich durch diese Rechnung machen. Schulz jedenfalls wurde Opfer einer Intrige und einer fatalen Selbsttäuschung.

Konnten die SPD-Granden Andrea Nahles und Olaf Scholz nicht erahnen, dass den Mitgliedern aufstoßen würde, wenn Schulz nach dem Amt des Außenministers greift, nachdem er zuvor vehement einen eigenen Regierungseintritt für sich persönlich ausgeschlossen hatte? Sie werden innerlich froh gewesen sein, dass er sie an sich vorbeiließ und nun den Drecksjob des Märtyrers zu erledigen hat. Ihre Reaktion war menschlich. So war es nicht zum ersten Mal in der Partei.

Von Brandt bis Lafontaine: Eine Chronik der Gestürzten

1974 befand sich Willy Brandt als Kanzler an der Spitze seiner Macht, er war beliebt und besaß internationale Ausstrahlung wie kein anderer. Als herauskam, dass die DDR einen Spion in seinem engsten Umfeld platziert hatte, nahm das die SPD-Riege, voran Fraktionschef Herbert Wehner, zum Anlass für den Dolchstoß. Es wurden Geschichten platziert, über Frauen und Alkohol, dass er schwach sei, das übliche Programm; Brandt trat entnervt zurück.

Mit einer fulminanten Parteitagsrede brachte sich 1995 Oskar Lafontaine ins Spiel. Parteichef Rudolf Scharping wirkte lustlos, Lafontaine holte groß aus – und plötzlich sowie angeblich total spontan meldeten sich Delegierte, Lafontaine möge gegen Scharping kandidieren. Eine Nacht und zahlreiche gezogene Strippen später kam es zur Kampfabstimmung und zu Scharpings Abgang.

Historischer SPD-Parteitag 1974: Nachdem Herbert Wehner (r.) Willy Brandt (l.) abgesägt hatte, wurden die Weichen für Helmut Schmidts (m.) Kanzlerschaft gestellt (Bild: AP Photo/Strumpf)

Heide Simonis war Deutschlands erste Regierungschefin, agierte erfolgreich in Schleswig-Holstein und stellte sich im Landtag 2005 zur Wiederwahl. Koalitionsverhandlungen, Probeabstimmungen, alles war geklärt, auch der Sekt stand schon kalt. Doch in vier Wahlgängen verweigerte ein bis heute unerkannt gebliebener SPD-Abgeordneter ihr die Zustimmung, und die knappe Mehrheit kam nicht zustande. Simonis’ Karriere war durch die Tat des „Heide-Mörders“ am Ende.

2008 erwischte es Kurt Beck. Der Pfälzer war seit zwei Jahren Parteichef, er haderte mit der Kanzlerkandidatur. Schließlich bot er diese Frank-Walter Steinmeier an und holte seinen Kontrahenten Franz Müntefering in die Zentrale als Generalsekretär. Doch bevor seine Pläne publik wurden, berichtete der „Spiegel“, man habe Beck zu diesen Schritten gedrängt. Beck stand plötzlich als Getriebener da, obwohl alles seine Initiative gewesen war. Die Intrige zeigte Erfolg, Beck trat zurück, Müntefering wurde sein Nachfolger.

Als Gerhard Schröder 1998 die Bundestagswahl gewann, stand an seiner Seite Oskar Lafontaine, der Superminister für Finanzen wurde. Die inhaltlich unterschiedlichen Auffassungen der beiden, vor allem über die internationale Finanzordnung, wurden über Intrigen ausgetragen. Zwar war Lafontaine mit dem Amt überfordert, aber seine Reformpläne wurden aus dem Kanzleramt gezielt und leise torpediert. Das Vertrauen war dahin, Lafontaine kehrte der Partei den Rücken zu.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Was also mit Schulz passiert, überrascht nicht. Und die immer schneller rasenden Zeiten, die Ungeduld der Bürger und die Kurzatmigkeit der Medien werden für immer raschere Intrigenabfolgen sorgen. Andrea Nahles kann sich auf einiges gefasst machen.

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