Kommentar: Dieser triste Wahlkampf bringt nichts Neues

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Kanzlerkandidat Armin Laschet will zwar alle umarmen, aber das macht den Bundestagswahlkampf etwas dröge (Bild: Marcel Kusch/Pool via REUTERS)
Kanzlerkandidat Armin Laschet will zwar alle umarmen, aber das macht den Bundestagswahlkampf etwas dröge (Bild: Marcel Kusch/Pool via REUTERS)

Keine Partei punktet gerade mit Vision oder Programm. Einen Aufbruch für Deutschland hat man sich anders vorgestellt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Da schaute er etwas traurig aus der Wäsche. Als Olaf Scholz in seiner Funktion als Bundesfinanzminister nach Washington DC. flog, hoffte er auf tolle Fotos – kandidiert er doch für seine SPD im Herbst bei den Bundestagswahlen. Eine Aufnahme mit Präsident Joe Biden wäre der Silberpott der Aufmerksamkeit gewesen, aber stattdessen reichte es nicht einmal für einen Coffee-to-go: Scholz musste auf der Straße zusehen, wie der Autotross von Vizepräsidentin Kamala Harris an ihm vorbeifuhr.

Es war das Sinnbild des Wahlkampfs in Deutschland. Nicht viel los gerade. Und wenn, dann sieht alles ziemlich mau aus.

Nach gefühlten tausend und einem Jahr Kanzlerschaft Angela Merkels liegt die Erwartung von Neuem in der Luft. Merkel als Regierungschefin wird tatsächlich in diesem Jahr Vergangenheit sein, und mit der Frage der Nachfolge verbindet sich die nach einem Aufbruch. Doch der zeichnet sich zumindest im Wahlkampf nicht ab.

Mut sieht anders aus

Die SPD versucht zu punkten, indem sie ihren Spitzenkandidat Scholz als Bundesmanager präsentiert, als Ministrant der Sachpolitik – nach dem Motto: Vertraut mir, mit mir wird’s nicht schlimm.

Doch das reicht nicht.

Die Union inszeniert ihren Spitzenkandidaten Armin Laschet, als habe er schon immer heimlich im Kanzleramt gewohnt, irgendwo in der Waschküche. Laschet gibt sich präsidial, als wäre der der Sohn Helmut Kohls – doch selbst der ging als Spitzenkandidat offensiver vor und schwadronierte von einer „geistig-moralischen Wende“. Das war zwar Quatsch, zeigte indes wenigstens ETWAS am Horizont auf. Bei Laschet sieht man nichts, nur das Aussitzen von potenziellem Stress wie durch Bad Guy Hans-Georg Maaßen, der genau das Gegenteil von Laschet versucht, was ihn nicht besser macht: Maaßen versucht jede Sau durchs Dorf zu treiben, die er wittert; Laschet dagegen würde am liebsten alle Dorfbewohner ständig auf ein Bier in die Schenke einladen. Doch das reicht nicht.

Olaf Scholz nach seinem Treffen mit US-Amtskollegin Janet Yellen vor dem Weißen Haus (Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa)
Olaf Scholz nach seinem Treffen mit US-Amtskollegin Janet Yellen vor dem Weißen Haus (Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Und die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock verzettelt sich weiterhin in unselige Debatten, in die sie durch eigene blöde Fehler hineingezogen wurde. Die Aufhübschungen ihres Lebenslaufs und ein bisschen Abschreiben öffentlich zugänglicher Fakten für einen Wahlkampfschmöker sind läppisch, bleiben aber Fehler. Es ist peinlich und banal zugleich.

Viel wichtiger aber wäre eine echte Debatte, wie das Deutschland im 21. Jahrhundert nun aussehen soll. Bisher gab es dazu viele warme Worte, aber wenig Konkretes.

Und wer noch?

Von der FDP ist auch wenig zu hören. Sie setzt hier und da intelligent Kontrapunkte, die aber meist taktischer Natur sind. Inhaltlich gesehen sind die Liberalen irgendwann in den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts in eine Sackgasse abgebogen und finden nicht mehr heraus.

Die AfD schließlich hat wenig Rezepte für Gegenwart und Zukunft im Fundus. Ihr geht es nur um Erregung, Aufregung und Wut statt Mut. Sachpolitik ist das Gegenteil ihrer Politik. Muckefuck von vorgestern aber war noch nie das Getränk der Zukunft.

All dies macht den derzeitigen Wahlkampf ziemlich trist. Ein Wettbewerb der Ideen sieht anders aus.

Doch alles Traurige hat auch etwas Gutes. Gesegnet ist dieses Land, dass es sich solch einen Wahlkampf leistet. Die Probleme drängen zwar, bringen aber die Gesellschaft nicht ins Wanken. Wir stehen recht stabil da. Und entsprechend schlafen wir im Stehen.

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