Kommentar: Dieser Bundestag bildet die Menschen nicht ab

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Gibt es auch in Lego: Im Hintergrund der Bundestag, davor das Brandenburger Tor mit Queen Elizabeth II. und Angela Merkel (Bild: REUTERS/Hannibal Hanschke)
Gibt es auch in Lego: Im Hintergrund der Bundestag, davor das Brandenburger Tor mit Queen Elizabeth II. und Angela Merkel (Bild: REUTERS/Hannibal Hanschke)

So groß wie nie, eine neue Mehrheit – aber ansonsten alles beim Alten: Der gemeine Abgeordnete ist ein männlicher Jurist. Das ist auf Dauer nicht nur langweilig, sondern entfremdet die Leute auch vom Parlament. Die Parteien sollten sich mehr öffnen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Deutschland ist ein ziemlich buntes Land. Da gibt es die verschiedensten Berufe, kulturelle Einflüsse nehmen zu – aber unser höchstes Parlament strahlt ein gewisses Grau aus. Der Maschinenraum unserer Politik ist recht homogen.

Nach Angaben des Bundestags sind 532 von 735 Abgeordneten dem Bereich „Unternehmensorganisation, Recht, Verwaltung“ zuzuordnen. Das heißt: 72 Prozent von ihnen sind Juristen, Anwälte, Steuerberater und Berater. Journalisten kommen übrigens selten vor – so viel zur Legende, Deutschland werde von Medien regiert. Sehr wenig vertreten sind auch Leute ohne Hochschulabschluss, obwohl es davon sehr viele in Deutschland gibt. Man stelle sich vor, der Bundestag würde zu 72 Prozent aus Schullehrern oder aus Sozialarbeitern bestehen; wie sähe dann die Politik aus, wie gestaltete sich der Bildungsetat oder das Sozialwesen?

So aber macht sich ein alter Mainstream breit. Nur ein bisschen jünger und ein bisschen weiblicher ist der Bundestag mit der neuen Legislaturperiode geworden: Das Durchschnittsalter liegt nun bei 49,4 Jahren, und der Frauenanteil liegt bei 34,7 Prozent, vier Prozent höher als 2017. Bei der SPD liegt der Frauenanteil bei 41,75 Prozent, bei der CDU beträgt er 23,84 Prozent, bei den Grünen sind es 58,47 Prozent, bei der FDP 23,91 Prozent, bei der AfD 13,25 Prozent, bei der Linken 53,85 Prozent und bei der CSU 22,22 Prozent.

Bunt ist mehr

Die AfD ist auch Schlusslicht bei Abgeordneten mit einer Migrationsfamiliengeschichte, bei ihr sind es nur 3,5 Prozent. Insgesamt liegt der Anteil im Bundestag bei 9,3 Prozent, obwohl jeder vierte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund hat. Den höchsten Anteil hat übrigens mit 20 Prozent eindeutig die Linke. Es folgen die SPD mit 14 Prozent und die Grünen mit knapp 13 Prozent. Bei den anderen Fraktionen sind die Zahlen deutlich geringer: Bei der FDP sind es 6,5 Prozent, bei der Union rund 4 Prozent.

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Nun ist es unmöglich, dass der Bundestag eine mathematische 1:1-Regelung anstrebt. Eine schwer zu handhabende Quotenrechnerei wäre es, nach Berufen, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft und Behinderung eine genaue Balance zu schaffen. Aber so wie jetzt geht es auch nicht weiter.

Mehr Kitt muss her

Wenn sich nämlich Menschen vertreten fühlen, wählen sie auch eher. Sie identifizieren sich mehr mit dem politischen System. Hier droht sich eine Glaubwürdigkeitslücke aufzutun, die nur Probleme bereitete.

Eine Möglichkeit wäre, wenn sich die Parteien mehr öffnen – und sie aktiv auf Suche gehen nach Leuten, die ihnen nicht nur politisch nahestehen, sondern denen sie ein Mandat zutrauen – sei es im Gemeinderat, im Kreistag, dem Landtag oder Bundestag. Bisher ist für die Kandidatur auf einer Parteienliste oft die so genannte Ochsentour eine Vorbedingung: Man muss sich durch Gremien fräsen, Fleißarbeit leisten, nach oben charmieren und buckeln. Netzwerke stricken.

Wie wäre es stattdessen, wenn auf Persönlichkeit und Auffassungsgabe geschaut würde? Mehr auf Transparenz denn auf Ehrgeiz? Und ein Gesamtensemble sollte in den Blick geraten: dass verschiedene Bevölkerungsgruppen sich halbwegs angemessen wiedererkennen können – unabhängig von der politischen Meinung. All dies würde unsere Parlamente stärken.

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