Kommentar: Ein Böllerverbot muss her

Berlin, die Simulation eines Ausnahmezustands: Die Silvesternacht unweit der Friedrichstraße (Bild: REUTERS/Michele Tantussi)
Berlin, die Simulation eines Ausnahmezustands: Die Silvesternacht unweit der Friedrichstraße (Bild: REUTERS/Michele Tantussi)

Bevormundung und Kriminalisierung für weniger Böllern? Das klingt erstmal blöd. Aber es führt kein Weg daran vorbei.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es gibt Debatten, bei denen jedes Argument schon ausgetauscht ist. Aber die immer wieder von vorn anfangen. Das liegt daran, dass die ihnen zugrunde liegenden Probleme nicht gelöst werden.

Die Diskussion um ein Böllerverbot befindet sich in solch einer Endlosschleife. Und sie nimmt schnellere Fahrt auf, weil das vergangene Silvester die Exzesse hochtrieb.

Mehr Unfälle, mehr Feinstaub, mehr Angriffe auf Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei. Mehr Dreck und Müll danach. Man gönnt sich ja sonst nichts?

Okay, es gab in der Vergangenheit viele Entbehrungen und Einschränkungen. Da ist die sich dem Ende zuneigende Corona-Pandemie, oder der wirtschaftliche Druck. Vieles drängte nach außen, an diesem Silvester. Außerdem lockt alles, was verboten war – und im Zuge der Pandemie war Böllern im vergangenen Jahr nicht erlaubt gewesen. Also wurde diesmal nachgeholt.

Schließlich gehören Feuerwerk und Böllern zum Jahresübergang dazu, das Vertreiben böser Geister, das Zeigen der eigenen Vitalität, des Überlebens und Überwindens.

Aber muss zu dieser Demonstration die Rakete waagerecht gehalten werden? Müssen hierfür Menschen, die helfen, als „Staat“ und „böse“ herabgestuft werden? Auch zu diesem Silvester wurden viele rote Linien überschritten. So geht es also nicht weiter. Wenn die Polizeigewerkschaft nun ein Böllerverbot fordert, ist dies ernst zu nehmen. Denn sie muss es ja wissen.

Ein Verbot müsste durchgesetzt werden. Kaum etwas wirkt destruktiver für eine Gesellschaft, wenn ihre politischen Vertreter großmäulig agieren und nicht auf die Konsequenzen achten. Es müssten dann Jugendliche in Straßen gejagt werden, sie eingesperrt werden. Das wäre sehr unfreiheitlich und bevormundend. Aber es nützt ja nichts.

Dem gegenüber steht die Freiheit vieler anderer Feierformen. Die Freiheit, nicht verletzt zu werden. Die Freiheit der Tiere, nicht terrorisiert zu werden. Die Freiheit unserer Lungen vom Feinstaub. Und die Freiheit vieler im Dienst der Gesellschaft Stehender von diesem in der Silvesternacht, weil weniger von ihnen bei der Arbeit gebraucht werden; vom Geld fürs Böllern ganz zu schweigen.

Problemdelegierung auf simple Art

Manche Superschlaue meinen nun, es seien ja nur die „Ausländer“, die hier die Probleme machten und die Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei angriffen. Nach dem Motto: „Wir brauchen keine Böllerdebatte, sondern eine Migrationsdebatte“ nutzt mancher dieses Problem für den Ausdruck des eigenen Rassismus, der im Übrigen keine Lösung ist. Will uns jemand weismachen, dass in ganz Deutschland die Deutschen mit einer allein in Deutschland über viele Generationen stattgefundenen Familiengeschichte allesamt friedlich Minikracher zündeten und dann den Dreck in die Tasche schoben? Keine Angriffe auf den „Staat“ in Sachsen, keine Randale in Brandenburg oder Niedersachsen?

Das Problem anzusprechen, bedeutet auch: Zu schauen, dass mehr Böllern und mehr an Angriffen in Kiezen stattfand, in denen Menschen mit einer vielfältigeren Familiengeschichte wohnen. Die Polizei hat versucht darauf zu reagieren, indem sie böllerfreie Zonen aussprach – aber diese waren nicht weitflächig genug. Und es ist auch kaum möglich, das Verbot einer gewissen Produktnutzung durchzusetzen, wenn es nebenan wieder erlaubt ist.

Was helfen würde

Es ist also mitnichten so, dass wegen einer kleinen Gruppe von „Ausländern“ der arme Michel nicht mehr böllern soll. Gemeinsam ist all diesen Böllereien, dass hinter ihnen junge Männer stehen, wo und woher auch immer. Sie spielen Krieg. Sie setzen in dreidimensionalem Format um, was sie bisher vom Bildschirm kannten. Warum sollte man ihnen diese Armseligkeit erlauben? Diese sehr männlich definierte Gewalt? Dieser kurze Moment, in dem sie glauben, die Straße zu regieren?

Es nützt nichts: Ein Verbot muss her, denn nur wenn die Ware sich reduziert, wird weniger geböllert. Dem Deppen muss die Depperei erschwert werden. Das funktioniert nur massiv und flächendeckend, braucht Zeit. Aber der Anfang muss nun gesetzt werden. Und sage keiner, dass dann traurige Silvester drohten. Dies wäre nur Ausdruck eines ganz anderen Mangels.

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