Kommentar: Die Vorwürfe gegen Baerbock sind eine Nagelprobe

·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.

Schon wieder Vorwürfe gegen die grüne Kanzlerkandidatin – „schon wieder“? Was ist da dran? Die Partei könnte aus diesen jüngsten Kritiken eine enorme Schubkraft entfalten.

Das Buch
Das Buch "Jetzt: Wie wir unser Land erneuern" von Annalena Baerbock schlägt Wellen (Bild: REUTERS/Annegret Hilse)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Was gerade mit Annalena Baerbock geschieht, ist eine Art Erdung. Die Höhenflüge vom ausgehenden Frühling, als die grüne Kanzlerkandidatin besungen wurde, als sei die Wahl schon in der Tasche und das nächste Amt auf dem Mond oder in der Sternenkonföderation auch, sind längst vorüber.

Zuerst nicht an den Bundestag gemeldete Einnahmen aus dem Vorsitzamt – lächerlich, weil in diesem Fall das Finanzamt relevant ist; Abgeordnete sollen ihre Einnahmen auch dem Bundestag melden, um eine versteckte Einflussnahme Dritter, etwa Firmen, aufzudecken; was bei einer Aufwandsentschädigung aus der eigenen Partei als Frage nicht aufkommt.

Aufgehübschter Lebenslauf – eine echte Peinlichkeit, weil Baerbock sich damit gewichtiger und „größer“ machen wollte, als sie ist. Dieses Eigentor war hingegen sehr relevant.

Und nun, ganz aktuell, neue Vorwürfe wegen ihres Buches, das jüngst auf dem Markt gekommen ist. Das Sachbuch ist eine Art baerbocksches Privatwahlprogramm, strotzt aber vor Allgemeinplätzen und Binsenweisheiten, wie bei vielen Politikerbüchern. Was indes kritisiert wird: Offenbar hat die Kanzlerkandidatin Passagen aus anderen Büchern und Artikeln sinngemäß übernommen, ohne die Quellen zu benennen.

Was ist dran?

Ein Aufschrei folgte, vor allem von „Welt“ und „Bild“. Doch der führt weit über die Wächterfunktion der Medien hinaus. Wir sind in jenem Stadium angelangt, in dem Baerbock irgendwann auch ihre Schuhgröße zum Vorwurf gemacht werden wird.

Denn diese Plagiatsvorwürfe sind absolute Peanuts. Noch nicht einmal eine Art Vergehen.

Denn zum einen handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, für die es genaue Vorgaben zum Zitieren und Nennen von Quellen gibt.

Und zum anderen sind die bisher vorgelegten angeblich abgeschriebenen Passagen von solch banaler Natur, dass ich mich frage, wofür sich manche Plagiatsjäger eigentlich hergeben. Denn die Inhalte sind ausschließlich allgemein gültige Informationen, keine besonders herausgearbeiteten Leistungen. Baerbock, um es mit einem Bild zu veranschaulichen, hat geschrieben, dass jeden Tag die Sonne untergeht. Wenn in einem anderen Buch diese Info auch steht, hat Baerbock diese sicherlich übernommen, vielleicht auch abgeschrieben – aber mein Nachbar aus dem zweiten Stock hätte es auch nicht treffender sagen können. An der Grünen entzündet sich gerade eine Schmutzkampagne.

Lesen Sie auch: Grünenkanzlerkandidatin Annalena Baerbock verteidigt ihr Buch gegen Plagiatsvorwurf

Daher bilden diese jüngsten Vorwürfe eine echte Nagelprobe. Entweder geht es weiter mit dem „Kreuzigt sie“, einfach weil uns einiges recht ist, um sie nicht wählen zu müssen. Das muss nicht gerecht sein, ist aber demokratische Willensbildung.

Oder aber es gibt ein Hauruck unter Grünen und Wahlvolk, dass jetzt genug ist mit dieser Mäkelei. Baerbock könnte auch äußerst erfolgreich als Opfer und Jeanne d'Arc gegen die Social-Media-Ungerechtigkeiten installiert werden. Irgendwann ist auch mal Schluss, könnten sie sagen.

Stimmungen beeinflussen die Interpretation

Noch ist unklar, welche Stimmungen den Bundestagswahlkampf entscheiden werden. Sollte Negatives zum Trend werden, die Lust am Schlechtreden, weil eh alles Krise ist – dann sieht es schlecht für die Grünen aus. Sollte es aber eine gewisse Sehnsucht nach einem Schritt nach vorn geben, nach Neuem, nach einer Stabübergabe an die jüngere Generation, dann werden die Grünen aus diesen Plagiatsvorwürfen, die nicht wirklich welche sind, eine Kraft entwickeln können.

Welche Stimmung überwiegen wird? Ich wage eine Prognose. Das Wetter schiebt sich wieder einmal in den Vordergrund. Tornado in Tschechien, Mörderhitze in Berlin, Überschwemmungen im Südwesten. Der Sommer erinnert uns verlässlich daran, dass das Wetter nicht mehr ist, was es einmal war, und dass die Natur vertrocknet, stirbt. Wie viel dies mit dem Klimawandel zu tun hat, ist schwer zu beurteilen, aber es hat damit zu tun. Am Ende dieses Sommers also will man, glaube ich, eher einen Schritt davon weg – also zu etwas hin. Das heißt nicht, dass die Grünen die Chance haben, die größte Partei zu werden. Aber sie könnten vielleicht ihre jetzigen Umfrageergebnisse halten und nicht untergehen. Was auch schon ein Erfolg wäre – und für die CDU auch. Der Rest zählt derzeit eher weniger.

Im Video: Baerbock - "Wir kämpfen für einen neuen Aufbruch"

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.